Besuch in der Berliner Ausländerbehörde : Ungewissheitsstress im Wartesaal

Unser Autor wollte schnell einem Freund helfen, morgens vor der Arbeit. Doch so einfach war das nicht. Ein Besuch in der Ausländerbehörde am Friedrich-Krause-Ufer.

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Ein Schild in der Amrumer Straße im Wedding verweist auf die Behörde.
Ein Schild in der Amrumer Straße im Wedding verweist auf die Behörde.Foto: imago

Als ob es was umsonst gäbe, hetzt im strömenden Morgenregen ein Dutzend durchnässter Frühaufsteher am Friedrich-Krause-Ufer entlang in die Berliner Ausländerbehörde. Uns hat der nette Beamte am Telefon vor ein paar Tagen geraten: Wenn wir an diesem Werktag so zeitig antreten, sei die Wartezeit verkraftbar. Die meisten Berliner haben wohl schon in Behörden angestanden, aber zum Friedrich-Krause-Kasten verschlägt es nur eine Minderheit. Wir begleiten einen Bekannten, dessen Pass vor 13 Jahren konfisziert und an eine osteuropäische Botschaft übersandt wurde, von der er bislang ein gültiges Dokument nicht mehr erhalten hat. Ohne uns hätte er sich in die Ausländerbehörde, wo es beim letzten Mal um seine Abschiebung ging, wohl nicht mehr getraut.

Als wir um 7:13 Uhr den Wartesaal im dritten Stock betreten, ist der mittelgroße Raum voll besetzt. Unauffällige, folkloristische, elegante, schmuddelige, alte, junge Kunden; Halbstarke, Mütter, Kinder, Omas, Männer im Trupp oder solo. Ungefähr 100. Wir ziehen Warte-Nummer 473 und finden zwei letzte Bankplätze in der Ecke, mit Blick auf die Wand. Wenn es Klingklang macht, wechseln im digitalen Anzeigekasten die roten Zahlen: sechs aufgerufene Ziffern und die jeweils zugeordnete Zimmernummer. Klingklang: 423. Bei jedem Klingklang verdrehen wir den Hals hoffnungsvoll um 90 Grad zur Anzeige, denn die Zahlen erscheinen nicht in logischer Folge, sondern nach einem geheimnisvollen Zufallssystem. Wir sind in einer Realität angekommen, an der weder die Besetzung noch die Räumung des Oranienplatzes etwas geändert hat: auf dem Planeten, wo wir zuerst eine Nummer sind.

Vielen droht Abschiebung

Das eine Plakat an der Wand präsentiert zwei smarte Ausländer, die uns auffordern, sich den „elektronischen Aufenthaltstitel“ online zu besorgen. Für unbeleckte Deutsch-Muttersprachler sind die verwendeten Termini kaum zu verstehen. Das andere Plakat zeigt eine kopftuchtragende Frau mit munterem Werbesprech: „Berlinerin. Deutsche. Ich. Deine Stadt. Dein Land. Dein Pass. Einbuergerung-jetzt.de“. An vielen in diesem Raum, die höchstens vom Duldungs-Status träumen, dürfte diese Einladung vorbeigehen. Die Bänke sind jetzt noch dichter besetzt. Der Murmelpegel steigt. Es wird telefoniert. Eine Oma döst, den Kopf auf der Lehne. Die Luft: zum Schneiden. Jemand kippt das Fenster. Wir stellen uns schnappend an den Schlitz neben erschöpfte Topfpflanzen. Die Skyline von Moabit nach Wedding breitet sich vor uns aus: Baumarkt, Bahntrasse, Kirchturm, Tankstelle. Unten rollt eine Polizeiwanne zum Eingang. Wir zucken zusammen. Jemand, dem es zieht, schließt das Fenster. Um 8:46 Uhr blinkt Nr. 473 – klingklang – für Zimmer 389. In der Kabine mit Sprechscheibe skizzieren wir 90 Sekunden lang unser simples Anliegen und den etwas komplexen Hintergrund, erhalten als neue Nummer: 160. Und sitzen, schwupps, wieder im Wartesaal.

Während des langen zweiten Aktes ändert sich die psychologische Dramaturgie. Die Akte für Nr. 160 wird nun eingesammelt? Eine Stunde. Dass höhere Ziffern vor uns drankommen, mag vieles bedeuten. Zwei Stunden. Ein bestimmtes Papier findet sich nicht? Die Sache muss beraten werden? Erfordert Maßnahmen? Wir versuchen, das Hin und Her der Zahlen, die manchmal viermal dasselbe Zimmer mit derselben Wartenummer zeigen, irgendwie kabbalistisch zu deuten. Drei Stunden. Zeitung ausgelesen, Mails auf dem Laptop beantwortet. Zu mehr reicht die Konzentration nicht. Anruf im Büro: Wir müssen heute frei nehmen. Hatten damit nicht gerechnet. Und auch kein Picknick dabei! Unser Bekannter fürchtet, im falschen Moment aufs Klo zu gehen. Kloß im Hals, Loch im Magen.

Die Panik steigt mit dem Warten

Die Stimmung unter den Anwesenden im Ungewissheitsstress ist eindrucksvoll entspannt. Die Oma döst immer noch. Wir versuchen, unsere aufziehende Panik, dass hier irgendwo nebenan etwas Schlimmes vorbereitet werden könnte, rational abzuwehren. Wie wäre das wohl, Monat um Monat, Jahr um Jahr, im Wartesaal des Rechtsstaates mit Illusionen, Hoffnungen, Albträumen, Improvisationen, Drohungen, Versprechen zu verbringen, während das Leben dabei irgendwie vorbeigesaust ist? Um 12:58 Uhr wird Nummer 160 für Zimmer XYZ aufgerufen. Klingklang.

„Gehen wir mit Gott“, sagt unser Bekannter, von dem wir so etwas noch nie gehört haben.


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