Baggerfahrer mit Feingefühl

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Bomber und Entschärfer : Zwei Leben in Gefahr
Karoline Kuhla
Gefahr durch Altlasten. Polizeifeuerwerker Dietmar Püpke lebt mit einem Risiko, das durch den inneren Zerfall der Bomben eher noch größer wird.
Gefahr durch Altlasten. Polizeifeuerwerker Dietmar Püpke lebt mit einem Risiko, das durch den inneren Zerfall der Bomben eher noch...Foto: dpa

Alle Luftaufnahmen der Alliierten aus dem Zweiten Weltkrieg helfen heute in Berlin bei der Suche nach Blindgängern. Mit dem Senatsbeschluss 672 hatte das Berliner Abgeordnetenhaus 1984 entschieden, das Luftbildarchiv der Alliierten aufzukaufen. 2009 wurde das Archiv nach gezielter Recherche durch weitere Bilder aufgestockt. Auf den Fotos sind nun die Stellen markiert, an denen Blindgänger vermutet werden. Berlin ist zu groß, um es flächendeckend abzusuchen. Aber Bauherren können ihr Grundstück auf Blindgänger überprüfen lassen. 1500 solcher Anträge pro Jahr gibt es, davon wird in 100 Fällen tatsächlich vor Ort gesucht.
Nicht alle Bauherren stellen einen Antrag. Dass Blindgänger auf Baustellen gefunden werden, ist darum der Klassiker. "Berliner Baggerfahrer haben ein gutes Feingefühl", sagt Püpke, "sie merken sofort, wenn sie nicht nur Erde auf der Schaufel haben." Schaufel vorsichtig absetzen, sofort raus, Polizei anrufen, lautet für solch einen Fall die offizielle Empfehlung. Den Bauherrn kostet das nichts, auch nicht, wenn es sich um einen Fehlalarm handelt. "Lieber einmal mehr anrufen als einmal zu wenig", sagt Püpke. Erreicht ihn ein solcher Anruf, klärt Püpke als Erstes: Wo liegt der Blindgänger? Welche Nation hat die Bombe? Ist sie bewegt worden? Ob es britische, russische, amerikanische oder deutsche Munition ist, gibt Aufschluss über den Zünder. Pro Jahr müssen er und seine Kollegen durchschnittlich zwölf größere Bomben entschärfen.

Zünder mit Ausbausperre
Dafür muss Püpke vor Ort entscheiden: Wie lässt sich der Zünder ausbauen? Von Hand? Selten. Einige englische Zünder sind mit einer Ausbausperre versehen, ein kleiner Stift sorgt dafür, dass der bloße Ausbauversuch die Bombe hochgehen lässt. Modern ist das Verfahren der Hochdruckwasser-Schneidtechnik, wie sie bei der Bombe 2005 Unter den Linden und bei der Göttinger Bombe anno 2010 angewandt wurde: Mithilfe eines Hochdruckwasserstrahls fräst Püpke den Zünder aus der Ummantelung der Bombe. Klassischerweise wird der Zünder aus der Bombe gesprengt: Dafür bohrt Püpke zwei Löcher nah am Zünder und füllt sie mit Sprengstoffkabel. Eine gezielte Sprengung lässt den Mantel des Blindgängers aufplatzen, der Zünder fliegt heraus - ohne dass das TNT innerhalb der Bombe explodiert. Da das Risiko besonders hoch ist, dabei den Sprengstoff der Bombe zu entzünden, wird der Blindgänger nach Möglichkeit mit Sand abgedeckt. Danach wird der Sprengerfolg überprüft. Ist der Zünder vom Sprengstoff getrennt, hat Püpke die größte Gefahr hinter sich. Der Zünder wird dann vernichtet, der Sprengstoff im Grunewald verbrannt.
Das größte Risiko bergen britische und amerikanische Blindgänger mit Zeitzündern. 70 Jahre lagen sie in der Erde, waren konstant Wärme, Druck, Wasser ausgesetzt. Kommen die Bomben zum Vorschein, verändern sich Temperatur und Luftfeuchtigkeit schlagartig, die Auswirkungen können verheerend sein. Doch nicht nur, wenn sie freigelegt wird, ist eine solche Bombe gefährlich. Im Verborgenen arbeitet die Chemie des Zünders unberührt und unbemerkt. Innerhalb des Langzeitzünders sind höchst empfindliche Stoffe eingesetzt: Ein Schlagbolzen wird durch Zelluloidscheiben gehalten. Zerbröselt das Zelluloid, schiebt eine Spiralfeder den Bolzen nach vorne - die Bombe explodiert. Theoretisch, so bestätigt Püpke, sei bei Blindgängern dieser Art eine "Selbstdetonation jederzeit möglich". Bisher gab es in Berlin erst eine Selbstdetonation in den achtziger Jahren. "Aber mit der fortschreitenden Zeit wird dieses Risiko immer größer."

Ein toter Sprengstoffexperte im Einsatz pro Jahr
Seit elf Jahren ist Dietmar Püpke Polizeifeuerwerker. Schon als Kind habe er sein Spielzeug auseinandergenommen, um den Aufbau zu verstehen, sagt er. Der ausgebildete Maschinist ist nach dem Militärdienst Polizist geworden. Mit 30 ging er dann ein zweites Mal in die Lehre, er wollte Feuerwerker werden. Seinen 35. Geburtstag hat Püpke mit Kollegen auf dem Müggelsee verbracht: Sie fischten Bomben aus dem Wasser, versenkt von Sowjetsoldaten in der DDR. "Nach sechs Bomben à 50 Kilogramm haben wir erst mal aufgehört zu zählen", erinnert sich Püpke. Am Ende waren es 25.
Im Flur vor Püpkes Büro hängt eine Ikone der Heiligen Barbara, die Schutzheilige der Feuerwerker. Im Durchschnitt stirbt jedes Jahr bundesweit ein Sprengstoffexperte im Einsatz. Elf sind es seit dem Jahr 2000, die beim Versuch, Weltkriegs-Blindgänger unschädlich zu machen, ihr Leben ließen. Erst 2010 starben drei Menschen, als in Göttingen die Entschärfung einer Zehn-Zentner-Bombe mit Säure-Langzeitzünder fehlschlug. Dass die Bomben nach wie vor gefährlich sind, zeigte sich auch Anfang Januar, als eine Fliegerbombe im nordrhein-westfälischen Euskirchen einen Baggerfahrer in den Tod riss.

Wie geht man mit dem Risiko um, das dieser Beruf mit sich bringt? "Wer als Feuerwerker Dienst verrichtet, weiß, dass sich das zum Nachteil von Leben und Gesundheit wenden kann", kommentiert Püpke gewohnt nüchtern. Es klingt, als zitiere er eine Warnvorschrift. Es zeigt: Die Gefahr der Bombe ist für Dietmar Püpke eine abstrakte Größe, seine emotionale Ruhe berührt sie nicht.

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