Boris Johnson über die deutsche Hauptstadt : "Wir können viel von Berlin lernen"

Ein tolles Nachtleben, entspannte Menschen - und keine Spur von preußischem Militarismus: In einem Zeitungsbeitrag erklärt Londons Bürgermeister Boris Johnson seine Liebe zu Berlin. Wir haben den Originaltext für Sie übersetzt.

Boris Johnson
Blick auf die Oberbaumbrücke: Boris Johnson liebt Berlin. Foto: afp
Blick auf die Oberbaumbrücke: Boris Johnson liebt Berlin.Foto: afp

Es ist alles wunderbar. Vor mir auf der gelben Tischdecke steht ein stiefelgroßes Glas kaltes Pils, direkt daneben eine reichliche Platte mit Würstchen und Kartoffeln – alles zu einem vernünftigen Preis. Und überall um mich herum habe ich den Eindruck fieberhafter teutonischer Gelassenheit.

Ich sehe Deutsche, die im frischen Wasser des Wannsees herumtollen, und ich sehe Deutsche, die sorgfältig organisierte Picknicks an Europas längstem inländischen Strand genießen; deutsche Mädchen, die Selbstgedrehte rauchen und dabei Erdbeerkörbe herumreichen, und altertümlich anmutende deutsche Männer, braungebrannt, die Fitnessübungen in der Sonne machen. Der Himmel ist blau und das Blattwerk der Eichen so dicht, dass der Schatten fast schwarz ist; und wie in enthusiastischer Ekstase für diese unglaubliche Stadt Berlin hebe ich aufs Neue mein Glas und denke an meine Großväter.

Sie beide haben gegen die Deutschen gekämpft, müssen Sie wissen, und ich denke nicht, dass es sie stören würde, dass ich das jetzt sage. In beiden Fällen war ihre Erfahrung ziemlich schrecklich. Einer meiner Großväter war zu einer Bruchlandung seines Flugzeuges in Cornwall gezwungen, was schlimme Folgen hatte. Mein anderer Großvater – mütterlicherseits – hat gesehen, wie sein bester Freund im Mittelmeer ertrank, als ihr Schiff entzweibrach. Für den Rest seines Lebens hatte er einen Rat von höchster Bedeutung für die Welt. Wenn wir Frieden wollten, wenn wir Glück wollten, dann gab es eine Sache, die wir vermeiden mussten. „Was auch immer wir tun“, pflegte er mir zu sagen, „wir müssen die Deutschen von der Wiedervereinigung abhalten.“

Berliner Street Art
"Wer die Wahrheit gegen die Herrschenden sagt, wird verfolgt ..." Ein neues Karl-Marx-Werk von Street-Art-Künstlerin Marycula am Kino Intimes in Friedrichshain . Liebe Leserinnen, liebe Leser: Senden Sie Ihre Berliner Street-Art-Fotos an leserbilder@tagesspiegel.de! - Foto: Marycula MaryculaWeitere Bilder anzeigen
1 von 734Marycula
21.07.2017 13:19"Wer die Wahrheit gegen die Herrschenden sagt, wird verfolgt ..." Ein neues Karl-Marx-Werk von Street-Art-Künstlerin Marycula am...

Er wollte das geteilte Deutschland in zwei überschaubaren Stücken behalten – Ost und West. Dieser Mann war kein Dampfplauderer. Er war kein unbeherrschter Fremdenhasser. Ganz im Gegenteil, er war Präsident der Kommission des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte, aber trotzdem glaubte er, dem Induktionsprinzip folgend, dass man Deutschland nicht trauen könne. Sie haben es 1914 gemacht, sie haben es 1939 gemacht, und wenn man ihnen die kleinste Chance gibt, glaubte er, würden sie es wieder tun.

Zwei Jahrzehnte nach der Wiedervereinigung haben wir, billigen Flügen sei Dank, unseren Kindern die Hauptstadt des wiedervereinigten Deutschlands gezeigt – das Herz der mit Abstand bedeutendsten Wirtschaftsmacht in Europa – und ich muss sagen, dass mein erfahrener Großvater widerlegt wurde. Alles hier sagt mir, dass seine Ängste grundlos waren und dass die Wiedervereinigung Deutschlands eine der größten Erfolgsgeschichten moderner Weltpolitik war. Ich sehe mich im modernen Berlin um und ich sehe keinen preußischen Revanchismus. Ich sehe nicht das geringste Zeichen deutschen Militarismus. Ich habe niemanden gesehen, der die Hacken zusammenschlägt oder sich beherrschen muss, damit sein rechter Arm nicht in die Höhe schießt.

Ich sehe eine Kultur, die so cool und so naturliebend ist, dass das Fahrrad König ist. Ich sehe ein Paradies für Fahrradfahrer, wo sich die helmlosen Horden über die weiten Alleen schlängeln und wo ein Mercedes ehrerbietig wartet, bis eine Familie seine schnurrende Motorhaube passiert hat. Das ernsthafteste Problem öffentlicher Ordnung im Moment ist die Angewohnheit der Berliner, ihrer Freikörperkultur nachzugehen, indem sie tatsächlich Geschlechtsverkehr in einem ihrer großartigen Parks haben. Aber das Klima sozialer Gerechtigkeit ist so gut, dass die Strafen angepasst werden: Wenn man in flagranti in den Büschen erwischt wird und einen Job hat, muss man 150 Euro zahlen – aber nur 34 Euro, wenn man arbeitslos ist. Wenn das nicht mitfühlend ist, dann weiß ich nicht was sonst.

Berlin skurril
Straßenbegrünung in Schöneberg: Beet anlegen und warten, was sich ablagert oder Wurzeln schlägt. Liebe Leserinnen, liebe Leser: Senden Sie Ihre skurrilen Berlin-Fotos an leserbilder@tagesspiegel.de! Foto: Wilhelm OberließWeitere Bilder anzeigen
1 von 790Foto: Wilhelm Oberließ
heute 13:58Straßenbegrünung in Schöneberg: Beet anlegen und warten, was sich ablagert oder Wurzeln schlägt. Liebe Leserinnen, liebe Leser:...

Man fährt in Berlin herum und es fühlt sich nicht wie die neue Hauptstadt eines Weltreiches an. Es gibt keinen übertriebenen Stolz, keinen Pomp. Tatsächlich gibt es nicht einmal so viel Betriebsamkeit – anders als in London hat Berlins Bevölkerung über die vergangenen Jahre auf mysteriöse Art und Weise abgenommen. Es ist keine Weltstadt, es ist kein Magnet für Immigranten, es leidet immer noch unter den Folgen der Lage mitten in der ehemaligen DDR.

Aber die Berliner scheinen jung und hip zu sein, angezogen von ihrem offensichtlich ziemlich tollen Nachtleben und viele von ihnen scheinen britisch zu sein. Wenn ich jetzt in meinen Zwanzigern wäre und London hätte verlassen müssen, dann glaube ich, wäre Berlin der Ort meiner Wahl gewesen. Die Mieten sind billig, das Essen im Restaurant kommt in angemessenen germanischen Portionen und überall kann man aufgeweckte Menschen mit Tattoos finden, die in ihren eigenen Start-Up-Unternehmen arbeiten. Man guckt sich die Berliner heute an und fragt sich selbst, um was es bei dieser Aufregung vor 24 Jahren eigentlich ging. Da gab es Menschen wie meinen Großvater und Margaret Thatcher, die eine deutsche Wiedervereinigung instinktiv ablehnten, weil sie sich daran erinnerten, was Deutschland in zwei Weltkriegen angerichtet hatte. Dann gab es da die europäischen Föderalisten, die argumentierten, dass das Land in Europa „eingesperrt“ werden müsse. Wir bräuchten eine gemeinsame Währung um Deutschland „im Zaum zu halten“, behaupteten sie, als ob die Deutschen als lose Kanon über das europäische Achterdeck rollten, kurz davor, unschuldige slawische Nationen zu zerquetschen. Was für ein Quatsch das war.

Wir müssen Deutschland nicht mit einer gemeinsamen Währung oder irgendeiner anderen föderalistischen Erfindung „einsperren“. Das war ein Desaster für nicht-deutsche Teile der EU und der Euro verursacht nun so viel Schaden in der europäischen Peripherie, dass sogar deutsche Exporte darunter leiden. Es war nicht der Euro, glaube ich, der die Deutschen vom Militarismus heilte.

Man guckt sich in Berlin um und was dich am meisten trifft, ist, wie viel der Stadt dem Boden gleichgemacht wurde. Es gibt kaum ein Vorkriegsgebäude, das nicht Narben russischer Granaten oder alliierter Bomben trägt. Diese Stadt stand im Zentrum der zwei schlimmsten Fälle von Psychose in Europa – erst Faschismus und dann Kommunismus. Dieses erweiterte Trauma hinterließ ein verändertes Deutschland.

Gezettelt in Berlin
Pädagogische Unterstützung am S-Bahnhof Charlottenburg Foto: Regina KramerWeitere Bilder anzeigen
1 von 1425Foto: Regina Kramer
21.08.2017 13:24Pädagogische Unterstützung am S-Bahnhof Charlottenburg

Ich kann verstehen, warum die Generation meines Großvaters so fühlte wie er, aber es ist Zeit, das alles zu vergessen und das neue Deutschland zu umarmen. Wir haben viel zu lernen und zu verstehen. Wie kommt es, dass achtbare Männer und Frauen denken, es ist normal, sich mitten im Äquivalent des Hyde-Parks auszuziehen? Warum klatschen sie wie Italiener, wenn ihr Flugzeug landet? Warum sind sie so gut darin, Maschinen und Autos zu bauen? Wir haben eine ganze Menge zu bewundern und zu kopieren, darunter nicht zuletzt ihren Umgang mit Fahrradfahrern.

Wir haben absolut nichts zu fürchten.

Der Text erschien in englischer Fassung in der britischen Zeitung „The Telegraph“. Übersetzt von Torben David.

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