Bürger unzufrieden : Tiefschlag für Berliner Verwaltung

In einer deutschlandweiten Vergleichsstudie belegt die Berliner Verwaltung in allen Kategorien den letzten Platz. Auch wenn es vereinzelte Hoffnungsschimmer gibt, sind schnelle Verbesserungen unwahrscheinlich. Dafür fehlt Personal und Geld.

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Das Bürgeramt im Rathaus Kreuzberg.
Das Bürgeramt im Rathaus Kreuzberg.Foto: Mike Wolff

Berlin hat einen neuen Rekord aufgestellt: Nirgends sind die Bürger so unzufrieden mit ihrer Verwaltung wie hier. In einem Vergleich der 15 größten deutschen Städte für das Magazin „Focus Money“ belegte die Hauptstadt in allen sechs Hauptkategorien den letzten Platz – und das gleichermaßen bei Familien, Senioren und Singles mit ihren naturgemäß unterschiedlichen Erwartungen.

Die genauere Betrachtung des vom Kölner Institut „Service Value“ erstellten Rankings zeigt, dass Berlin in keinem Bereich auch nur den Durchschnitt der untersuchten Städte erreicht. Bei städtischem Kultur- und Freizeitangebot, öffentlichem Nahverkehr, Müllabfuhr, Gesundheitsversorgung und Bildungseinrichtungen liegt die Hauptstadt zumindest nicht völlig abgeschlagen. Ganz finster sieht es dagegen bei öffentlicher Ordnung und Sicherheit sowie dem Umgang der Verwaltung mit Beschwerden aus. „Der Bürger erwartet schlichtweg mehr von seiner Verwaltung, als sie bis dato zu leisten imstande ist“, resümiert Service-Value-Geschäftsführer Claus Dethloff gegenüber dem Tagesspiegel. Da dieser Eindruck der Bürger durchaus subjektiv sein könne, müsse die Verwaltung möglicherweise einfach mehr für ihre Angebote und Erfolge trommeln – etwa für die telefonische Terminvergabe statt stundenlanger Warterei im Bürgeramt oder die in manchen Ämtern inzwischen üblichen Samstagsöffnungen. Das der angeblich Berlin typische Hang zum Meckern die Hauptstadt zurückgeworfen habe, glaubt der Meinungsforscher nicht: Zwar führt Düsseldorf die Liste klar an, aber auf dem vorletzten Platz ist mit Köln ebenfalls eine Stadt aus dem Einzugsgebiet des rheinischen Frohsinns gelandet.

Tatsächlich beruht der Vergleich nicht auf objektiven Kriterien wie Wartezeiten oder Kosten, sondern auf einer Befragung von Bürgern. Die ist laut Dethloff repräsentativ, obwohl von bundesweit 2806 Befragten nur 238 Berliner waren – also rechnerisch kaum 20 pro Bezirk. Dethloff betont, dass die Befragung wenige Tage vor der Verschiebung der Flughafeneröffnung abgeschlossen worden sei, also nicht unter dem Eindruck dieser Blamage gestanden habe.

Dennoch ist die Studie – wie alle anderen auch – aus Sicht des Verwaltungsexperten Christoph Reichard mit Vorsicht zu genießen. Der Professor der Uni Potsdam und jahrzehntelange Kenner der Berliner Behörden betont, dass ein „Stammtisch-Ergebnis“ immer schlechter ausfalle als eine konkrete Fallanalyse. Im Klartext: Wenn Menschen staatliche Stellen allgemein beurteilen sollen, meckern sie eher, als wenn man sie bei einer konkreten Erledigung direkt im Bürgeramt abpassen würde. Auch „überlagert der Skandal bei der S-Bahn die relativ gute Performance der BVG“. Allerdings beträfen solche Phänomene auch Städte, die besser abgeschnitten haben.

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