Chefdirigent des Deutschen Symphonie-Orchesters : Tugan Sokhiev verlässt Berlin

Tugan Sokhiev bleibt nur noch bis 2016 Chefdirigent beim DSO. Er will sich mit ganzer Kraft seinem Posten als Musikdirektor am Moskauer Bolschoi Theater widmen. Das DSO kann dennoch optimistisch in die Zukunft blicken.

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Tugan Sokhiev wurde am 22. Oktober 1977 in Wladikawkas, Nordossetien, geboren. Seit 2012 leitet er das Deutsche Symphonie-Orchester Berlin.
Tugan Sokhiev wurde am 22. Oktober 1977 in Wladikawkas, Nordossetien, geboren. Seit 2012 leitet er das Deutsche...Foto: Doris Spiekermann-Klaas

In Russland pflegt man bekanntlich eine politische Kultur, die sich aus westlicher Sicht, gelinde gesagt, oft unkonventionell ausnimmt. Und auch die Kulturpolitik funktioniert in Moskau nach Regeln, die wir hierzulande eher mit dem Gebaren von Fussballvereinen assoziieren. Anfang Dezember 2013 wurde Vassili Sinaiski als musikalischer Leiter am Bolschoi-Theater gefeuert, dem großen Opernhaus der russischen Hauptstadt. Keine sechs Wochen später stand bereits sein Nachfolger fest: Tugan Sokhiev, geboren 1977 in Nordossetien und seit Herbst 2012 in Berlin tätig als hochgeschätzter Chefdirigent des Deutschen Symphonie-Orchesters (DSO).

So schnell gehen Stabwechsel in den zentraleuropäischen Metropolen nicht vonstatten. Mehrere Jahre Vorlaufzeit sind hier die von allen Seiten akzeptierte Regel. Darum hat Tugan Sokhiev auch jetzt schon bekannt gegeben, dass er seinen Vertrag mit dem DSO nicht über den Sommer 2016 hinaus verlängern wird. Weil er seine ganze Arbeitskraft für das Bolschoi-Theater braucht. „Die Aufgaben, die ich zu Jahresbeginn in Moskau übernommen habe, sind gewaltiger, als dies zur Zeit meiner Amtsübernahme abzusehen war“, lautet die diplomatische Formulierung des 36-jährigen Maestro.

Für Tugan Sokhiev geht ein Lebenstraum in Erfüllung

Mit anderen Worten: In dem Theater geht es drunter und drüber. Weil der Job in der Hauptstadt seines Heimatlandes aber für Tugan Sokhiev die Erfüllung eines Lebenstraumes ist, will er sich an die Herkulesaufgabe machen. Das jedoch erfordert nach seiner eigenen Einschätzung „zu viel Präsenz und Aufmerksamkeit, als dass ich guten Gewissens bei meinem Orchester in Berlin verbleiben könnte.“ Ob er auch seinen Posten beim Orchestre National de Toulouse aufgeben wird, steht noch nicht fest.

Es ehrt Tugan Sokhiev, wenn er keiner dieser Turbo-Maestri sein will, die Chefposten sammeln wie andere Briefmarken. Die jetten dann rastlos um den Globus und stürzen stets mit gezücktem Taktstock vom Flughafen direkt in den Probensaal. Der künstlerischen Arbeit tut das selten gut.

Andererseits geht Tugan Sokhiev mit seiner Entscheidung, den Berliner Job zugunsten des Moskauer Engagements aufzugeben, ein hohes Risiko ein: Denn der Dirigentenplatz im Orchestergraben des prachtvollen Bolschoi-Theaters ist nun mal ein Schleudersitz.

Das DSO sollte kein Problem haben, einen Nachfolger zu finden

Das Deutsche Symphonie-Orchester übrigens dürfte kein Problem haben, einen erstklassigen Nachfolger für Sokhiev zu finden. So gut wie die Musiker derzeit spielen – auch dank der Arbeit, die der Russe hier seit 2012 geleistet hat. Gleich bei der allerersten Begegnung im Jahr 2003, als der blutjunge Maestro im Rahmen der Konzertreihe „Debüt im Deutschlandradio“ erstmals in Berlin auftraf, funkte es zwischen ihm und dem DSO. Schnell wurde er nach dem Ausscheiden des damaligen Chefdirigenten Ingo Metzmacher zum Wunschkandidaten. Da der Senkrechtstarter Sokhiev aber weltweit umworben wird, dauerte es mehrere Jahre, bis er sein Amt in Berlin tatsächlich antreten konnte. Genauso schnell wie die Musiker schlossen ihn dann aber auch die hauptstädtischen Klassikfans ins Herz.

Was die Berliner an ihrem DSO schätzen, sind die stilistische Wendigkeit, der schlanke Ton sowie die Offenheit für Repertoire jenseits des Mainstream. Mit dem Klangfarbenmagier Sokhiev sind die Musiker seitdem auf eine neue Qualitätsebene vorgestoßen – und in die Top Ten der deutschen Spitzenorchester.

So groß die Trauer über Tugan Sokhievs angekündigten Abgang beim DSO und seinen Stammgästen jetzt auch sein mag – es dauert noch zwei volle Spielzeiten, bis der Dirigent tatsächlich „do swidanja“ sagen wird. Diese Zeit gilt es intensiv zu genießen. Im November beispielsweise wird Tugan Sokhiev zwei Programme mit dem DSO erarbeiten, am 1. Dezember gastiert er mit seinem französischen Orchester in Berlin und zwei Wochen später ist er dann bei den Berliner Philharmonikern eingeladen. Klingt gut.

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