Berlin : Chronist des Chic

Das Stadtmuseum zeigt eine Hommage an den Modezeichner Gerd Hartung

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Selbst, als er schon hoch in den Achtzigern war, besuchte Gerd Hartung noch jede Modenschau, die in Berlin gezeigt wurde. Klein, bebrillt und aufmerksam saß er in der vordersten Reihe. Am Ende seines Lebens gab es niemanden, der so lange Teil der Berliner Modeszene gewesen war wie der passionierteZeichner. Über 60 Jahre lang hatte er die Wandlungen der Berliner und der internationalen Trends in seinen Skizzen festgehalten. Im Jahr nach seinem Tod widmet ihm das Stadtmuseum die Ausstellung „Gerd Hartung, Chronist der Berliner Mode“.

Eingebettet in die Dauerausstellung „Berliner Chic“ im EphraimPalais sind rund 100 Skizzen von 1928 bis 1993 zu sehen. Wie elegant sie sind, die Frauen mit den spitzen Schühchen, den feinen Näschen und schmalen Taillen! Ob Cocktail- oder Nachmittagskleid, ob Skianzug oder Abendrobe – bis zum Schluss ist es eindeutig die Dame, die Hartungs Modewelt bevölkert. Der Zeichner hat die Berliner Modemacher der 30er Jahre alle gekannt: Schulze & Bibernell, Annemarie Heise oder Hilda Romatzki und die jüngere Generation – darunter Heinz Oestergaard –, die nach dem Krieg mit ihrer eigenen Version von Christian Diors „New Look“ Schönheit und Eleganz propagierte. Hartung dokumentierte die Arbeiten von Berliner Salons wie Staebe-Seeger, Schwichtenberg, Uli Richter. Die machten auch nach dem Krieg noch weiter, im Westen der geteilten Stadt. Doch die Berliner Modetradition, die während des Dritten Reichs durch die Vertreibung der jüdischen Konfektionäre schwer erschüttert worden war, wurde durch den Mauerbau endgültig zerstört.

Gerd Hartung, 1913 am Kurfürstendamm geboren und seit 1934 als Modegrafiker tätig, hat das alles überlebt – und dann erlebt, wie die Berliner Modeszene Ende der Achtziger langsam wieder wuchs. Am neuen Aufschwung hatte er selbst Anteil als Dozent am Lette-Verein und Honorarprofessor an der Hochschule der Künste. Publizistisch war Hartung lange aktiv: Für den Tagesspiegel zeichnete er von 1946 bis in die 90er. S.N.

Ephraim-Palais, Poststr. 16 (Mitte), täglich außer montags 10-18 Uhr.

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