Berlin : Das ist der Berliner Duft

Wo Wüstenwind vier Euro kostet: Die Parfümerie Lehmann ist eine der letzten in Deutschland, die eigene Kreationen verkauft

Christine Berger

Ein Hauch von Maiglöckchen liegt in der Luft. Wer zur Tür der Parfümerie Lehmann hereinkommt, lässt das Winterwetter hinter sich und riecht den Frühling. Gläserne Flakons, Flaschen und riesige Gefäße stehen in Reihe und Glied auf einem Buffet aus den 1950er Jahren. Die Aufschriften zeugen von Sehnsucht nach der großen weiten Welt: New York heißt ein Duft, ein anderer nennt sich Wüstenwind. Vier Euro kosten hundert Gramm dieses Eau de Cologne, das Lutz Lehmann, Besitzer in dritter Generation, selber herstellt. Auf einer Messingwaage wird genau abgewogen, Stammkunden bringen ihre alten Fläschchen mit und lassen nachfüllen. 1926 eröffnete Harry Lehmann an der Potsdamer Straße sein Geschäft, zog dann in die Friedrichstraße und nach dem Krieg in den Westen. Seit 1958 ist die Parfümerie unweit der Fußgängerzone Wilmersdorfer Straße eine Institution für alteingesessene Charlottenburger. Aber auch aus anderen Stadtteilen kommen Kunden, um sich einen neuen Duft abfüllen zu lassen.

Zum Beispiel Ronald Holloway. Der Journalist aus Chicago schaut regelmäßig vorbei, wenn er seiner Frau eine Freude machen will. Heute wählt Holloway einen Rosenduft namens „Rose Jacques“. Der Einkauf war eine Sache von fünf Minuten – schließlich kommt der Amerikaner seit zehn Jahren hier her. Ein bisschen länger brauchen Mark und Britta Lange aus Prenzlauer Berg. Er möchte ihr einen Duft schenken, ist dabei aber nicht ganz selbstlos: Der Gatte kann sich mit den favorisierten Kreationen „Valerie“ (moosig) und „Larissa“ (erogen, blumig) nicht so recht anfreunden. Schließlich entdeckt er seinen Favoriten: „Point of no Return.“ „Das gab es schon, als ich vor einem Jahrzehnt das letzte Mal hier war.“

Während im Laden Hochbetrieb herrscht, tüftelt der Parfümeur – einer der letzten in Deutschland – an neuen Kreationen. Vier Düfte hat Lehmann allein im vergangenen halben Jahr gezaubert. Mit Hilfe von Reagenzgläsern, Trichtern und dem allerwichtigsten: seiner Nase. „Das Riechen ist die eigentliche Kunst“, sagt Lehmann, der seine Inhaltsstoffe vor allem in Südfrankreich und Norditalien einkauft, etwa Patschuli oder Rosenessenzen. „Dort hat fast jedes Dorf einen Parfümeur.“ Immer öfter werden Zutaten für Parfüms künstlich hergestellt, doch nach wie vor benutzt Lehmann jede Menge Grundstoffe, die in der Natur vorkommen, etwa Orangenessenzen oder Ambra. „Das stammt vom Walfisch“, erklärt der Mittfünfziger. Da es aber immer weniger Walfische gebe, sei der Stoff fast unerschwinglich und werde fast nur noch synthetisch produziert. „Ich stelle kein Parfüm aus rein künstlichen Stoffen her, und das wird auch so bleiben“, sagt Lehmann. Ausgesprochen künstlich geht es dagegen im anderen Teil des Ladens zu. Hier verkauft Lehmann Kunstblumen und -bäume aller Art. Vom Elefantenbaum bis zum Adventskranz ist alles aus Plastik und sieht doch täuschend echt aus. Auf die Mischung aus Parfümerie und Kunstblumenhandlung kam der Großvater. Für einen Duft braucht es schließlich einen Träger, und das muss nicht nur das Ohrläppchen sein. „Viele kaufen einen Rosenstrauß und den passenden Rosenduft dazu“, erzählt Lehmann. „Die Illusion soll schließlich perfekt sein.“

Die Parfümerie Lehmann befindet sich in der Kantstr. 106 in Charlottenburg, Tel. 324 35 82, www.parfum-individual.de, Mo-Fr 9-18.30 Uhr, Sa 9-14 Uhr.

Die Duft-Essenzen werden in großen Flaschen gelagert.

Die fertigen Parfüms stehen in kleinen Flaschen im Laden.

Vor dem Kauf darf bei Lutz Lehmann Probe

gerochen werden.

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