• Das lebende Kunstwerk für den Tingeltangel und die Muse Friedrich Hollaenders wurde vor 100 Jahren geboren

Berlin : Das lebende Kunstwerk für den Tingeltangel und die Muse Friedrich Hollaenders wurde vor 100 Jahren geboren

Peter Hahn

Wenn ick mal tot bin, is mein schönster Tach!Peter Hahn

Es war im September 1977. Lautstark kreischte die Ausdruckstänzerin Valeska Gert: "Ich habe Menschenschicksale getanzt. Ich habe den expressionistischen Tanz erfunden. Ich war die Inkarnation der Zwanziger." Am Flügel träumte der Comedian Harmonist Erwin Bootz von "Wochenend und Sonnenschein". Theo Lingen näselte in der Garderobe, "welches Liedchen geeignet wäre und wessen ich mich nicht zu schämen brauche". Für Mischa Spolianksy war "es sehr wichtig, daß wir wieder gemeinsam in unserer alten Wirkungsstätte Berlin auftreten". Sie alle waren lange weg gewesen, nicht freiwillig, nun waren sie wieder da, gerufen, herbeigesehnt, auch der Textdichter Max Colpet, der Kabarettist Werner Finck, die Schauspielerin Käte Haack. Schließlich aber schwebte im zarten Rosé jenes Wesen auf die Bühne, bei dessen Darbietung man nicht ausmachen konnte, ob es ordinäres Kellerkind oder feine Dame sein will: Blandine Ebinger. Graziös, naiv, fast hilflos machte sich die Lady des Berliner Chansons mit ihren 78 Jahren noch einmal auf, die Weddinger Göre in den Charlottenburger Salon einzuführen. Da lag alles in der Luft, da war ein halbes Jahrhundert vergessen, da offenbarten sich die zwanziger Jahre authentisch, und am nächsten Morgen überschlug sich im Radio "die Stimme der Kritik" von Friedrich Luft, weil "der beste Geist, die flotte Gangart, die kesse Ironie, die traurige Lustigkeit und die hohe Intelligenz jener Jahre wieder da war, ganz Leichtes ohne Leichtsinn, aber doch zärtlich, frech, ernsthaft und mit verhaltenem Jubel".

"Abschreiben" wollte Friedrich Hollaender die Ebinger, weil er in ihr, wie bereits zuvor ihre Chansontexter Mehring, Tucholsky, Klabund, Kraus und Ringelnatz, ein "für das Kabarett wie geschaffenes Improvisationstalent" sah, das auch noch mit jenen "tragischen Untertönen begabt war, die das Kabarett in seinen Sternstunden über sich selbst hinausheben". Er tat es, verpasste dem Tingeltangel eine neue Farbe, über die Zeit hinaus, stellte mit Blandine Ebinger den Typ des Mädchens aus dem Volke auf die Bretter von Max Reinhardts "Schall und Rauch", von Rosa Valettis "Cabaret Größenwahn" und Trude Hesterbergs "Wilder Bühne". Hollaender orientierte sich an Else Lasker-Schülers Drama "Die Wupper" und ihrem Lieschen Puderbach, baute auf Dur und Moll und die einzigartige Ebinger-Mischung aus Tragik und Komik, wo einem Max Herrmann-Neiße "das Lachen vergeht oder jedenfalls ganz anders wird", und kreierte 1921 mit den "Liedern eines armen Mädchens" ein unnachahmliches Kunstwerk, bis heute von klugen Diseusen respektvoll respektiert.

Zerbrechlich sind diese Chansonballaden, der Ebinger auf den Leib geschrieben: Rührend das "Wunderkind", das sich hoch oben am Trapez in den Max aus dem Publikum verliebt, "Ick sah in seine Nasenlöcher rin", verlassen wird und abstürzt, - sehnsüchtig "Wenn ick mal tot bin, ach det wird zu scheen", - parodierend und überzeichnet "Die hysterische Ziege". Wenn drei dieser Lieder heute nicht mehr verfügbar sind, weil für "Jeheimnis der Blumen" die Musik verloren ging, "Die scheußliche Puppe" nur angesungen vorliegt und für "Abzählen" eine Interpretation nicht mehr existiert, hat das mit der Geschichte zu tun, die auch Friedrich Hollaender und Blandine Ebinger ihre Bretter nahm, die ihnen die Welt bedeuteten.

Zu jenen Chansons, die Hollaender für sie geschrieben hat, gehört auch "Jonny, wenn du Geburtstag hast". Berühmt geworden ist es allerdings durch die gekürzte Fassung von Marlene Dietrich. Die tragikomische Rahmenhandlung vom begehrten wilden Neger-Jonny-Star aus der Pony-Bar wurde den Mainstream-Gesetzen des Marktes geopfert. Wer aber diese zum Schlager gewordene Chansongeschichte einmal nicht in der direkt servierten Dirnenliedversion von Marlene, sondern in der nur verrucht spielenden, zurückhaltenden, brüchigen, zarten, lispelnden und piepsigen Machart der Ebinger hört, erfährt die Einmaligkeit dieser Interpretation: was eine große Künstlerin mit dem gewagten Spiel von Gefühl, Distanz und Übertreibung zaubern kann. Für Blandine Ebinger war Friedrich Hollaender "ein Filou, ein Genie und ein Betrüger, weil ich anfangs nicht begriff, da seine vielen Übungsstunden sehr anderen Übungen mit diversen jungen Damen galten". Und Hollaender? "Wie gleichst du, Blandine, dem Bild, das mir vorschwebte! Oder sollte ich sagen: Wie schwebtest du mir vor, da ich es nachzeichnen konnte? Wie warst du, was du spieltest! Wie spieltest du, was du warst! Und das ist die lautere Wahrheit. Amen." Gestorben ist sie 1993. Blandine Ebinger wird heute 100.Akademie der Künste: Heute um 18 Uhr 30 übergibt Helwig Hassenpflug den Nachlass seiner verstorbenen Frau Blandine an die ADK, eine Ausstellung wird eröffnet. Um 20 Uhr: "Das Wunderkind" von Hollaender / Kühn. Ein Stück Musik um die Lieder eines armen Mädchens. Mit Katherina Lange. - Am 7. 11. , 20 Uhr im Renaissance-Theater: "Blandine in Concert". Uraufführung eines Videofilms über das Abschiedskonzert der Ebinger 1982. - In der "Edition Ebinger" ist "Vaführe mir liebers nicht" erschienen, eine CD mit historischen Aufnahmen 1926 - 88; Tel / Fax 832 81 44.

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