• Das schwärzeste Schwarz Je finsterer die Nacht, umso heller die Sterne. Wo aber ist der dunkelste Ort in Deutschland? Ein Physiker hat entdeckt: in Brandenburg,

Berlin : Das schwärzeste Schwarz Je finsterer die Nacht, umso heller die Sterne. Wo aber ist der dunkelste Ort in Deutschland? Ein Physiker hat entdeckt: in Brandenburg,

nur 70 Kilometer westlich von Berlin. Hier soll ein Zentrum für Sterngucker entstehen.

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An einem Sonntagabend im April 2009 hatte Andreas Hänel genug. Er musste endlich prüfen, was dran war an den unglaublichen Gerüchten, das verlangte sein Ehrgeiz als Wissenschaftler. Also packte er seinen Wagen, die Messgeräte, die Stative, die Kameras und fuhr hinein in die Dämmerung.

Auf das Navigationsgerät im Auto hatte er die Karte mit den Satellitenbildern geladen: Deutschland von oben, fotografiert bei Nacht. Die Großstädte als glühende weiße Punkte, die kleinen Städte als gelbliche Flächen und dort, wo kaum Menschen leben, ein paar dunkle Stellen.

Hänel hat es sich zur Aufgabe gemacht, die düstersten Flecken Deutschlands ausfindig zu machen. Also fuhr er an diesem Abend dorthin, wo die Karte ganz schwarz war. Dorthin, wo es den Gerüchten zufolge nachts dunkler wird als irgendwo sonst in Deutschland: in den Naturpark Westhavelland, Brandenburg. Er liegt nur 70 Kilometer westlich vom hell erleuchteten Berlin – deshalb hatte Hänel den Hobby-Astronomen misstraut, die auf Internetforen behauptet hatten, dort sei der dunkelste Fleck Deutschlands.

Andreas Hänel, 59, weißer Bart und Cordhose, ist Physiker, promovierter Astronom, er glaubt an Zahlen und Formeln und nicht an Gerüchte. Er leitet das Planetarium Osnabrück, in seiner Freizeit ist er seit Jahrzehnten unterwegs, um den perfekten Nachthimmel zu finden. Einen Himmel, der so dunkel ist wie noch vor ein paar hundert Jahren, bevor das elektrische Licht den Himmel über den Städten in eine schmutziggelbe Glocke verwandelte, die heute kaum noch ein Stern durchdringt. An jenem Abend im April sollte Hänel die überraschendste Entdeckung seit Jahren machen.

An einem Vormittag im Dezember, fast vier Jahre später, steuert Hänel seinen Wagen über eine Landstraße in der Nähe von Osnabrück. Er ist auf dem Weg zur Sternwarte. Auf der linken Seite ziehen Industriehallen und Parkplätze vorbei. Beleuchtungsmasten ragen in den grauen Himmel. „Halogen-Metalldampflampen“, sagt er und legt die Stirn in Falten.

Bis vor kurzem leuchteten die Straßenlaternen hier nachts noch gelb. Gelbes Licht hat keine Blauanteile und wird am Himmel weniger gestreut. Es stört den Nachthimmel kaum. Weißes Halogenlicht ist aber beliebter. Es erinnert an Sonnenlicht. Dem Himmelsschützer Hänel sind Halogenlampen ein Graus.

Andreas Hänel ist Deutschlands engagiertester Kämpfer für die Erhaltung der Nacht. In seinem Kofferraum liegt ein Gerät namens „Roadrunner“. Aufs Autodach montiert, misst es die Dunkelheit des Himmels. Wie ein Entdecker fährt Hänel damit in klaren Nächten quer durch Deutschland und dokumentiert den Zustand des Nachthimmels. Möglichst bei Neumond, damit das Mondlicht nicht stört, möglichst auf dem linken Autobahnstreifen, damit die Bäume am Straßenrand nicht das Ergebnis verfälschen. Hänel ist eine Art Kartograf der Lichtverschmutzung. Viel Anlass zur Freude geben seine Ergebnisse nicht.

Denn Nacht für Nacht strahlt mehr und mehr künstliches Licht von der Erde in den Himmel – jedes Jahr etwa sechs Prozent mehr. Manchen Umfragen zufolge hat fast die Hälfte der Menschen unter 30 noch nie die Milchstraße gesehen. An den Folgen der Lichtverschmutzung leiden nicht nur Astronomen wie Hänel. Das künstliche Licht verwirrt Vögel, Insekten und sogar Fische, es verursacht Schlafstörungen beim Menschen und, so vermutet man, psychische Erkrankungen. Als erstes europäisches Land hat Slowenien 2007 ein Gesetz gegen die Lichtverschmutzung erlassen. In Deutschland kämpft Hänel für ein ähnliches Gesetz.

Auf einer Wiese im Naturpark Westhavelland stoppte er damals sein Auto. Es war kurz vor Mitternacht. Er schaltete die Scheinwerfer aus. Komplette Dunkelheit legte sich um ihn. Hänel stieg aus und legte den Kopf in den Nacken. Da war er: ein Sternenhimmel, wie er ihn lange nicht gesehen hatte. Funkelnde Sterne, tausende, als hätte jemand eine Lastwagenladung Diamanten verschüttet. Quer über den Himmel zog sich die Milchstraße als klar umrissener weißer Streifen. Die Fotos davon zeigt er noch heute stolz in seinem Planetarium. Am äußersten Rand, wo sich über dem Horizont die Lichtglocke von Berlin abzeichnet, sieht man ein grünliches Leuchten. Fachleute nennen es „Airglow“, es ist nur sichtbar, wenn der Himmel dunkel ist. Extrem dunkel.

Als Wissenschaftler musste Hänel es genau wissen. Er nahm das Messgerät in die Hand, groß wie eine Zigarettenschachtel, und hielt es über seinen Kopf in den schwarzen Himmel.

„Und dann“, sagt er, „traute ich dem Gerät kaum.“

Den perfekten Nachthimmel hatte Hänel schon mehrmals gefunden: Auf den kanarischen Inseln. In Ungarn. In Frankreich. An Stellen, die weit entfernt liegen von der nächsten Großstadt, wo kein Fußballstadion, kein Industriegebiet und kein Büroturm die Sterne überstrahlt.

Aber was das Messgerät in seiner Hand in jener Nacht zeigte, war eine Sensation. Die Sensation war die Zahl 21.78, sie beschreibt nach physikalischen Formeln die Dunkelheit einer Fläche. Die Zahl 21.78 bedeutete: Der Himmel über dem Westhavelland war dunkler, als Hänel es irgendwo sonst in Deutschland je gemessen hatte, auch dunkler als in Tschechien oder Ungarn, ungefähr auf einem Niveau mit Namibia, einem der besten Länder der Welt für Sterngucker. Und das nur eine knappe Stunde von Berlin entfernt. Die Gerüchte stimmten. Hänel war auf einen Schatz gestoßen. Kurz darauf begann er zu telefonieren.

Auf einem Hügel über Osnabrück, vor einer grauen Kuppel aus Beton, nestelt Hänel am Sicherheitsschloss einer Metalltür. Die Sternwarte gehört seinem Verein von Hobby-Astronomen. Drinnen hängen Schautafeln an der Wand, Bilder vom Sternenhaufen NGC 2158, 16 000 Lichtjahre entfernt. Das fünf Meter hohe Teleskop unter der Kuppel haben die Amateur-Sternengucker selbst gebaut. Mit ihm können sie tausende Jahre altes Licht sehen, über den Ursprung der Welt rätseln und sich die lächerlich bedeutungslose Stellung des Menschen im Universum vor Augen führen. Hänel ist seit seiner Schulzeit begeistert von diesem Thema. Wenn er heute auf eine seiner Entdeckungsreisen geht, testet er zuvor hier, am Nachthimmel über der Sternwarte, seine Messgeräte. Die Sternwarte ist für ihn eine Art Heimathafen. Von hier aus machte er sich damals auf den Weg in Richtung Brandenburg.

Dort, im Naturpark Westhavelland, bricht jetzt die Dämmerung an. Kordula Isermann geht mit schnellen Schritten auf das kleine Gebäude in Nennhausen zu. Der Wind klatscht kalten Regen an die Hauswand. Isermann trägt kurze Haare und eine Umhängetasche, sie leitet den Naturpark, es ist der größte in Brandenburg. Das Westhavelland ist berühmt für seine seltenen Pflanzen und Vögel. Isermann und ihre Leute kümmern sich um den Schutz der Großtrappen, Silberreiher und Kraniche. Aber seit Andreas Hänel von seiner unglaublichen Entdeckung berichtete, ist vieles anders.

„Hänel hat uns wachgerüttelt“, sagt Kordula Isermann. „Wir ahnten ja nicht, dass wir unter so einem Schatz sitzen.“ Vor ihr auf dem Tisch sind Karten der Umgebung ausgebreitet. Rote Balken und Kreise durchschneiden den Naturpark. Es sind die Zonen, die laut Hänels Messungen durch Wälder und Hügel besonders gut abgeschirmt sind von beleuchteten Orten. Es sind, wenn man so will, die Goldadern des Schatzes, den es zu schützen gilt.

Neben Isermann sitzt Angelika Thielicke, eine Frau mit kurzen blonden Haaren und einer roten Brille. Thielicke ist die Amtsdirektorin von Nennhausen, verantwortlich für 16 Gemeinden. Der Schatz liegt mitten in ihrem Amtsgebiet. Sie will nun davon profitieren.

Die Region zieht bisher vor allem Touristen mit Gummistiefeln und Feldstechern an, die wegen der Vögel an den Gülper See kommen. Das soll sich ändern. Das Westhavelland will eine Art Mekka für deutsche Astronomen werden. „Wir müssen jeden kleinen Mosaikstein nutzen, um die Gegend attraktiver zu machen“, sagt Thielicke. In Gegenden wie La Palma oder Namibia, die schon lange als besonders sternenreich gelten, sei der „Astrotourismus“ längst eine relevante Nische im Gastgewerbe. Ganze Gehöfte und Apartmentanlagen haben sich dort auf die Sternengucker spezialisiert.

Auch in Thielickes Amtsgebiet sollen künftig Aussichtsplätze und Plattformen für Teleskope eingerichtet werden. Parkranger, die bisher auf Pflanzen und Tiere spezialisiert sind, sollen speziell für Sternenführungen weitergebildet werden. Pensionen könnten bald mit spätem Frühstück für Langschläfer und gut abgedunkelten Schlafzimmern werben. Und, wenn Andreas Hänels Plan aufgeht, auch mit einem Gütesiegel als offizielles „Sternenreservat“.

Eine amerikanische Organisation vergibt Zertifikate an Gebiete mit besonders dunklem Nachthimmel. Das Westhavelland wäre das erste Sternenreservat in Deutschland. Allerdings ist die Auszeichnung an strenge Auflagen geknüpft – zum Beispiel müssen die Gemeinden sich verpflichten, ihre Straßenbeleuchtung künftig so umzurüsten, dass kein Licht nach oben strahlt. Andreas Hänel hat in den Rathäusern im Westhavelland Vorträge zu dem Thema gehalten, er kann fundiert über Pilz- und Lamellenleuchten referieren, die Vor- und Nachteile von LEDs und die Luxzahlen laut DIN-Norm aufzählen. Hänel ist in den letzten Jahren zum Experten für nachhaltiges Straßenlampendesign geworden.

Auf dem Tisch von Angelika Thielicke liegt ein Katalog mit Straßenleuchten, die mit einem Metalldeckel nach oben hin abgeschirmt sind. In ihrem Amtsbereich werden die Gemeinden künftig nur noch solche Leuchten installieren.

Das Problem mit dem Siegel ist nur: Die meisten offiziellen Sternenreservate sind in amerikanischen Nationalparks und kaum besiedelt. Das geplante Reservat im Westhavelland hingegen erstreckt sich über gut 30 Gemeinden, die jeweils unabhängig über ihre Straßenbeleuchtung entscheiden. Nur wenn es Andreas Hänel und Parkleiterin Isermann gelingt, alle Bauämter zu überzeugen, in Zukunft nur noch bestimmte Leuchten zu installieren, kann der Naturpark das offizielle Siegel bekommen.

„Und wenn schon“, sagt Amtsdirektorin Angelika Thielicke und erhebt sich aus ihrem Stuhl. Sie zeigt mit dem Finger aus dem Fenster nach draußen in den Regen. Über dem Wald spannt sich inzwischen der tiefschwarze Himmel des Westhavellands. „Das beste Gütesiegel der Welt“, sagt Thielicke, „haben wir sowieso direkt über uns.“ Auch wenn im Moment Regenwolken davorhängen.

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