Denkmal für Sinti und Roma eingeweiht : Gedenken am schwarzen Teich

Kanzlerin eröffnet am Reichstag Dani Karavans Mahnmal für die ermordeten Sinti und Roma Planung und Bau hatten 20 Jahre gedauert, überschattet vom internen Streit der Opfergruppen.

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Eine Rose liegt bei der Einweihungszeremonie auf dem Denkmal für die im Holocaust ermordeten Sinti und Roma. Künftig soll täglich eine frische Blume das Denkmal schmücken.Alle Bilder anzeigen
Foto: dapd
24.10.2012 15:54Eine Rose liegt bei der Einweihungszeremonie auf dem Denkmal für die im Holocaust ermordeten Sinti und Roma. Künftig soll täglich...

Das Ensemble der Gedenkstätten rund ums Brandenburger Tor ist um einen weiteren Ort ergänzt worden. Wer an diesem verhangenen Herbstmittag vom Stelenfeld des Denkmals für die ermordeten Juden in einem Bogen Richtung Reichstag ging, passierte den Betonblock des Denkmals für die verfolgten Schwulen und Lesben. Durch Metallroste im Gehsteig dringt auf diesem Weg U-Bahn-Grollen herauf, wie eine Erzählung aus Untergründen der Geschichte.

Ein paar Meter weiter, an der Straße des 17. Juni, erstreckt sich ein kleiner, nun weiträumig abgesperrter Laubwald, rund hundert Meter vor dem Sowjetischen Ehrenmal, das seinerzeit als erstes Erinnerungsbauwerk errichtet wurde und die zweitgrößte NS-Opfergruppe der getöteten oder verhungerten Kriegsgefangenen aus der UdSSR einschließt. In der Mitte des Wäldchens wurde am Mittwoch das seit 20 Jahren geplante Mahnmal für die ermordeten Sinti und Roma eingeweiht.

Zu den Touristen, die rund um das Security-Areal zwischen Sightseeing-Bussen Orientierung suchen, dringt von der Veranstaltung der Staats- und Kulturrepräsentanten, Opfergruppenvertreter und Medienleute häufiger Applaus hinaus, den sie nicht einordnen können. Ein Berliner schimpft, die Abschottung des wichtigen Ereignisses löse bei gutwilligen Bürgern Aggression aus.

Ein Ehepaar aus Überlingen berichtet an der Wurstbude, man habe erst von der Polizistin erfahren, dass sie nur wegen des Festaktes hier stehe. Die Schwaben vermuten, der Sicherheitsaufwand gelte den Nazi-Opfern, die geschützt werden müssten.

Dass gegenüber dem Reichstag auf zwei Milchglasscheiben Aussagen Helmut Schmidts und Roman Herzogs stehen, die den Völkermord an Sinti und Roma als solchen benennen, befürworten die Besucher: Weil das viele Leute so noch gar nicht wissen! Als eine Frau mit buntem Kopftuch und Betteltext auf einer Pappe plötzlich vor ihr steht, zückt die Reisende ihre Börse.

Im Pulk der Touristen erinnert wenig an die gelegentliche Zigeunerfolklore im Berliner Stadtbild. Rumänische Betteltrupps, wie sie oft nahebei am Großen Stern wartende Autos belagern, sind nicht zu sehen. Am Brandenburger Tor spielt auf einem Tiergartenpfad ein Jüngling in roter Hose melancholisch Trompete, die Sammelmütze vor sich am Boden.

Bedrückend an diesem Tag wirkt dennoch die Kluft zwischen staatstragender Eröffnungsform und der Alltagsrealität fahrender Völker im Europa der Diskriminierungen. Dass die Milchglasscheibe gegenüber dem Reichstag, auf der mit Zitaten deutscher Amtsträger Sinti und Roma als gleichberechtigte Opfergruppe positioniert werden, das markante Aushängeschild des Denkmals sein soll, bezeichnet die Verkantungen im Verlauf der langwierigen Mahnmalentwicklung.

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