Der Tagesspiegel und die Stasi : Operativer Vorgang "Redakteur"

Journalisten aus dem Westen waren natürliche Feinde des DDR-Systems. Ein Tagesspiegel-Mitarbeiter bekam dennoch von der Stasi interne Dokumente – man wollte ihn kontrollieren und andere Quellen enttarnen. Doch der Plan ging nicht auf. Eine Agentengroteske.

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Folgen Sie diesem Mann! Der DDR-Staatssicherheit gelang es Ende der 70er Jahre nicht, ein aktuelles Porträtfoto von Michael Mara zu bekommen, es lag ihr nur eine Aufnahme des 19-jährigen Rekruten von 1961 vor (rechts). Darum beauftragte die Stasi einen Zeichner, auf Grundlage des Jugendfotos ein Phantombild ihrer Zielperson zu erstellen. Eine Ähnlichkeit kann im Rückblick allerdings nur schwer festgestellt werden.
Folgen Sie diesem Mann! Der DDR-Staatssicherheit gelang es Ende der 70er Jahre nicht, ein aktuelles Porträtfoto von Michael Mara...Foto: BStU

Zum Autor: Michael Mara, Jahrgang 1941, wuchs in Halberstadt auf. Er absolvierte eine Journalisten-Ausbildung an der FDJ-Jugendhochschule am Bogensee und arbeitete dann beim Verlag „Junge Welt“ als Redakteur. Wenige Wochen nach dem Bau der Berliner Mauer wurde er als Grenzsoldat eingezogen und flüchtete bei einer günstigen Gelegenheit im Dezember 1961 von Potsdam aus in Uniform nach West-Berlin. Mit Rainer Hildebrandt baute er dort die Mauer-Ausstellungen zunächst in der Bernauer Straße, dann am Checkpoint Charlie auf. 1964 ging er als Redakteur zum Informationsbüro West (IWE), 1969 wurde er Redaktionsleiter. Seit Mitte der siebziger Jahre berichtete er für den Tagesspiegel und eine Reihe westdeutscher Zeitungen über die DDR, aus der heraus er intensiv – zeitweise waren sechs Stasi-IM gleichzeitig auf ihn angesetzt – beobachtet wurde. Nach dem Mauerfall leitete er 17 Jahre lang das Tagesspiegel-Redaktionsbüro in Potsdam. Seit 2007 arbeitet Mara als freier Journalist. 2011 erschien von ihm im Tagesspiegel „Wie die Stasi mich entführen wollte“ – die Geschichte eines Kidnapping-Versuchs 1968.

Am 20. Mai 1987 fährt mein Freund und Kollege Achim L. mit seinem braunen VW-Käfer-Cabrio wieder einmal in besonderer Mission nach Ost-Berlin. Der schlanke Mittdreißiger mit leicht schütterem Haar und Geheimratsecken ist eine eher unauffällige Erscheinung: Wie meist trägt er eine abgewetzte braune Lederjacke und Jeans. Unter seinem Sitz hat er, wie immer bei seinen Kurierfahrten, ein paar Geschenke und einen Brief von mir für den Mann verstaut, mit dem er sich gegen 19 Uhr in der Allee der Kosmonauten in Marzahn zur Übergabe interner Materialien treffen will. Es ist Klaus K., Oberstleutnant der NVA und Ressortleiter im Militärverlag der DDR. Den Grenzübergang Invalidenstraße passiert L. schneller als sonst, worüber er sich aber keine Gedanken macht. Zügig fährt er in Richtung Marzahn weiter. Dass er von einem Pkw verfolgt wird, bemerkt er nicht. In Marzahn angekommen, parkt L. seinen Wagen in der Nähe des vereinbarten Treffpunktes, weil er mit seinem West-Berliner Kennzeichen nicht auffallen will. Klaus K. kommt ihm schon entgegen, beide begrüßen sich freundlich. Sie gehen ein paar Schritte gemeinsam, bis ihnen zwei Männer den Weg versperren. Einer fordert Achim L. auf, „zur Klärung eines Sachverhalts“ in einen am Straßenrand stehenden blauen Lada einzusteigen. Klaus K. geht unterdessen weiter, als ob nichts geschehen ist. Also doch ein Stasi-Mann, schießt es Achim L. durch den Kopf, während er sich in den Pkw zwängt.

Folgen Sie diesem Mann! Der DDR-Staatssicherheit gelang es Ende der 70er Jahre nicht, ein aktuelles Porträtfoto von Michael Mara zu bekommen, es lag ihr nur eine Aufnahme des 19-jährigen Rekruten von 1961 vor. Darum beauftragte die Stasi einen Zeichner, auf Grundlage des Jugendfotos ein Phantombild ihrer Zielperson zu erstellen. Eine Ähnlichkeit kann im Rückblick allerdings nur schwer festgestellt werden.
Folgen Sie diesem Mann! Der DDR-Staatssicherheit gelang es Ende der 70er Jahre nicht, ein aktuelles Porträtfoto von Michael Mara...Foto: BStU

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Der Stasi-Thriller hatte acht Jahre zuvor in Halberstadt begonnen: Am Vormittag des 28. April 1979 klingelt es an der Wohnungstür meiner Großeltern in der Otto-Grotewohl-Straße 37. Sie waren damals beide um die 80, den jungen Mann vor ihrer Tür kennen sie nicht. Er stellt sich freundlich als Jugendfreund ihres Enkels vor, mit dem er nach seinem Journalistikstudium wieder Kontakt aufnehmen wolle. Denn Michael, damals junger Redakteur im Ost-Berliner Verlag „Junge Welt“, habe ihn einst für diesen Beruf gewonnen. Dafür sei er dankbar. Die Oma hört schwer, versteht nicht alles, aber der Opa ist hellwach misstrauisch. Als Klaus K. nach meiner Adresse in West-Berlin fragt, rückt er sie nicht heraus: Der ziehe gerade um, sie sei ihm nicht bekannt. Daraufhin bittet der Besucher, doch die Adresse seiner Mutter in Gera an Michael weiterzuleiten.

Aufarbeiter. Michael Mara bei einer Diskussion in der Stasi-Unterlagenbehörde 2012.
Aufarbeiter. Michael Mara bei einer Diskussion in der Stasi-Unterlagenbehörde 2012.Foto: BStU

Nachdem mein Großvater mich über den Besuch informiert hatte, stellte ich mir sofort die Frage, ob er vom DDR-Ministerium für Staatssicherheit (MfS) geschickt worden sein könnte. Ich arbeitete damals als leitender Redakteur beim Informationsbüro West (IWE), das im Auftrag des innerdeutschen Ministeriums der Bundesrepublik die DDR-Presse auswertete und relevante Nachrichten weiterverbreitete. Durch diese Tätigkeit wusste ich, dass Klaus K., Hauptmann der NVA, für das Wochenblatt „Volksarmee“ als Reporter tätig war. Ich hielt es für unwahrscheinlich, dass er das Risiko eingehen könnte, mit mir Kontakt aufzunehmen, einem zur Dauerfahndung ausgeschriebenen geflüchteten Grenzsoldaten. Aber sicher war ich mir nicht. Ich schloss nicht aus, dass Klaus K. persönliche Ziele verfolgte, zumal wir nach meiner Flucht 1961 einige Jahre Briefkontakt hatten und ich auch Geschenkpäckchen an seine Familie schicken ließ.

Dem MfS traute ich zwar einiges zu, doch was ich mir damals nicht vorstellen konnte und erst nach dem Mauerfall erfuhr: mit welcher Verbissenheit die Stasi seit 1977 meine Überwachung betrieb, meinen Postverkehr kontrollierte, meinen Freundes- und Bekanntenkreis im Osten und Westen durchleuchtete, mein Wohnumfeld observierte, IMs suchte und auf mich ansetzte.

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