Berlin : Die Fee vom Plötzensee und ihr Mann der Meere

Seit 21 Jahren lebt und arbeitet das Ehepaar Düring in seinem Bootshaus Sie haben am und auf dem Wasser schon eine Menge erlebt

Julia Boeck
Geentert. Monika und Wolfgang Düring verleihen auch Boote. Foto: Axel Völcker
Geentert. Monika und Wolfgang Düring verleihen auch Boote. Foto: Axel Völcker

In der Nacht hat es geregnet. „Mann, is dit drückend“, so rasselt Monika Dürings tiefe Stimme über den Plötzensee in Wedding. Ehemann Wolfgang schlurft, eine blaue Kaffeetasse in der Hand, über die verwitterten Holzbohlen des Bootstegs.

Das braun gestrichene Bootshaus haben die Dürings vor 21 Jahren gekauft, es ist Lebens- und Arbeitsort zugleich, Zuhause und Altersvorsorge für die 59-Jährige und den 68-Jährigen.

Bellend kündigt Hündin Lilo ein paar Gäste an. Am Morgen sind es Dürings Freunde wie Günther, ein Rentner aus Moabit, passionierter Angler, der schon seit 40 Jahren an den See kommt. Mit einem großen Scheuerlappen wischt er die nassen Ruderboote trocken. Oder Bernd, der, mit dem Werkzeugkasten in der Hand, die kaputte Steuerung eines Tretboots reparieren will.

Die 54 Quadratmeter große Mietwohnung in der Gerichtstraße wird nur zum Schlafen genutzt. Sohn Andreas, der beim Nachtangeln mal von einem riesigen Wels über den Plötzensee gezogen wurde, ist vorübergehend wieder eingezogen. Etwa zwölf grün- und weißgestrichene Ruder- und Angelboote und ebenso viele orange und gelbe Tretboote schwimmen an kleinen Pollern entlang des Stegs. Sie heißen „Plötze 1“ oder „Plötze 4“ und haben schon bessere Zeiten erlebt. Wolfgang, Inhaber des Bootsverleihs, deutet verärgert auf die abgebrochenen Armlehnen vom Wochenendbetrieb: „Die Jugend heute hat keinen Respekt mehr vor fremdem Eigentum.“

Ein Dolch, der Kopf einer Frau, ein Anker – die Tätowierungen auf Wolfgangs Unterarmen sind Souvenirs von der Seefahrt. „Dit hier soll die Santa Maria sein“, nuschelt er in seinen grauen Vollbart und deutet auf die Umrisse von Kolumbus' Flaggschiff auf dem linken Oberarm. Nach der Bäckerlehre hatte er als Koch auf dem Hamburger Frachter „Helga Witt“ angeheuert. Sieben Jahre lang bekochte er die Mannschaft an Bord, bis ihn der Kapitän eines Morgens fristlos kündigte. Grund war ein nächtliches Saufgelage, bei dem er – auf Reede vor Barbados – ein Mannschaftsmitglied über Bord warf, weil der ihn angeblich beschimpft hatte. „Ick bin hinterherjesprungen und hab den Affen aus dem Haifischbecken rausjezogen.“

In Berlin arbeitete er unter anderem als Beleuchter beim Film, als Büffetier „Zapper“ und Kellner – „der Bräute wegen“. Damals uff'm Wedding, erinnert er sich zurück an die Sechziger, als der junge Wolfgang den Schnurrbart noch mit schwarzer Schuhcreme bürstete, das halbe Bier in Bierbars wie „Dadada“ oder „schmutzige Gardine“ 80 Pfennige kostete und „man sich für zwei Mark auf dem Klo einen blasen lassen konnte“. Wolfgang drückt die Zigarette aus und wirft den heran schwimmenden Enten ein paar Brotkrumen zu.

„Regentropfen, die auf meine Boote klopfen“, Monika singt und ruft: „Dit is'n Idiotenjob hier, Boote auswischen bis zum nächsten Schauer“. Es regnet gerade Strippen; Wolfgang, Monika, Günther, Bernd und Lilo schauen zu. „Versuch jetzt ja nicht, dit zu bezahlen“, Monika stellt Bernd eine volle Kaffeetasse auf den Tresen. Freunde des Bootshauses werden gehegt. Als Günther sich einmal Graupensuppe wünschte und die gleich beim ersten Mal gelang, hatte sie auf einmal „zehn Männer am Arsch“.

Die Fee vom Plötzensee, sie ist laut, beherzt und immer in Aktion. Die blonden Haare trägt sie hochgesteckt, goldene Kreolen an den Ohren, beim Lachen tanzt das dunkelblaue Brillengestell auf der Nase. Viele Stunden hilft sie ihrem Mann im Bootsverleih, putzt das Geschäft, erledigt die Einkäufe, kassiert die Leihgebühr für die Boote, kocht frischen Kaffee, verkauft Angelkarten und Berliner Weiße. An verregneten Tagen, wenn die Gäste ausbleiben, wird der Papierkram organisiert. Zuletzt schrieben die Dürings viele Briefe an das Straßen- und Grünflächenamt Mitte, denn die Zukunft am See ist ungewiss. So wurde der Uferstreifen zum Landschaftschutzgebiet erklärt – jedoch schon im Reichsnaturschutzgesetz vom 8. April 1953. Würden die Dürings ihren Bootsverleih eines Tages aus Altersgründen aufgeben, soll Schluss sein, ein Weiterverkauf der Anlage ist ausgeschlossen. Die Auskunft der Behörde hält Monika in Atem, denn neben den anfallenden Kosten zur Räumung des Geländes sieht sie ihre Altersvorsorge gefährdet.

Schon als kleines Mädchen kam sie mit den Eltern und den zwei Brüdern mit dem Fahrrad aus Wittenau zum Kahnfahren. Wie Wolfgang wuchs sie in einer Gartenkolonie auf. Später betrieb die gelernte Friseurin gemeinsam mit ihrem Mann verschiedene Weddinger Kneipen und Imbisse. „Hier“, Monika tippt auf das Schild an der Wand hinter dem Bootshaustresen und liest laut: „Hier arbeiten, streiten und lieben sich Wolfgang und Monika.“ Das gilt seit 39 Jahren. Und die Liebe zum See? „Naja im Wasser jeplanscht habe ick als Friseuse und Bardame ja schon immer.“

Es dämmert, der See verliert seine tiefgrüne Farbe. Die Grillen haben die Vögel abgelöst. Monika plaudert wie eine alte Bekannte, erzählt von der Dame, die beim Aussteigen aus dem Ruderboot ins Wasser fiel und ihren Mann anschrie, wo die Handtasche wäre. „Und was macht der?“, Monika biegt sich vor Lachen, „der wirft ihr die Handtasche hinterher.“

Zeit für das Feierabendlied, doch Monikas Stammgäste sind heute nicht gekommen. Sie schaut auf die Uhr und schaltet das Radio aus. „Gute Nacht Freunde, es ist Zeit zu gehen“, würde Reinhard Mey jetzt eigentlich singen. Julia Boeck

Bootsverleih Plötzensee, Nordufer 23, Wedding

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