Berlin : Die Mauer als Muse

Ein neuer Sammelband zeigt, wie die innerdeutsche Grenze Berliner Künstler provozierte und inspirierte

Lars von Törne

Die Mauer fiel am 18. Juli 1982. Ein drei mal zwei Meter 40 großes Teil des Bollwerks, das Spandau von Falkenhagen trennte, zerbrach an diesem Tag unter den Hammer- und Meißelschlägen Stephan Elsners. „Grenzverletzung“ nannte das der Aktionskünstler, das Loch in der Mauer bedeckte er mit einer blutroten Plane. Das prophetische und heute weitgehend vergessene Kunstwerk ist eines der Fundstücke, das der Autor und Mauerforscher Ralf Gründer in jahrelanger Arbeit zusammengetragen hat. Er wühlte sich durch Archive, wertete Fotosammlungen aus, sprach mit Künstlern und Galeristen. Das Ergebnis ist ein reich bebildertes, umfassendes Nachschlagewerk zur Mauerkunst, das seinesgleichen sucht.

Ralf Gründer verband mit der Mauer von Anfang an eine Art Hassliebe. Als er 1980 aus Bremerhaven zum Geologie-Studium nach West-Berlin kam, empfand er das Bauwerk als „Schande“, erzählt der 51-Jährige im Gespräch in seiner Weddinger Wohnung. Die Mauer widersprach seiner Freiheitsliebe. „Gleichzeitig war ich fasziniert, weil einige Motive schöner waren als alles, was es in Kunstgalerien zu sehen gab.“ Bis heute sind die Arbeiten von Künstlern wie Thierry Noir, Christophe Bouchet oder Indiano für Gründer nicht nur dekorativ-exotisches Relikt der einstigen Insel West-Berlin, sondern hochpolitisch: „Sie entblößten das DDR-Heiligtum und gaben es der Lächerlichkeit preis.“

Die vergängliche Kunst auf der Stahlbeton-Leinwand wird in Gründers Buch vor allem dadurch lebendig, dass er viele der Lebenskünstler und Querköpfe befragt hat, die sich damals an der Mauer abarbeiteten. So erfährt man, wie Thierry Noir eines Tages genug davon hatte, von seinem Badezimmer im besetzten Kreuzberger Rauch-Haus aus auf den grauen Steinwall zu schauen, und sich ein paar gefundene Spraydosen schnappte. Man erfährt, wie eine Konzert-Performance der Gruppe „Tödliche Doris“ die Mauer unsichtbar machte und wie Kain Karawahn sie für eine Installation in Brand setzte.

Was die Künstler antrieb, war so unterschiedlich wie ihre Kunstwerke, hat Gründer in seinen Gesprächen erfahren. Während manche, wie der Bildhauer Peter Unsicker, an der Mauer lebten und sie als gegebene Leinwand für ihre Arbeit ansahen, war sie für autoritätsfeindliche Künstler wie Stephan Elsner eine dauerhafte Provokation. Thierry Noir und Christophe Bouchet hingegen waren für Gründer „moderne Clochards“, die eher nebenbei große Mauerkunst schufen.

Das Buch ist die Folge einer multimedialen CD-Rom, für die Gründer ab Mitte der 90er Jahre erstmals Mauerbilder und -erinnerungen zusammentrug. Da war er gerade von einem fünfjährigen Südafrika- Aufenthalt zurückgekommen, wo er als Fotograf und Entwicklungshelfer gearbeitet hatte. Er wunderte sich, wie schnell die Mauer aus der Stadt verschwunden war. Fachleute loben sein Buch als „erste systematische Darstellung der Mauerkunst in ihrem historischen Kontext“, wie Torsten Wöhlert es formuliert, Sprecher von Kulturstaatssekretär André Schmitz. Der will am 12. April bei der Buchpräsentation das Grußwort sprechen.

In seinem Buch beschreibt Gründer auch den Preis, den manche Künstler für ihr Tun bezahlten. So wurde Wolfram Hasch, von der Bundesregierung freigekaufter DDR-Dissident, 1986 bei einer Kunstaktion an der Mauer von Grenzsoldaten geschnappt und zu 18 Monaten Haft verurteilt, bevor ihn die Bundesregierung erneut freikaufte. Stephan Elsner, der die Mauer 1982 zumindest teilweise zum Einsturz brachte, kam glimpflich davon. Er wurde von einer britischen Militärpatrouille verhaftet, der West-Berliner Polizei übergeben, aber dann freigelassen.

Berliner Mauerkunst. Eine Dokumentation von Ralf Gründer. 352 Seiten mit 330 Fotos, 34,90 Euro, Böhlau-Verlag. Bestellung: www.berliner-mauer.de (dort gibt es auch die Mauer-CD-Rom). Buchpräsentation: 12. April, 19.30 Uhr, Kinosaal des Martin-Gropius-Baus, Niederkirchnerstr. 7

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