Die Sportstadt Berlin : Muskelspiele für die Töchter im Kiez

Beim Festival "Leyla rennt" warben Vereine und Projekte um Nachwuchs. In vielen Clubs sind weniger als ein Drittel der Mitglieder weiblichen Geschlechts.

Annette Kögel
Klettern
Aufwärts. So soll es auch mit dem Anteil der Sportlerinnen in den Berliner Vereinen gehen. -Foto: Meißner

Nilgün Tuncbilek ragt heraus, nicht nur im optischen Sinne. „Als ich vor 15 Jahren mit Basketball anfing, war ich das einzige Mädchen im Verein.“ Mittlerweile seien es mehr geworden, sagt die 25-Jährige, deren Eltern einst aus der Türkei kamen. Um noch mehr Mädchen zu motivieren, stieg am gestrigen Freitag das mittlerweile sechste Mädchensportfest „Leyla rennt“ auf dem Sportplatz Lohmühleninsel nahe dem Schlesischen Tor.

Gestern wurde in Kreuzberg aber nicht nur gerannt, sondern auch gekickt, geboxt, auf dem Einrad balanciert, geschmettert und getanzt, denn mehr als 15 Vereine und Jugendeinrichtungen , deren Mitarbeiterinnen dem Berliner Mädchenarbeitskreis angehören, machten mit. „Der Nachholbedarf ist groß“, sagt Sportwissenschaftlerin und Organisatorin Roswitha Itong Ehrke vom Verein Seitenwechsel. Rund 170 Sportvereine gebe es in Friedrichshain-Kreuzberg, rund 8000 Mitglieder seien Mädchen und Frauen, aber 24 000 männlichen Geschlechts. „Und die meisten Mädchen sind immer noch in Turn- und Schwimmvereinen“, sagt Gehrke.

So hatten die Tischtennisspielerinnen von TTC Neukölln eine Platte aufgebaut, die Handballerinnen von Narva sorgten fürs Essen, Wendo-Trainerinnen vom VFB Friedrichshain ließen Mädels Holzplatten mit der Handkante durchschlagen. Auch Anna Kondler und Lili Bremme von der Streetdancegruppe „Femix“ gaben alles, schließlich „haben auch bei uns gerade zwei Mädels aufgehört, weil sie auf ihre Geschwister aufpassen müssen“. Am Stand von Derya Kacar konnten Besucherinnen gleich tütenweise Broschüren von den Berlin Thunder Cheerleadern bis zum Streetworkprojekt Outreach mitnehmen. Erzieherin Derya vom Kreuzberger Jugendtreff Drehpunkt meint, viele muslimische Eltern seien lockerer geworden.

Malaika Moritz hat andere Erfahrungen gemacht. Gestern konnte man bei ihr einen Fußball treten, dessen Geschwindigkeit gemessen wurde. „Gerade haben bei mir vier türkische Eltern ihre Töchter zwischen neun und zwölf Jahren abgemeldet, weil sie zu alt geworden seien“, sagt die Fußballtrainerin. Die Mädels hätten alle geweint. Dank türkischer Übersetzerunterstützung schrieb sie förmliche, höfliche Bittbriefe an die Väter. Immerhin: Drei Spielerinnen dürfen jetzt wieder kommen. Dem vierten Mädchen schenkte sie zum Abschied einen Fußball.

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