• Die WeinflüstererWenn Silvaner sprechen könnten: Theater um den Rebensaft im Heimathafen Neukölln

Berlin : Die WeinflüstererWenn Silvaner sprechen könnten: Theater um den Rebensaft im Heimathafen Neukölln

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Im Wein liegt Wahrheit. Wie viel, versuchen die Theatermacher Heiko Michels, Fabian Larsson und Caroline du Bled (v. l.) im Heimathafen herauszufinden. Foto: Kai-Uwe Heinrich
Im Wein liegt Wahrheit. Wie viel, versuchen die Theatermacher Heiko Michels, Fabian Larsson und Caroline du Bled (v. l.) im...

Natürlich gibt es sehr viel Dümmeres als über Essen und Trinken zu reden. „Du bist, was du isst“ ist in Zeiten industrieller Tier- und Pflanzenproduktion ein überaus wahrer Spruch. Und ja klar, Wein ist mehr als ein schnödes Produkt oder Genussmittel. Wein ist ein Kulturobjekt, seit Jahrtausenden religiös und mythisch aufgeladen. Aber mal ehrlich, dieses seit Jahren inflationär um sich greifende Onkelgeschwätz über samtige Rote mit ledrigem Abgang und spritzige Weiße mit Zitronennote, ist genauso wenig auszuhalten wie manieriertes Kaffee- oder Tee-Expertentum.

Und solchen Lifestyle-Stuss soll es jetzt auch in Neukölln geben? Die Angst geht um in einem der letzten Bezirke, wo noch wackere Schultheiss-Trinker gegen die Belagerung der zuckrigen Bionade-Schlürfer kämpfen. Zieht die am heutigen Freitag startende, monatliche Veranstaltungsreihe „Neuköllner Weinsalong“ da nicht genau die falschen Leute – nämlich besser verdienende Weinflüsterer – an? „Die sind doch eh schon da“, winkt Regisseur und Autor Heiko Michels ab. Und überhaupt: Genau um solche Entwicklungen ginge es ihm und dem Theaterensemble Weinkörper beim ersten Weinsalong, der sich absichtlich eher volkstümlich schreibt. „Wir wollen über Wein reden, vier Silvaner der Weininsel in Franken probieren und fragen, wie sich Genuss und Gesellschaft in Berlin verändern.“

Außer Trinken, Theater und anschließender Party bieten Michels und sein Dramaturg Fabian Larsson diesmal unter dem Motto „Kiez und Terroir“ (Terroir = unverzichtbares Modewort der Weinszene, bezeichnet im Weinbau die natürliche Umgebung der Rebsorte und noch unendlich viel mehr) dazu im Heimathafen Neukölln auch eine Diskutierrunde auf: den Kulturgeschichtler, Metzger und Weinjournalisten Erwin Seitz, Tobias Rapp vom „Spiegel“, der einst als Techno-Experte in Mitte lebte, jetzt aber in Schöneberg wohnt und über geistige Getränke parliert, den Winzer Georg Hünnerkopf und die Sommelière Alice Beckmann. Alles Berufshedonisten, die was zum Konzept der Theatermacher beitragen können, die Veränderung Berlins von der Eckkneipenstadt zur Weißweinclubcity gleichzeitig feiern und kritisch reflektieren zu wollen.

Dass dieser erst mal ziemlich verkopft klingende Plan des im Geist des Weines beschwipst fortschreitenden Abends aufgeht, konnte das Ensemble Weinkörper, zu dem seit 2004 auch feste Schauspieler, wie die gebürtige Pariserin Caroline du Bled gehören, häufig beobachten. „Schon wenn 150 Leute zusammen anstoßen, ist das ein theatraler Moment“, sagt Fabian Larsson.

Mit ihrer aktuellen Produktion „Es gärt“ sind die eigentlich dem experimentellen politischen Theater verpflichteten Weintrinker aus Pankow und Kreuzberg im vergangenen Jahr kreuz und quer in den Anbauregionen Deutschlands unterwegs gewesen und dabei trotz ihres reichlich ironisch-grotesken Ansatzes weder von Weinbauern noch von Winzern geteert oder gefedert worden. Im Gegenteil, die bestaunen die Theaterleute aus dem nicht gerade für Weinbau bekannten Berlin und amüsieren sich. Sie könne einfach besser Rotwein statt Weißwein spielen, habe mal ein Winzer zu ihr gesagt, grinst Caroline du Bled. Genau das ist es, was Weinkörper macht: Wein spielen. So richtig mit Text? „Und wie“, sagt die Schauspielerin, „die labern und labern die Weine“. Sätze wie: „Jetzt bin ich schon wieder 1500 Kilometer rumgefahren worden, wie soll ich denn bloß meine Säurebalance wieder finden?“

Eigentlich wollten die drei selbst nie Leute werden, die über Wein reden. „Das Ganze ist ein Unfall“, sagt Heiko Michels, der wie sein Studienkumpel Larsson aus München ebenfalls Ende der 90er aus der Bierstadt Kiel nach Berlin kam. Doch dann jobbten sie in der „Weinerei“ in der Veteranenstraße und stellten fest, dass man über diese Flüssigkeit so unterhaltsam reden kann, dass daraus Theater wird. „Geht aber nur mit Wein“, stellt Fabian Larsson fest, „oder haben Sie sich schon mal gut über Jever unterhalten?“

Neuköllner Weinsalong, 9. März, 20 Uhr, dann jeden 1. Freitag im Monat, im Heimathafen Neukölln, Karl-Marx-Str. 141, 18 Euro, Tel. 56821333, www.weinkoerper.de

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