Berlin : Ein "arbeitsloser" PDS-Abgeordneter als Multifunktionär

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Ob Walter Kaczmarczyk ein Vorkämpfer der sozialen Gerechtigkeit für die Berliner Abgeordneten ist, sei dahingestellt. Wie berichtet, setzte der für die PDS im Landesparlament sitzende Kaczmarczyk vor Gericht durch, unabhängig von seinen Diäten für zwei Jahre auch einen Anspruch auf Arbeitslosengeld gehabt zu haben.

Kaum bestritten werden kann dagegen, dass Kaczmarczyk ein Vorkämpfer für die Belange des Sports im Südosten Berlins ist. Der Treptower Abgeordnete, der in seinem Wahlkreis ein Direktmandat holte, saß jahrelang der Sportarbeitsgemeinschaft Köpenick vor. Seit dem Zusammenschluss mit Treptow ist der 63-Jährige Chef der Sport-AG Treptow-Köpenick - und spricht damit für rund 100 000 Sportler in etwa 200 Vereinen. Wobei der Segelfreund auch schon mal unpopuläre Erklärungen abgibt: 1996 ging Kaczmarczyk die undurchsichtige indirekte Subventionierung des 1. FC Union durch das Land mit den Worten an, sie geschehe "aus absurder Anhänglichkeit an einen Verein".

Kaczmarczyk war in der letzten Legislaturperiode sportpolitischer Sprecher der PDS-Fraktion im Abgeordnetenhaus und Leiter der Bundesarbeitsgemeinschaft Sportpolitik beim Parteivorstand - ohne selbst Genosse zu sein. 1989 war er aus der SED ausgetreten; seitdem blieb er parteilos. Als Hauptgeschäftsführer des Polizeisportvereins kandidierte er nach der Wahl ins Abgeordnetenhaus 1995 nicht mehr, da diese Position satzungsgemäß mit einer parteipolitischen Tätigkeit unvereinbar war. Er bekam eine befristete ABM-Stelle in einem anderen Sportverein, wo er als Betreuer arbeitete - und als diese Stelle auslief, beantragte er das Arbeitslosengeld.

Nicht um den Sport, aber auch um die Vertretung lokaler Interessen geht es Kaczmarczyk in einem anderem Amt, das er ebenfalls seit langen Jahren ausübt. Als Vorsitzender der Bürgerbewegung Berlin-Brandenburg zählt er zu den entschiedensten und rührigsten Gegner des geplanten Großflughafens Schönefeld.

Im letzten Jahr gehörte Kaczmarczyk zu den lediglich sieben Mitgliedern des Berliner Abgeordnetenhauses, die sich einer freiwilligen Überpüfung auf eine mögliche Stasi-Mitarbeit verweigerten. Als Grund hieß es, sie seien bereits "zum Teil mehrfach" überprüft worden. Die Weigerung schadete Kaczmarczyk bisher ebensowenig, wie 1994 eine Verurteilung in einem Mauerschützenprozess. Der damalige Oberleutnant der DDR-Grenztruppen habe 1967 als Kompaniechef "psychologische Beihilfe zum versuchten Totschlag" geleistet, als sein Untergebener auf einen 15-jährigen Flüchtling schoss. Kaczmarczyk sagt, es sei dieser Zwischenfall gewesen, der ihn den Dienst quittieren ließ. Anschließend studierte er an der Hochschule für Ökonomie in Karlshorst und promovierte 1989 über die "Geschichte des Arbeitersegelsports in Berlin".

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