Entlassungen Flughafen Berlin-Tegel : Ex-Mitarbeiter ziehen vor Arbeitsgericht

Rund 190 Mitarbeiter vom Flughafen Tegel wurden entlassen. Viele von ihnen hoffen jetzt auf das Arbeitsgericht. Das Verfahren läuft.

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Check-in am Airport Tegel.
Check-in am Airport Tegel.Foto: Maurizio Gambarini/dpa

Sturm „Niklas“ kam, als Rita S. (Name geändert) gehen musste. Die 53-jährige Berlinerin hatte fast 25 Jahre als Fluggastabfertigerin am Airport Tegel gearbeitet. Am 31. März dieses Jahres war ihr letzter Arbeitstag. Mit ihr wurden etwa 190 Frauen und Männer der Aviation Passage Service Berlin (APSB) entlassen.

Die APSB gehörte zum Wisag-Konzern, der an Berliner Flughäfen für die Abfertigung der Passagiere wie auch für andere Dienstleistungen, etwa Flugzeugreinigung und Beladung, zuständig ist. Oder eben für die Gepäckermittlung, sagt Rita S.: „Was meinen Sie, warum es nach dem Sturm Niklas so ein Chaos um verschwundene Koffer gab? Die neuen, billigeren, aber unerfahrenen Mitarbeiter haben das einfach nicht gepackt.“

Sozialplan wird angefochten

Bitterkeit schwingt in der Stimme der zierlichen Frau mit. Mit gut vier Dutzend ebenfalls meist am 31. März nach Hause geschickten Mitarbeitern verfolgt sie am Dienstag im ziemlich großen Saal 334 des Berliner Arbeitsgerichts die Verhandlung über die Wirksamkeit des Sozialplans. Der wurde, wie ein Gerichtssprecher mitteilt, am 21. Januar dieses Jahres im Zusammenhang mit der Massenentlassung der Fluggastabfertiger von Tegel durch die betriebliche Einigungsstelle beschlossen. Und wird nun vom Betriebsrat angefochten.

„Wir stehen da alle dahinter“, sagt Rita S.: „Zum einen, weil es in der im Sozialplan vorgesehenen Transfergesellschaft keine Möglichkeiten für eine tatsächliche Umschulung auf andere Jobs gibt. Zum anderen, weil die Abfindungen so gering sind, dass selbst ein abgebrühter Arbeitsrichter von einem allenfalls homöopathischen Betrag sprach.“

2000 Euro für 25 Jahre

2000 Euro soll beispielsweise Rita S. bekommen, die 1990 am Flughafen begonnen hatte und wie fast alle ihre jetzt entlassenen Kollegen früher bei GlobeGround Berlin (GGB) angestellt war. 2008 hatten die Berliner Flughäfen ihren 51-prozentigen Anteil an der GGB an die Frankfurter Wisag-Gruppe verkauft, den restlichen Anteil von 49 Prozent veräußerte die Lufthansa ebenfalls an die Wisag. Die verpflichtete sich im Kaufvertrag, den Standort Berlin mindestens bis Ende 2011 zu erhalten. Die bestehenden Tarifverträge der GGB wurden anerkannt und die bestehende Beschäftigungssicherung bis Ende 2012 zugesichert. Die Globe-Ground-Mitarbeiter waren gut ausgebildet und wurden auf Grund ihrer hohen Qualifikation auch gut bezahlt. Ende 2012 hatten Arbeitgeber und Gewerkschaften einen Flächentarifvertrag für das Bodenpersonal an den Berliner Flughäfen geschlossen.

Immer mehr Aufträge entzogen

Doch die höheren Löhne der einstigen Globe-Ground-Mitarbeiter wurden ihnen, davon sind Rita S. und ihre Kollegen überzeugt, zum Verhängnis. Ihrer neuen Firma, der APSB, seien von der Wisag-Gruppe, also konzernintern, immer mehr Aufträge entzogen und an neue, billigere Tochterunternehmen vergeben worden, erzählen sie. „Da war es irgendwann nur noch eine Frage der Zeit, bis wir auf die Straße gesetzt wurden“, sagt APSB-Betriebsratsvorsitzende Cornelia Hecht: „Dabei haben die Kollegen schon in den vergangenen Jahren immer öfter auf Geld verzichtet. Und sind trotzdem länger geblieben, wenn Passagiere zu betreuen waren oder auf Koffer warteten.“

Der Ehemann von Rita S., der an diesem Dienstag mit ins Arbeitsgericht gekommen ist, findet drastische Worte: „Ich hätte nie geglaubt, dass es möglich ist, eine Firma zu filetieren und doppelt abzusahnen: mit billigen Leiharbeitern und mit Leuten vom Arbeitsamt, die mit Steuermitteln subventioniert werden. Und die ausgebildeten Fachkräfte holen sich ALG II vom selben Amt.“

Sieg vor Gericht nutzt wenig

130 Kündigungsschutzverfahren haben die Fluggastabfertiger am Arbeitsgericht laufen. Rita S. hat in erster Instanz gewonnen, aber das nützt ihr wenig. Weil die Wisag in die nächste Instanz geht, bekommt sie kein Geld. Auch deshalb hofft sie auf einen besseren Sozialplan. Das Arbeitsgericht hat gestern nach Anhörung der Beteiligten festgelegt, die Entscheidung am 7. Juli zu verkünden.

Bei der Wisag wollte sich gestern niemand zum laufenden Verfahren äußern.

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