• Erste Tagesspiegel-Ausgabe 1945: "Trotzdem hat es immer ein weltoffenes Deutschland gegeben"

Erste Tagesspiegel-Ausgabe 1945 : "Trotzdem hat es immer ein weltoffenes Deutschland gegeben"

Der Tagesspiegel hat Geburtstag. Zeitungsgründer Erik Reger stellte sich in der Erstausgabe vom 27. September 1945 die Frage, wie es mit Deutschland nach totalem Krieg und Zusammenbruch weitergeht.

Erik Reger
Neuanfang in der Pressefreiheit. Die Tagesspiegel-Mitbegründer Erik Reger (re.) und Walther Karsch (Mi.) 1949 bei der Planungskonferenz der Nachrichtenredaktion. Foto: Tagesspiegel
Neuanfang in der Pressefreiheit. Die Tagesspiegel-Mitbegründer Erik Reger (re.) und Walther Karsch (Mi.) 1949 bei der...Foto: Tagesspiegel

Es ist ein besonderes Zeitdokument, dieser Kommentar in der ersten Ausgabe des Tagesspiegels vom 27. September 1945. Ein wortmächtiges Monument, knapp 11.000 Anschläge, gewissermaßen der erste Leitartikel der neuen Zeitung, der damals auf der dritten Seite der vierseitigen Ausgabe erschien. Die Redaktion saß in den Anfangsjahren im Ullsteinhaus in Berlin-Tempelhof.

Mit seinem Beitrag "Anfang und Zukunft" markiert der Zeitungsgründer und Publizist Erik Reger die historische Stunde des Neubeginns. Es geht um die große Frage: Wohin führt der Weg für Deutschland aus den Trümmern des Krieges? Der Text ist getragen vom Pathos der so genannten Stunde Null und von der Hoffnung auf eine demokratische Zukunft, die vom Willen nach Frieden, Freiheit und Recht bestimmt ist. Im Folgenden lesen Sie Erik Regers Beitrag "Anfang und Zukunft" im Wortlaut.

Nahezu die Hälfte des einst voreilig gepriesenen zwanzigsten Jahrhunderts liegt hinter uns. Was immer die andere Hälfte bringen mag, wird Folge dessen sein, was zwischen 1914 und heute geschah. Die für die ganze Welt entscheidende Frage lautet, ob der Beitrag des deutschen Volkes zur zweiten Jahrhunderthälfte ebenso rühmlich sein wird, wie sein Anteil an der Gestaltung der ersten unrühmlich war.

Diese Zeilen würden nicht geschrieben, wenn wir das Gefühl hätten, unser Volk würde nach allem, was vorgefallen ist, der Größe dieser Entscheidung zuletzt doch wieder nicht gewachsen sein. Zwar ist der Ausdruck "Volk der Dichter und Denker" niemals, auch nicht dem Ursprung nach, so gerechtfertigt gewesen, wie Ruhmredigkeit und Selbstgefälligkeit ihn anzuwenden beliebten. Als er zum ersten Male bei Musäus in der Vorrede zu seiner Sammlung deutscher Volksmärchen auftauchte, stand er dort in einem ganz besonderen Zusammenhang und in einer nicht unwesentlich abweichenden Form.

Chronik eines Zeitungslebens
1945. Am 27. September 1945 erscheint die erste Ausgabe des Tagesspiegels mit vier Seiten, drei Mal pro Woche. Damit ist Der Tagesspiegel die erste Zeitung in den Westzonen, die von Deutschen gegründet wird und von Anfang an frei von Militärzensur ist. Foto: R/DWeitere Bilder anzeigen
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27.09.2017 07:521945. Am 27. September 1945 erscheint die erste Ausgabe des Tagesspiegels mit vier Seiten, drei Mal pro Woche. Damit ist Der...

Denn der Satz, "was wäre das enthusiastische Volk unserer Denker, Dichter, Schweber, Seher ohne die glücklichen Einflüsse der Phantasie?" bezieht sich ja gar nicht auf das deutsche Volk insgesamt, sondern auf ein Volk im Volke, nämlich auf die geistigen Gruppen, die mehr oder weniger aus dem Rahmen fallen. Indem Musäus die "Schweber" neben die Denker stellte, streifte er unbewußt das Gefahrdrohende. Abseits der glücklichen Einflüsse übt die Phantasie auch unglückliche. Carl Ludwig Schleich, der große Arzt, nannte Irrtum, Einbildung, Lüge und Wahrheit Kinder derselben Mutter Phantasie. Darin liegen bei uns Deutschen die gefährlichen inneren Elemente.

 Von der Gewalttätigkeit zur Bestialität ist es nur ein Schritt

Trotzdem hat es immer ein den jeweils herrschenden Mächten entgegengesetztes, weltoffenes Deutschland gegeben, hellhörig, geistbeflissen und besonders befähigt zur Aufnahme, Zusammenfassung und Gipfelung aller Anregungen fremder Kulturen. Dieses Deutschland hat der Welt eine Unzahl von Talenten und einige Genies schenken können, es ist jedoch mit dem Einbruch des naturwissenschaftlichen Zeitalters mehr und mehr verlorengegangen oder unsichtbar geworden. Gewiß verlief schon seit den Tagen des ersten "Furor teutonicus" die kriegerische Linie neben der geistigen. Jetzt aber wurde der verhängnisvolle Bruch im Charakter enthüllt, nämlich der bedenkenlos materialistische Grundzug bei aller idealistisch schwärmenden Sehnsucht. Von diesem Augenblick an war das Geistige dem Kriegerischen untergeordnet und damit das deutsche Schicksal für ein Jahrhundert entschieden.

Tagesspiegel-Gründer Erik Reger
Zeitungsgründer. Der Journalist, Publizist, Schriftsteller, Mitherausgeber und Chefredakteur des Berliner Tagesspiegel, Erik Reger (1893-1954). Foto: dpaWeitere Bilder anzeigen
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27.09.2017 07:52Zeitungsgründer. Der Journalist, Publizist, Schriftsteller, Mitherausgeber und Chefredakteur des Berliner Tagesspiegel, Erik Reger...

Außer unserem Lande ist kein Land der zivilisierten Welt, in dem die naturwissenschaftlich-technische Entwicklung so schnell und penetrant in eine Veräußerlichung des gesamten öffentlichen Lebens eingemündet wäre. Darunter litten die menschlichen Qualitäten ebenso wie die geistigen Fähigkeiten. Welch ein Abstand zwar von Bismarck, dem gebildeten Realpolitiker, zu Hitler, dem eingebildeten Dummkopf – und doch welch bezeichnende Gleichheit in Nährboden, Natur und Zielsetzung! Von der Gewalttätigkeit zur Bestialität, von der diplomatischen Intrige zu unverschleiertem Lug und Trug, vom miles gloriosus zum Bramarbas ist, wenn die letzten Schranken der Sittlichkeit und der christlich-religiösen Bindung einmal gefallen sind, eben nur ein Schritt, der im Zeitmaß der Geschichte gerade vierzig Jahre benötigte.

 Zum ersten Male in der deutschen Geschichte ist reiner Tisch gemacht

Da stehen wir nun – oder richtiger: wir liegen am Boden. Nach dem "totalen Krieg" der totale Zusammenbruch: ein Naturgesetz. Es ist menschlich, wenn wir das Naturgesetz als Katastrophe empfinden, aber es ist nicht politisch. Die Katastrophe wurde mittlerweile fast bis zum Überdruss beschrieben: Worte reichen ohnehin nicht aus für das, was jeder von uns tagtäglich am Leibe erfährt und noch erfahren wird. Aber das Naturgesetzliche dieses Zustandes dringt leider ungenügend ins Bewusstsein, weil außer der Kraft auch der Wille zur Einsicht im letzten Jahrzehnt geschwunden ist. Zuviel ist auf uns eingestürmt, als dass wir der Abstumpfung hätten entgehen können. Eine wirkliche, individuell beglaubigte Jahrhundertwende ist ein großes Erlebnis. Wenn man dagegen alle paar Monate oder gar Wochen den Eindruck hat, es sei ein Pauschaljahrhundert verflossen, so übersteigt diese untriftige Gewaltsamkeit, diese verwaschene Ungeheuerlichkeit jedes Fassungsvermögen. Hundert Jahre zwischen Kriegsschluß und heute; hundert Jahre zwischen Hitlers Erfolgen und Hitlers Niederlagen, hundert Jahre zwischen 1933 und 1939; hundert Jahre zwischen Hitlers Anfang und Weimars Ende; und so fort, bis auf diese groteske Weise doch noch Hitlers "Tausendjähriges Reich" zustande kommt.

Wenn nun aber unser Volk Hunger und Elend in wahrer Schafsgeduld über sich ergehen ließ, um Hitlers Krieg zu ermöglichen und "durchzuhalten", dann sollte es heute zu seiner Gewissensentlastung gestehen: jetzt haben wir etwas, um das zu hungern sich lohnt. Zum ersten Male in unserer Geschichte ist reiner Tisch gemacht worden. Zum ersten Male in der Weltgeschichte sind die Hauptschuldigen an einem Kriege und an einer Gesinnung, die ihn entfesselte, ausnahmslos gefasst worden, um vor einem weithin und noch auf spätere Geschlechter eindrucksvoll wirkenden Gerichtshof zu stehen. Zum ersten Male endlich berühren sich auf deutschem Boden die Völker aus Ost und West in der erklärten Absicht der Versöhnung und des Friedens.

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