EU zeichnet Quartiersmanagement aus : Mal eine Spitzenleistung aus Berlin

Die EU zeichnet das Quartiersmanagement mit einem "RegioStars Award" aus. Das Projekt befähigt Bewohner von Brennpunkten, sich selbst zu helfen.

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Heimat für alle. In der Neuköllner HighDeck-Siedlung gibt es ein erfolgreiches Quartiersmanagement.
Heimat für alle. In der Neuköllner HighDeck-Siedlung gibt es ein erfolgreiches Quartiersmanagement.Foto: Thilo Rückeis

Wie verhindert eine Stadtgesellschaft, dass Bewohner eines Viertels, die erwerbslos und ohne Qualifizierung sind, abgehängt und abgeschoben, den Anschluss verlieren – und jegliche Perspektive? Durch „Quartiersmanagement“. Das besondere Berliner Modell ist ausgezeichnet – und hat deshalb nun den „RegioStars Award“ der Europäischen Kommission erhalten. Durchgesetzt hat sich das Quartiersmanagement unter 149 Konkurrenten aus 27 Mitgliedsstaaten.

„Das Berliner Quartiersmanagement ist ein Vorzeigeprojekt für innovative städtische Entwicklung“, sagte EU-Regionalkommissar Johannes Hahn am Rande der Preisverleihung in Brüssel. „Es geht nicht nur um die wirtschaftliche Bedeutung. Der sozialen Integration von Migranten kommt auch immer größere Bedeutung zu.“ Hierin sei das Berliner Projekt „wirklich wegweisend“. Die „RegioStars“ werden seit 2008 jährlich in fünf Kategorien vergeben, zum Beispiel für unternehmerische Innovation, ökologische Nachhaltigkeit oder sozialen Ausgleich. Berlin hat nun die Kategorie für städtische Projekte für sich entschieden und ist damit der einzige deutsche Preisträger.

Das Quartiersmanagement ist von dem Gedanken getragen, Sozialarbeiter und Pädagogen, Ordnungshüter und Lehrer, Mitarbeiter von Wohnungsbaugesellschaften und Einzelhändler in den Brennpunkten vor Ort mit den Bewohnern zusammen- und ins Gespräch zu bringen. Manager helfen bildungsfernen Migranten dabei, Amtsschreiben zu entziffern, Behördengänge werden gemeinsam geplant, Gewalt oder Not leidenden Frauen und Kindern werden Auswege aufgezeigt. Gewalt von Jugendbanden und mutwilliger Zerstörung im Quartier wird begegnet – und überall stehen die Bewohner im Mittelpunkt, als Hilfe suchende Betroffene oder in den Beiräten des Quartiersmanagements.

Ziel ist eine sich selbst organisierende Bürgerschaft. Die Bewohner eines Brennpunktes sollen selbst entscheiden, wie ihnen am besten geholfen werden kann. Ein Beispiel ist der „Aktionsfondsbeirat“ der Neuköllner High-Deck-Siedlung. Er verfügt über 15 000 Euro, die Anwohner im Beirat entscheiden, wofür das Geld ausgegeben wird: etwa für Kinderbetreuung, orientalischen und Bollywood-Tanz, für den Erwerb von Kinderbüchern, für Theaterstücke, für ein Grillfest.

Finanziert wird das Quartiersmanagement aus Mitteln des Landes, der EU und des Bundes, nicht zuletzt aus dessen Programm „Soziale Stadt“. Manch andere Regionen haben das Konzept adaptiert. Wie unentbehrlich es in Berlin geworden ist, hat ein parteiübergreifender Aufschrei vor etwa zwei Jahren gezeigt. Bundesbauminister Peter Ramsauer (CSU) hatte geplant, die Mittel drastisch zu kürzen, war damit aber auf massive Kritik gestoßen, auch aus konservativ regierten Bundesländern. Längst zählt auch die Wohnungswirtschaft zu den Befürwortern. Denn dort, wo Gemeinschaft und Zusammenhalt funktionieren, wachsen auch soziale Verantwortung und Kontrolle – und das verhindert die Verwahrlosung und das Abkippen von Quartieren.

„Die Atmosphäre in den sozial benachteiligten Kiezen hat sich durch das gemeinsame Handeln und die gegenseitige Hilfestellung spürbar positiv verändert“, bilanziert Stadtentwicklungssenator Michael Müller (SPD). Der Senat wolle das im Jahr 1999 eingeführte Quartiersmanagement fortsetzen und weiterentwickeln.

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