Fahndung bei der Polizei : "Ausländer?" Ich bin raus

Auf der Suche nach einem unbekannten Täter fragt die Polizei unsere Autorin als erstes: "Deutscher oder Ausländer?" Die Frage ist rassistisch und hilft überhaupt nicht weiter. Ein Rant.

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Genau hinschauen. Menschen, die für die Polizei nicht "deutsch" aussehen, berichten immer wieder von Rassismus durch Beamte.
Genau hinschauen. Menschen, die für die Polizei nicht "deutsch" aussehen, berichten immer wieder von Rassismus durch Beamte.Foto: dpa

"Deutscher oder Ausländer?“, fragt die Beamtin. Eben habe ich im Polizeipräsidium in Tempelhof Platz genommen, im Raum der Fotodatenbank. Das ist die erste Frage. Ich sitze hier, weil ich einen Exhibitionisten angezeigt habe. Gleich soll ich mir Bilder von Straftätern anschauen und im besten Fall den Mann erkennen, der vor meiner Freundin und mir masturbiert hat. An einem bewölkten Tag am fast leeren Ufer des Halensees, nur seine Kumpel saßen daneben und haben gelacht.

"Ich kann Ihre Frage nicht beantworten", sage ich. Und denke: Wie, bitte, glaubt diese Frau, sollte ich die Staatsangehörigkeit dieses Typen feststellen? Entschuldigung, können Sie bitte Ihren Penis kurz loslassen und mir Ihren Ausweis zeigen?

Die Beamtin murmelt: "Also Ausländer."

Sie brauche eine Antwort, sagt die Beamtin, sonst gehe es nicht weiter. "Er hat kein Deutsch gesprochen und hatte schwarze Haare, falls Sie das hören wollen", sage ich. "Aber vielleicht steckt in seinem Geldbeutel ein deutscher Pass." Die Beamtin murmelt: "Also Ausländer."

Dann die nächste Frage: "Woher?" Was zur Hölle! Ich sage: "Ich kann ausschließen, dass er Französisch, Spanisch, Arabisch oder Persisch gesprochen hat – das hätte ich erkannt." Sie: "Was dann?" Ich: "Vielleicht eine osteuropäische Sprache." Sie: "Osteuropa gibt’s hier nicht. Balkan?" Ich zucke die Schultern. Sie setzt ein Häkchen – und ich beschließe in diesem Moment, den Vorfall öffentlich zur Sprache zu bringen. Also dann.

Die Polizei kategorisiert Deutschsein falsch.

Liebe Polizei, lassen Sie mich zunächst sagen: Ich habe durchaus Verständnis. Klar müssen Sie Ihre Täterfotos sortieren. Größe, Statur, Haarfarbe. Fragen Ihre Mitarbeiter ja später auch. Meinetwegen auch die Sprache, wenn Sie nicht vergessen, dass viele Menschen mehrere Sprachen sprechen. Was Ihre Mitarbeiter aber machen, und dann auch noch als erstes, ist rassistisch und unsinnig, weil Sie Deutschsein falsch kategorisieren.

Die Frage nach der Nationalität können Zeugen nur danach beantworten, was sie gesehen oder welche Sprache sie gehört haben. Die meisten werden demnach als "Deutsche" weiße Menschen mit blonden oder braunen Haaren bezeichnen. Es gibt aber natürlich Deutsche, die schwarze Haare oder Haut haben. Und es gibt blonde Schweden, die fließend Deutsch sprechen. Was viele Zeugen Ihnen da erzählen, ist also falsch. Dass es in Einzelfällen dazu führt, dass Täter gefunden werden, kann ich mir nur dadurch erklären, dass die Einordnung der Fotos durch Ihre Mitarbeiter genauso falsch ist. Oder landet ein Deutscher mit türkischen Großeltern etwa nicht im Ausländer-Türke-Ordner?

Das ist schmerzhaft!

Wie Sie kategorisieren, hat leider schlimme Folgen. Deutschen of colour wird ständig abgesprochen, wirklich deutsch zu sein. Das ist schmerzhaft, auch für mich. Sie fördern diese Einteilung und erzielen bei vielen noch einen Effekt: Wenn ihre erste Frage ist, ob der Täter Ausländer war, entsteht schnell der Eindruck, das Ausländersein mache eine Straftat wahrscheinlicher.

Da übertreibe ich jetzt? Nun, hier ist noch eine Anekdote von meinem Besuch. Der nächste Zeuge nimmt am Schreibtisch links von mir Platz. Der Beamte: "Deutscher oder Ausländer?" Der Zeuge: "Türke." Der Beamte: "Immer diese Araber."

Es ist nicht der einzige Fall von Rassismus bei der Polizei.

Leider ist das nicht der einzige Fall, in dem die Polizei rassistisch handelt. Immer noch kontrolliert sie öfter Menschen of colour wegen ihrer Haar- und Hautfarbe, dokumentiert ein aktueller Bericht von Amnesty International. Nach den Morden des NSU hat sie jahrelang im Umfeld der Opfer ermittelt, geleitet von rassistischen Vorurteilen. Rassistische Gewalt übersieht die Polizei bis heute oft und glaubt den Opfern nicht, auch das zeigt der Bericht. "Obwohl ich geschlagen wurde, hat mich die Polizei behandelt, als wäre es mein Fehler", wird ein Mann aus Aachen darin zitiert. Ein Einzelfall, aber einer von vielen.

Den institutionellen Rassismus in der Polizei abzubauen, das wird dauern. Ihnen, liebe Polizei Berlin, schlage ich vor: Hören Sie auf, Zeugen die Herkunft von Tätern raten zu lassen. Und sortieren Sie Ihre Fotos neu!

Der Exhibitionist vom Halensee war übrigens nicht im Balkan-Ordner.

Dieser Text erschien zunächst als Rant in unserer gedruckten Samstagsbeilage Mehr Berlin.

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