Kiefholzstraße in Treptow : Unfallschwerpunkt trotz Fahrradspur

Die Kiefholzstraße in Treptow gilt als vorbildlich ausgebaut. Jetzt überrollte ein Lkw eine junge Frau. Sie ist das dritte Opfer an dieser Stelle seit 2005.

von
Mit diesen weißen "Geisterrädern" erinnert der Allgemeine Deutsche Fahrradclub (ADFC) an bei Unfällen ums Leben gekommene Radfahrer.Weitere Bilder anzeigen
Foto: Henning Onken
04.04.2011 19:47Mit diesen weißen "Geisterrädern" erinnert der Allgemeine Deutsche Fahrradclub (ADFC) an bei Unfällen ums Leben gekommene...

Viel sicherer kann man eine Straße für Radfahrer nicht machen. Dennoch ist am frühen Montagabend eine 21-Jährige auf der Treptower Kiefholzstraße von einem rechts abbiegenden Lastwagen erfasst und getötet worden. Es ist der dritte tödliche Radunfall an dieser Stelle seit 2005. Der Lkw hatte vor einer roten Ampel gestanden. Warum der Fahrer die Frau beim Anfahren übersah, ist unklar. Die Polizei sucht Zeugen. Die Kiefholzstraße – eine der vom Senat empfohlenen Radrouten – ist fast durchgehend mit einer auf der Fahrbahn markierten Radspur versehen. Radfahrer haben an der Kreuzung Dammweg eine vorgezogene Haltelinie, dürfen sich also vor den haltenden Autos aufstellen. Nach Polizeiangaben hat sich die 21-Jährige vorschriftsmäßig verhalten. Sie wohnte ganz in der Nähe, kannte also die Kreuzung. Dennoch starb Elisa W. unter der Vorderachse des MAN-Schwerlasters. Bereits im November 2006 war auf der selben Kreuzung eine Radfahrerin durch einen rechtsabbiegenden Laster getötet worden.

„Die beste Infrastruktur nutzt nichts, wenn Lkw-Fahrer nicht in den Spiegel schauen“, sagte die Vorsitzende des Fahrradclubs ADFC, Sarah Stark. Wie berichtet, begannen am Dienstag Schwerpunktkontrollen der Polizei „zur Verhinderung von Radfahrunfällen“, die eine Woche dauern sollen, wie das Präsidium mitteilte. Doch wie in den Vorjahren wurden gestern an zahlreichen Stellen in der Stadt Radler vor allem in Fußgängerzonen und auf Gehwegen gestoppt. „Das macht mich wütend“, sagte die Chefin des Berliner Radfahrclubs. Sie forderte die Polizei noch einmal auf, derartige Kontrollen zu stoppen und stattdessen verstärkt Fehlverhalten von Autofahrern gegenüber Radfahrern zu ahnden: „Die Polizei orientiert sich in keiner Weise an den tatsächlichen Ursachen für Radunfälle“, sagte Stark. Nur sechs Prozent der Radunfälle geschehen auf Gehwegen und in Fußgängerzonen. Am heutigen Mittwoch will der ADFC an der Todeskreuzung in Treptow mit einer Mahnwache an Elisa W. erinnern und Handzettel an Autofahrer verteilen.

Der Chef der Verkehrspolizei wies die Vorwürfe zurück: „Wir schikanieren keine Radfahrer, wir wollen sie sensibilisieren“, sagte Markus van Stegen. Er betonte, das nicht nur Radler, sondern auch Autofahrer beim unvorsichtigen Rechtsabbiegen kontrolliert würden. Bei Radfahrern soll in diesem Jahr zur „Saisoneröffnung“ vor allem das Befahren von Gehwegen und Fußgängerzonen geahndet werden sowie das Befahren von Radwegen in der Gegenrichtung. 2010 waren 9000 Radfahrer und 1500 Autofahrer nach Fehlverhalten kontrolliert worden. „Wir stehen an Brennpunkten und Unfallschwerpunkten“, sagte van Stegen.

Kontrolliert wurden gestern Radfahrer unter anderem am Viktoria-Luise-Platz in Schöneberg und am Halleschen Tor in Kreuzberg. Dort ist Radfahren jeweils auf wenigen Metern verboten, obwohl es stark frequentierte Durchgangsstrecken sind. Am Viktoria-Luise-Platz gestand ein kontrollierender Beamter gestern zu, dass der Fußgängerbereich nur mit Umweg zu umfahren sei. „Absteigen und schieben“, schlug der Mann vor – „aber das macht ja keiner“. Am Halleschen Tor wurden am Dienstag Radler gestoppt, die auf dem Gehweg oder der Buswendestelle den Landwehrkanal überqueren wollten. Beides ist verboten – wird aber fast im Sekundentakt missachtet.

Dem für Radverkehrsplanung zuständigen Fachmann der Senatsverkehrsverwaltung, Heribert Guggenthaler, sind beide Orte bekannt. In Schöneberg habe der Bezirk eben nur eine Platzhälfte für Radler freigegeben. Wie berichtet, gilt der Bezirk Tempelhof-Schöneberg als einer der unwilligsten bei Verbesserungen für Radfahrer. Doch für das Hallesche Tor hat Guggenthaler gute Nachrichten: Mit dem Bezirk sei bereits vereinbart, dort eine legale Querungsmöglichkeit für Radfahrer über den Landwehrkanal zu schaffen. Dort bestehe einfach ein hohes Verkehrsbedürfnis, darauf müsse man reagieren.

Elisa W. ist die zweite Radfahrerin, die in diesem Jahr getötet wurde; 2010 starben sechs Radler auf Berlins Straßen.

Autor

108 Kommentare

Neuester Kommentar