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Bora Cosic : Die Tanten rezitierten schrecklich gern

22.12.2007 00:00 UhrVon Bora Cosic

Die Slava ist ein typisch serbisches Fest. Jede orthodoxe Familie hat ihren Heiligen und Schutzpatron, und einmal im Jahr wird er groß gefeiert. Unser Autor erinnert sich an die Feste seiner Kindheit – und wie der Sozialismus sie veränderte.

In meiner Kindheit ging ein gottesnärrischer Greis mit einem kleinen Kreuz in der Hand durch Belgrad, jedem Passanten streckte er sein Gesicht entgegen und flüsterte: „Bereue, bereue! Es kommt der Jüngste Tag!“ Aber die Serben zeigten keine übertriebene Gottesfürchtigkeit, diesen Alten mit dem Kreuz hielten die meisten für verrückt. Später sah ich in Polen oder Kroatien an kirchlichen Feiertagen große Prozessionen, die Serben interessierten sich hingegen immer mehr für das Geschehen am Festtisch.

Es gibt in jeder orthodoxen Familie einen Tag, der einem Heiligen gewidmet ist, das ist der Schutzpatron des Hauses, wie im alten Rom.

Weil die orthodoxe Religion ohnehin vieles aus vorchristlichen Zeiten aufgelesen hat, die Serben eigentlich verkappte Heiden sind. So wird bei den Serben zu Ehren der eigenen Laren und Penaten zu einem bestimmten Datum, wenn in diesem Augenblick nicht gerade ein verrückter Krieg geführt wird, ein Festtagsschmaus sondergleichen organisiert. Das ist bis heute so.

In meiner Kindheit, so erinnnere ich mich, erschien vor der Slava, wie das Fest des Familienheiligen heißt, in fast jedem Haus ein Pope, um die Wände mit Weihwasser zu besprengen. Für uns Kinder war es, als wäre ein reisender Zauberkünstler gekommen, nur dass er keinem der Hausbewohner einen halben Dinar aus der Nase zog. Eine Zeitlang murmelte der Geistliche unverständliche Gebete, dann trank er sein Gläschen Schnaps und ging nach Hause.

Vor solchen Tagen geriet die ganze Haustierschaft in Panik, weil die Serben vor den Feiertagen alles schlachten, was ihnen in die Hände fällt, Hühner, Gänse und Puten, am meisten Ferkel, alles in diesem Land grunzt und quiekt gleichzeitig, und das Blut der unschuldigen Tiere fließt über die Märkte, wo dies oft erledigt wird. Für unsere tierischen Mitbürger gab es keine Gnade. In den Zeitungen wurden sogar Inserate gedruckt: „Wir schlachten bei Ihnen zu Hause“. Das bedeutete, dass spezielle Leute zu Ihnen nach Hause kamen, um zu schlachten, was nötig war. Es gab auch ein Durcheinander im Verkehr; in den Straßenbahnen gackerten die Gänse, die die Damen mit nach Hause nahmen, aus den Autos schauten die Köpfe von Ferkeln heraus, all das Getier erwartete am Vorabend einer Slava ein Massaker von Bethlehem.

Unsere Mütter, Tanten und Großmütter waren an diesen Tagen voll und ganz mit dem Kuchenbacken beschäftigt, das dauerte. Ich erinnere mich, dass alles im Haus von diesen Arbeiten in Beschlag genommen war, vor lauter Teigausziehen und Sahneschlagen kam man nirgendwo durch, die Stühle waren belegt von verschiedenen Backgeräten, von Modeln, Weitlingen und Blechen, vom Mehl war jede Ecke staubig, mein Vater fragte genervt: „Sind wir denn auf einer Baustelle!?“

Aber in Serbien wissen ohnehin viele Leute oft nicht, wo sie sind, das verstärkt sich während der verschiedenen Feste nur. Wir kennen die Szene auf Brueghels Bild „Das Schlaraffenland“: Alle liegen nach einer unmenschlichen Völlerei auf der Erde und schnarchen. Danach kommt für die nächsten Tage unweigerlich ein leichter Katzenjammer, nur ist auch das ein Zustand, den mein Volk ansonsten ganz gut kennt. Sie neigen nicht unbedingt so stark zum Alkohol wie manche anderen, aber die Benommenheit, in der die Serben oft leben, sei es aus politischen Gründen oder wegen eines Krieges, bekommt an Festtagen eine zusätzliche Rechtfertigung.

Die Serben haben auch in das gemeinsame Land der Jugoslawen zuerst ihre Maßlosigkeit eingebracht, besonders den Geist des ausdauernden Feierns; in einem Land mit ohnehin geringer Produktivität mehr arbeitsfreie Tage einzuführen, war völlig unproduktiv, aber den Menschen gefiel es. Der Sozialismus konnte, nach dieser Periode zu urteilen, sehr fröhlich aussehen.

In dem nach 1945 eingeführten Regime geschah auch noch Folgendes: Viele alte Feiertage wurden umfunktioniert, so wurden Weihnachten und Ostern und daher auch die Slava, das Fest zu Ehren eines Heiligen, durch den Tag der Arbeit am 1. Mai, den Geburtstag des Volksführers und den Jahrestag der Gründung des neuen Staates ersetzt. Auf diese Weise wurde nur die Fassade der Volksfröhlichkeit verändert, das Wesen blieb gleich. Die Tische begannen sich von Neuem unter den zahlreichen Speisen und Getränken zu biegen, nur jetzt feierten wir nicht mehr den Heiligen Sava oder Christi Geburt, sondern den Tag, an dem Tito geboren war, den Tag der Armee.

Der Feiertag war im Kommunismus dazu immer mit etwas Irrationalem verbunden, schon allein die Berge von Fahnen, die es zu verteilen galt, an jeden Masten eine! Und so lange das nicht erledigt war, lagen diese dreifarbigen Fetzen haufenweise auf dem Trottoir und darauf die Arbeiter, bis sie sich abgesprochen hatten, was zu tun war. So ging es auch mit den Plastiken. Die grobschlächtigen Köpfe von Marx, Engels, Lenin und Tito lagen zusammengeworfen im Gras, wie Melonenhaufen, als wären all diese Geistesgrößen guillotiniert worden; diese meist aus Papier oder Gips gefertigten Skulpturen mussten ebenfalls verteilt werden, auf die Auslagen, die Fassaden, die Podien. Und da ein Kopf meistens mehrmals vorkam, schien es, als regierte in der Stadt eine Familie mit einer großen Zahl von Zwillingen.

Dann marschierte die Parade an, mit einem großen Telefon, einem großen Löffel, einem großen Kugelschreiber, mit all dem, was man dem werktätigen Volk für die Zukunft versprach. Statt des Slavakuchens, der einst auf dem Tisch jeder Familie gestanden hatte, gab es jetzt einen futuristisch ausgeführten Gegenstand, der die Zukunft verkörperte, Hammer und Sichel übergroß, gestaltet aus Frühlingsblumen. Am blauen Himmel schwebte ein Flugzeug, unter dem ein Athlet hing, der sich mit den Zähnen an einem Seil festhielt, so konnte er mit den freien Händen dem Führer des Volkes, unten, auf der Tribüne, winken. Aus all dem geht hervor, dass der Sozialismus eine zutiefst künstlerische Bewegung war, eine artistische, daher vielleicht eine etwas künstliche.

In meiner Familie gab es immer kreative Impulse, manchmal auch zu viele. So wurden die häuslichen Feste in Amateurveranstaltungen, in Kindertheater, in häusliches Varieté verwandelt. Die Tanten rezitierten schrecklich gern, eine von ihnen warf dabei ihr Haar nach hinten, die andere zog das Grammophon auf und spielte südamerikanische Schlager. Mein Onkel vollführte Tricks mit einem Taschentuch, es gelang ihm, daraus eine lebendige Maus zu machen, die alle Augenblicke auf jemandes Teller sprang.

Der Mann einer Tante, ein ehemaliger Offizier, war ziemlich verschroben; er zog sich in ein anderes Zimmer zurück, dann stürzte er, als schreckliche alte Frau mit Schnurrbart verkleidet, heraus. Eine Zeitlang tanzte er mit unerhörten Schreien um den Tisch. Meine Mutter hatte die Angewohnheit, sich wie Deanna Durbin aus dem amerikanischen Farbfilm zu kleiden. Großvater fragte, wer diese Leute um ihn herum seien, er erkannte keinen mehr. Alles in allem kümmerte sich niemand um den Heiligen, der der Schutzpatron unseres Hauses war und dessen Ikone sich in der Ecke befand. Viel wichtiger war die Veranstaltung selbst und ihr explosiver Inhalt.

Ich erinnere mich, dass das Slava-Fest 1945/46, im ersten Jahr nach der Befreiung des Landes, besonders laut war, völlig hemmungslos. Besonders toll trieb es der ehemalige Offizier mit seinem Verkleiden. Er verkleidete sich jetzt als Stalin, als Roosevelt, dann humpelte er ein bisschen. Ein Verwandter von uns verstand die Bühnenkunst einfach nicht, er meinte, die echten historischen Persönlichkeiten seien zu uns zu Besuch gekommen. Wir müssen entsetzlich laut gewesen sein, als wir voller Begeisterung spielten, in unserer engen Wohnung finde die Konferenz von Jalta statt. Dann klopfte jemand an die Tür, der Nachbar von der Etage unter uns erschien, bleich wie Schnee. Er sagte: „Wisst ihr denn nicht, dass meine Tochter im Sterben liegt? Sie hat Tuberkulose.“ Wir alle verstummten. Nur Mama sagte: „Wir hatten keine Ahnung!“ Das war das Ende.

Aus dem Serbokroatischen von Katharina Wolf-Grießhaber. – In dieser Serie sind bereits erschienen: „Bonbons im Gefängnishof von Siva“ von Seyran Ates (12. Oktober), „Unsere Kantine ist Kult“ von Wladimir Kaminer (1. November) und „Spaziergang um mein Grab herum“ von Guillermo Fadanelli (23. November). Alle Geschichten sind unter wwww.tagesspiegel.de/erzaehlwettbewerb nachzulesen.

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