Fête de la Musique in Berlin : Fiedeln im Freien

Zum Sommeranfang ist Fête de la Musique. An jeder Ecke wird gespielt und gesungen. Die ganz normalen Straßenmusiker wissen, wie man das Publikum begeistert. Wir haben ein paar getroffen.

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Zem Sarmento (links) aus Portugal und Michel Turchetti aus Frankreich machen seit einem Jahr auf Berlins Straßen zusammen Musik.
Zem Sarmento (li.) aus Portugal und Michel Turchetti aus Frankreich machen seit einem Jahr auf Berlins Straßen zusammen Musik.Foto: Thilo Rückeis.

Schwarzer Paillettenhut, Ring im linken Ohrläppchen, Dreitagebart, ausgeblichenes Che-Guevara-Shirt und die Gitarre in der Hand: wie ein Straßenmusiker eben so aussieht. Donnerstag kurz vor halb drei, Hackescher Markt. Michel Turchetti wartet noch auf seinen Partner, ah, da kommt er schon um die Ecke. Eben noch die Gitarren an die Verstärker anschließen, Mikro an, schon geht es los. Klingt ein bisschen nach Bob Dylan, den Leuten gefällt’s, einige bleiben gleich stehen, hören zu, wippen mit.

Dabei ist doch erst an diesem Freitag Fête de la Musique, das Fest, das die ganze Stadt für einen Tag in einen einzigen Freiluftkonzertsaal verwandelt. Aber für Straßenmusiker wie Michel Turchetti ist jeden Tag Fête de la Musique. „Am liebsten bin ich hier am Hackeschen Markt“, sagt der etwa 50-jährige Franzose in einer Musikpause. Abends tingle er oft durch die Restaurants, mal allein, mal spiele er auch mit seiner Band in Bars. Oder eben wie jetzt mit Zem Sarmento, einem kleinen, leicht untersetzten Halbportugiesen mit Baskenmütze, Sonnenbrille, geringeltem Unterhemd. Kennengelernt haben sich die beiden vergangenes Jahr – bei einem Straßenkonzert. „Ich habe Michel zugehört, mir gefiel seine Mischung aus Jazz, Country und Blues“, sagt Sarmento. Und zusammen musizieren mache einfach mehr Spaß. Sind sie auch bei der Fête de la Musique dabei? Michel Turchetti winkt ab: „Da sind zu viele andere Musiker unterwegs, da machen wir lieber einen Tag Pause.“ Bevor er vor fünf Jahren nach Berlin kam, war er in Frankreich, in ihrem Ursprungsland, gelegentlich bei der Fête aufgetreten. Hier ist sie ihm inzwischen zu trubelig.

Nicht weit von den beiden, unterm Gewölbe des S-Bahn-Zugangs am Hackeschen Markt, steht Jonny Kersten, brauner Wuschelkopf, Karohemd, ebenfalls mit Gitarre, aber auf ein anderes Genre spezialisiert: „I’m yours“, den Charthit von Jason Mraz, gibt er gerade zum Besten. Mit der Straßenmusik habe er mit 18 angefangen, sagt der mittlerweile 22-Jährige. „Ich bin zum Üben einfach raus in den Park gegangen, das fand ich schöner, als drinnen zu hocken.“ Als er besser wurde, nahm er einen Schuhkarton mit. Inzwischen singe er nicht mehr so oft im Park, „außer abends zusammen mit meinen Freunden“, sondern lieber hier unterm Gewölbe, da sei die Akustik besser. Und statt des Schuhkartons hat er den Gitarrenkoffer aufgeklappt, in dem schon einige Münzen liegen. Am Freitag steht er auch hier. Ihm mache es einfach Spaß, für andere zu spielen: „Irgendwas bekommt man immer zurück.“ Damit meine er nicht nur das Geld, das sei sowieso nicht so viel, für zwei Stunden spielen bekommt er an guten Tagen 50, an nicht so guten auch mal nur zehn Euro, schätzt er. Etwas anderes ist ihm viel wichtiger: „Die Leute freuen sich, machen Komplimente.“ Am schönsten seien solche Momente wie neulich, da standen plötzlich 40 Zuhörer vor ihm, haben mitgesungen und getanzt. Bald will der gebürtige Berliner anfangen zu studieren, wahrscheinlich Grafikdesign. „Straßenmusik werde ich aber weiterhin machen.“

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Fête de la Musique 2013
Fête de la Musique 2013

Anderer Ort, wieder eine völlig andere Musikrichtung: Auf dem Alex gegenüber der Galeria Kaufhof sitzen Oleg Antonenko und seine zwei Freunde mit ihren Akkordeons. Die Finger der rechten Hand fliegen über die weißen Tasten, die der linken verharren länger auf den silbernen Knöpfen. Die Töne, die das Trio seinen Instrumenten entlockt, erinnern an ein Streichkonzert. „Wir spielen einen Mix aus klassischer Musik mit französischer Musette und argentinischem Tango“, erklärt der Ukrainer Antonenko in gebrochenem Deutsch. Schon seit zehn Uhr morgens sitzen sie hier auf ihren hölzernen Klapphockern, aber es sei einfach zu heiß an diesem Tag. Ob es am Freitag heiß ist oder schauert, Oleg macht das nichts: „Am Freitag spiele ich in der U-Bahn!“

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