Fidel Castro und die DDR : Als der Máximo Líder Ost-Berlin besuchte

Ernst Thälmann widmete er eine Sonneninsel, Erich Honecker und Genossen verwöhnte er mit einer mehrstündigen Rede. Vor allem ging es bei Fidel Castros DDR-Visite im Juni 1972 jedoch um handfeste Interessen.

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Freudiger Empfang in Schönefeld: Fidel Castro mit Erich Honecker bei einem Besuch im April 1977.
Freudiger Empfang in Schönefeld: Fidel Castro mit Erich Honecker bei einem Besuch im April 1977.Foto: dpa-Zentralbild

Zu den fast vergessenen Kapiteln der deutschen Musikgeschichte gehört ein Lied, das der in der DDR hochgefeierte Schlagersänger Frank Schöbel mit seiner Kollegin Aurora Lacasa 1975 aufnahm. Für die TV-Sendung „Unterwegs mit Musik – Kuba“ priesen sie darin die Schönheiten der „Insel im Golf von Cazones“.

Zugegeben, eher eine Fußnote als ein Kapitel, aber eine hochpolitische. Denn es war nicht irgendeine Karibikinsel, über deren Sandstrand das singende Duo, gefilmt vom DDR-Fernsehen, schreiten durfte. Vielmehr eine, die Kubas Chef Fidel Castro bei seinem Besuch in Ost-Berlin drei Jahre zuvor ausdrücklich der DDR und ihren revolutionären Traditionen gewidmet hatte. So ausdrücklich, dass später von der Honni-Insel die Rede war, das unweit der Schweinebucht gelegene Eiland fälschlich als Geschenk an die DDR interpretiert wurde, also dank der Wiedervereinigung als 17. Bundesland zu gelten habe.

Gleichwohl, Fidel Castros DDR-Besuch vor 44 Jahren darf als der glanzvolle Höhepunkt der Beziehungen Kubas zu dem sozialistischen Bruderstaat und Berlin gelten, absolviert im Rahmen einer Osteuropa-Tour des Máximo Líder. Schon Walter Ulbricht hatte ihn eingeladen, kurz vor dem legendären Kennedy-Besuch 1963, sozusagen als Gegengift, als das stattdessen Nikita Chruschtschow herhalten musste. Castro hatte sich „aus Termingründen“ verweigert.

Aber am 13. Juni 1972 landete Castro in Schönefeld, wo es laut dem „Neuen Deutschland“ gleich nach der Ankunft einen scherzhaften, wiederum hochpolitischen Wortwechsel mit Erich Honecker gegeben haben soll: „Wir sind am 13. hier angekommen. Das ist ein gutes Datum.“ – „Ja, am 13. August hast du Geburtstag, und am 13. August haben wir dem Imperialismus einen Riegel vorgeschoben.“

Den Ball griff Castro später gerne auf, besichtigte die Mauer am Brandenburger Tor, pries vor Grenzsoldaten deren Arbeit: „Ihr schützt hier die sozialistische Gemeinschaft, hier im Herzen Europas.“ Auch eine Kranzniederlegung in der Neuen Wache gehörte zum Besuchsprogramm, weiter eine mehrstündige, simultan übersetzte Rede in der Werner-Seelenbinder-Halle, für die Zuhörer schon deswegen eine physische Herausforderung, weil pausenlos gequalmt wurde.

Bei Castros Besuch 1972 in Ost-Berlin war ein Abstecher zum Brandenburger Tor obligatorisch.
Bei Castros Besuch 1972 in Ost-Berlin war ein Abstecher zum Brandenburger Tor obligatorisch.Foto: Koard/Bundesarchiv

Schon kurz nach der Ankunft hatte es Gastgeschenke gegeben. Für Castro einen riesigen Berliner Plüschbären und einen Orden, für Honecker als neuem starken Mann der DDR eben besagte Insel: Per Präsidentenerlass war das 15 Kilometer lange, 500 Meter breite Eiland an der Südküste nach Ernst Thälmann, dem 1944 im KZ Buchenwald ermordeten KPD-Führer, benannt worden. Und ein Strand hieß fortan Playa RDA, also DDR-Strand. Castro hatte sogar eine frisch gedruckte Landkarte zur Hand, auf der die beiden Namen bereits eingetragen waren.

Später im Jahr wurde auf der Insel unter Mitwirkung einiger DDR-Vertreter sogar eine Thälmann-Büste aufgestellt, leider so nahe am Wasser, dass ihr – so der Bericht des Sängers Schöbel – ständig Wasser ins Angesicht spritzte. Und gegen den Spott des DDR-Volksmundes war das Inselpräsent ohnehin nicht gefeit: „Über Kuba lacht die Sonne, über uns die ganze Welt.“

Honeckers setzte auf die Verve der Kubaner

Besonders volkseigene Betriebe samt deren Kampfgruppen standen ganz oben auf dem Besuchsprogramm Castros. In den Chemiewerken Leuna bekam er sogar einen alten Karabiner als Präsent überreicht, ein Schießgerät mit revolutionärer Tradition. Angeblich eingesetzt während des gescheiterten Mitteldeutschen Aufstands im März 1921.

Doch war der Hintergedanke solcher Besuche an den Arbeitsstätten der Werktätigen weniger rückwärts- als vorwärts gewandt. Kuba litt zunehmend unter der US-Blockade, bedurfte dringend wirtschaftlicher Unterstützung, nicht nur durch die UdSSR, während Honecker hoffte, die revolutionäre Verve der Kubaner möge auf die DDR-Jugend abfärben. Und nicht nur das: Seit den siebziger Jahren schickte Kuba vertragsgemäß zehntausende junge Kubaner, Arbeiter wie Studenten, in die DDR, lieferte Zucker, Südfrüchte und Rohstoffe, während sich die DDR mit Maschinen und dem Aufbau ganzer Fabriken revanchierte.

Noch heute rollen nicht nur heckflossenbewehrte US-Straßenkreuzer über Havannas Straßen, sondern ebenso Krafträder der DDR-Marken Simson und MZ. Um das Denkmal Thälmanns steht es allerdings nicht gut. Besichtigen kann man es nicht – militärisches Sperrgebiet. Es wäre wohl auch nicht viel zu sehen. Der Hurrikan Mitch riss den Arbeiterführer 1998 zu Boden.

Auch diese linken Beziehungen gab es: Der SPD-Vorsitzende Willy Brandt im Oktober 1984 bei Fidel Castro in Havanna.
Auch diese linken Beziehungen gab es: Der SPD-Vorsitzende Willy Brandt im Oktober 1984 bei Fidel Castro in Havanna.Foto: ADN/dpa
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Wo Fidel Castro seine Revolution begann
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