Filmwerbung per Dampfertour : Rentner ans Ruder

Bernd Böhlichs Tragikomödie "Bis zum Horizont, dann links!" startet am 12. Juli im Kino. Schon jetzt lud das All-Star-Ensemble des Films um aufmüpfige Altersheiminsassen zur Kahnpartie.

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Halbe Kraft voraus. Otto Sander hat sich von Kapitän Lothar Schönung das Steuerrad der „Don Juan“ geborgt. Sander spielt die Hauptrolle in „Bis zum Horizont, dann links!“, den er Donnerstag mit vielen Kollegen auf der Spree bewarb.
Halbe Kraft voraus. Otto Sander hat sich von Kapitän Lothar Schönung das Steuerrad der „Don Juan“ geborgt. Sander spielt die...Foto: Stephanie Pilick/dpa

Ein lang gezogenes Knirschen unterbricht das Gespräch. Extrem hässliches Geräusch und irgendwie beunruhigend so mitten auf dem Wasser. Herbert Feuerstein schaut erschreckt durch seine Brillengläser. Von einem Riff in der Rummelsburger Bucht hat man allerdings noch nie was gehört. „Was ist los?“, ruft Feuerstein Richtung Kapitän, „steht eine Evakuierung an?“ Wenn ja, dann aber wenigstens Frauen und alte Schauspieler zuerst. Feuerstein grinst. Das wär’s ja noch, wenn dieser Kahn unterginge. So viel Film- und Bühnenjahre, wie bei dieser Kaffeefahrt versammelt sind. Doch nichts dergleichen geschieht, die „Don Juan“ schippert weiter, und Angelica Domröse, 71, Otto Sander, 70, Robert Stadlober, 29, Herbert Feuerstein, 75, Herbert Köfer, 91, Ralf Wolter, 85, und Tilo Prückner, 71, machen hinter Kaffeetassen und Kuchentellern Werbung für ihren neuen Film.

Die warmherzige, erfreulich verhaltene Tragikomödie „Bis zum Horizont, dann links!“ kommt am 12. Juli in die Kinos. Regie führt Bernd Böhlich, der sich neben Fernsehregien bei den RBB-Filmen mit Horst Krause oder dem Polizeiruf auch mit Kinofilmen wie „Der Mond und andere Liebhaber“ oder „Du bist nicht allein“ als Menschenfreund empfohlen hat. „Wo ist eigentlich Herr Böhlich?“, ruft Ralf Wolter gleich nach dem Einschiffen an der Friedrichshainer Schillingbrücke in die Kollegenrunde. „Der steigt sicher tief im Osten zu“, vermutet Otto Sander. Das funktioniert zwar nicht, aber dafür hat Böhlichs Drehbuch bei ihnen allen gezündet.

Abgesehen von Herbert Feuerstein, den das Mitfliegen in der JU 52 gereizt hat, machen die meisten einzig deswegen mit bei dem Ensemblefilm um eine Gruppe Altersheiminsassen, die bei einem Rundflug ein Flugzeug kapern, um ans Mittelmeer zu fliegen. „Das Buch ist ausgezeichnet, und Böhlich hat eine tolle Truppe zusammengestellt“, sagt Otto Sander. Er spielt die Hauptfigur, den Rädelsführer Herrn Tiedgen, der aus dem Heim raus will und nebenbei das Herz des Neuzugangs Annegret Simon, gespielt von Angelica Domröse, erobern.

Klingt nach schlicht gestrickter Free-Rentner-Feel-Good-Komödie, ist aber angesichts von Heimödenei, Inkontinenz, Verlassenheit und dem Skandal des Alterns an sich mehr eine Lektion in Mensch und Schauspieler sein. Märchenhaft ja, sentimental nein. Da legt Otto Sander Wert drauf, der seinen Tiedgen einen melancholischen Anarchisten nennt. „Der will Haltung bewahren und aktiv bleiben, so wie ich.“ Ob er ins Heim ginge, wenn’s nicht zu vermeiden sei? „Wenn ich das wüsste. Habe ich noch nicht zu Ende gedacht.“

Da ist er in guter Gesellschaft. Der einzige bekennende Nicht-Schauspieler des Ensembles – Herbert Feuerstein – zieht es vor, gar nicht erst so alt zu werden. Der in Charlottenburg ansässige Tilo Prückner will sich später zum Sterben unter einen indischen Tempel legen. „Ich bin da öfter und hab’ schon einen ausgeguckt.“ Und Robert Stadlober kann sich nicht vorstellen, jemals „in so einer Bettenbatterie rumzuliegen“. Warum er neben der nicht mitschippernden Anna Maria Mühe als Jungspund im Ensemble mitspielt? „Wo Otto mitmacht, wird es immer gut.“ Und außerdem sei Respekt vor dem Alter ein Wert, den man versuchen solle, zu leben. „Alte sind ja keine Kleinkinder, da steckt die Würde von 70, 80 Jahren Leben drin.“ Auf Ralf Wolter war er als alter Karl-May-Filmfan besonders gespannt. „Der ist lustig und redet viel.“ Trotz seiner 85 Lenze. Auch Wolter preist den Kollegen Sander. „Otto ist die seriöse Achse des Films.“ Zur Bootsfahrt ist er aus München angereist. Da lebt der Berliner seit dem Mauerbau. Viele Filme dreht er nicht mehr. „Ich spiele lieber Klavier, lese Bücher in mehreren Sprachen, radele viel.“ Dass der Rentnerfilm derzeit gleich mit einer französischen, englischen und nun auch deutschen Produktion im Kino floriert, findet er bei aller Gelassenheit wichtig. „Das wertet Alte auf, weil sie wieder wer sind, eigenständig handeln und Sehnsüchte haben dürfen.“ Wie er selber das Altern erlebt? Er grinst wie weiland als Sam Hawkins und spricht: „Man ist nicht mehr der Alte, aber der Junge ist man auch nicht mehr.“

Seine deutlich wortkargere Kollegin Angelica Domröse blinzelt durch die Sonnenbrille. Auch sie findet, dass es höchste Zeit für mehr Altenfilme ist. „Die Gesellschaft ignoriert das Thema doch.“ Im Gegensatz zu Wolter hat sie den fertigen Film schon gesehen und ihre Lehre daraus gezogen. „ Du musst frech sein als Alte, die Jungen sind’s ja auch.“ Spricht’s und fragt nach Kuchen.

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