• "Flüchtlinge fressen" in Berlin: Ein umgekehrter Hungerstreik - nahe an der Erpressung

"Flüchtlinge fressen" in Berlin : Ein umgekehrter Hungerstreik - nahe an der Erpressung

Die Parteiendemokratie ist anstrengend, Theatermacher retten aber keine Flüchtlinge. Unser Autor meint, Flucht sei nur zufällig ihr Thema. Ein Kommentar.

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Vor dem Maxim Gorki Theater sollen Tiger in einer Kunstaktion angeblich "Flüchtlinge Fressen", wenn die Beförderung von Ausländern ohne Papiere nicht erlaubt wird.verbietet.
Vor dem Maxim Gorki Theater sollen Tiger in einer Kunstaktion angeblich "Flüchtlinge Fressen", wenn die Beförderung von Ausländern...Foto: Jens Kalaene/dpa

Furchtbar, diese Demokratie. Immer ist die Mehrheit gegen das, was man selbst richtig findet. Nur wenige von uns schaffen es, eine eigene Partei zu gründen und sich auf die Ochsentour zum Bundeskanzleramt zu begeben – und wenn doch, stellen sie frustriert fest, dass sie in dem Job auch nichts wirklich allein bestimmen können. Die Mehrheiten!

So ist es auch mit der Flüchtlingspolitik. Selbstverständlich ist die Auffassung legitim, alle Flüchtlinge von allüberall und aus welchen Gründen auch immer sollten ohne Visum nach Deutschland fliegen dürfen. Aber wer das fordert, steht in der politischen Landschaft nicht nur ziemlich allein, sondern er hat auch das Gesetz gegen sich, das deutsche Recht wie das europäische.

Gesetze lassen sich ändern, selbstverständlich. Aber außerhalb der Refugees-Welcome-Zirkel will das niemand – und das ist auf eine seltsam vertrackte Weise nun der Grund dafür, dass am Berliner Maxim-Gorki-Theater ein paar Tiger, eingesperrt, angeblich darauf warten, syrische Flüchtlinge fressen zu dürfen, falls ein Flugzeug nicht sofort 100 weitere ohne Visum von Istanbul nach Berlin bringen darf. Sieben Freiwillige stünden schon bereit, heißt es. Man könnte also sagen, dass es sich um eine Art umgekehrten Hungerstreik handelt – politischer Aktivismus, durch die Stilisierung als Kunstwerk notdürftig gegen den naheliegenden Vorwurf der Erpressung immunisiert.

Schrottreife Jets der Schlepper würden in die Ägäis fallen

Natürlich ist das alles Quatsch. Weder lässt sich die Bundesregierung davon beeinflussen, noch wird irgendwer von Tigern gefressen. Ja, die Organisatoren wollen die Debatte anheizen, wollen emotionalisieren – aber was soll dabei herauskommen? Ein Meinungsumschwung? Schon die Vorstellung, dass Flüchtlinge im Fall eines Erfolgs der Aktion die Flughäfen der jeweiligen Region überrennen, weil dort die Airbusse nach Berlin starten, ist ziemlich irrsinnig. Wahrscheinlich wäre das Ergebnis, dass die Schlepper dann halt schrottreife Jets chartern, die über der Ägäis ins Meer fallen.

Es ist die Logik des politischen Aktivismus, der demagogischen Inszenierung. In diesem Fall, da hat die Bundesregierung schon recht, zynisch arrangiert auf dem Rücken von Flüchtlingen. Wer will, der mag es Kunst nennen, Kunst, die nicht von Können kommt, sondern vom unbedingten Willen einiger Charismatiker und ihrer Szene zur Selbstinszenierung. Dass ihr Thema die Flucht ist – das ist reiner Zufall.

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Zentrum für politische Schönheit bestattet syrische Flüchtlinge
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