• Potsdamer Neueste Nachrichten
  • Bootshandel
  • Qiez
  • zweitehand
  • twotickets
  • Berliner Köpfe
  • wetterdienst berlin

Flughafen BER : Die Akte Schönefeld - 1989 bis 1996

02.12.2011 16:14 Uhrvon
Ein Terminal aus Licht - die Abfertigungshalle am neuen Flughafen BER.Bilder
Ein Terminal aus Licht - die Abfertigungshalle am neuen Flughafen BER. - Foto: Alexander Obst/Marion Schmieding/Berliner Flughäfen

In genau sechs Monaten wird der neue Flughafen „Willy Brandt International“ eröffnet – nach mehr als zwanzig Jahren Planung. Im Gespräch waren damals viele Standorte. Wie kam es eigentlich zu der Entscheidung?

Nach dem Fall der Mauer hatte das sich schnell wiedervereinende Berlin vieles doppelt und von manchem zu viel, von anderem aber nicht genug. Drei Opernhäuser zum Beispiel, drei Universitäten, drei große Hochschulkliniken. Und zweieinhalb Flughäfen, wenn man zu denen in Tegel und Schönefeld noch den eigentlich ziemlich still gewordenen in Tempelhof dazurechnet. Dass die Flughafenkapazitäten angesichts der prognostizierten Wachstumsraten eher zu klein als zu groß waren, begriff die Politik schnell. Es war nicht nur der berlintypische Nachwende-Wachstums-Wahn, der die Planer trieb, sondern die nüchterne Erkenntnis, dass das aus allen Nähten platzende Tegel viel zu klein, das nicht ausgelastete Schönefeld hingegen in der Substanz auf Dauer zu marode sein würde.

Der Erste, der bereits am 14. Dezember 1989, also gerade einmal einen Monat nach dem Fall der Mauer, auf das Thema zu sprechen kam, war der damalige Reinickendorfer Bezirksbürgermeister Detlev Dzembritzki. Bei einer Sitzung des Rates der Bürgermeister stellte er fest, die innerstädtischen Flughäfen Tegel und Schönefeld seien mittelfristig für einen Ballungsraum von fünf Millionen Menschen ungeeignet. Die fünf Millionen waren für die Hauptstadt alleine zu hoch gegriffen - nimmt man die Region Berlin-Brandenburg als Einzugsgebiet, trifft die Zahl aber ziemlich genau.

Keine vier Wochen später, am 19. Januar 1990, luden die Vorsitzenden der Lufthansa, Ruhnau, und der DDR-Gesellschaft Interflug, Henkes, zu eine Pressekonferenz nach Schönefeld und verkündeten, beide Fluggesellschaften planten den Bau eines neues Großflughafens außerhalb von Berlin. Er solle „Berlin International“ heißen, Baubeginn solle 1995 sein. Tegel hatte damals sechs Millionen Passagiere jährlich, Schönefeld drei Millionen. Für 2005 rechnete Ruhnau mit 30 Millionen Passagieren, Henkes nannte 20 Millionen. Der neue Flughafen solle südlich von Berlin entstehen und nicht weiter als 40 Kilometer vom Zentrum entfernt sein. Man werde darauf achten müssen, so Henke, dass An- und Abflüge künftig nicht mehr über das Stadtgebiet führten.

Bereits vier Tage danach, am 23. Januar 1990, beschließt die SPD-Fraktion im Abgeordnetenhaus „Grundsätze zur Berliner Luftverkehrspolitik“, die sie eine Woche später, am 30. Januar, der Öffentlichkeit vorstellte. Die Sozialdemokraten rechnen bis zur Jahrtausendwende mit 15 Millionen Passagieren und stellen fest, dass sich diese Menschenmassen nur durch den Neubau eines Flughafens, nicht aber durch den Ausbau von Tegel und Schönefeld, bewältigen lassen. Und sie zeigen Weitsicht: Ein zügiger Ausbau der Bahnstrecke Berlin – Hannover könne die Zahl der Flugreisenden um 500 000 pro Jahr reduzieren ...

Die CDU-Fraktion geht einen Monat später über den Tagesspiegel an die Öffentlichkeit. Ihr verkehrspolitischer Sprecher, Rainer Giesel, kommt am 25. Februar 1990 mit einem umfangreichen Beitrag in dieser Zeitung zu Wort. Der Kern der Botschaft: Ein neuer Großflughafen muss im Süden der Stadt gebaut werden, es „bietet sich der heute von der Sowjetunion genutzte Flughafen Sperenberg in der Nähe von Luckau an“.

Am 30. März 1990 meldet sich Matthias Prokoph, der „Direktor für Flughäfen“ bei der DDR-Luftverkehrsgesellschaft Interflug. Auch er sieht den neuen Flughafen im Süden der Stadt und erklärt, warum alle Standorte im Westen oder Osten der Stadt automatisch ausscheiden – weil dies die Hauptwindrichtung sei und alle startenden und landenden Maschinen die Stadt in niedriger Höhe überfliegen müssten.

Mit der Wiedervereinigung am 3. Oktober 1990 war die Hoheit über den Luftverkehr von und nach Berlin wieder auf deutsche Stelle übertragen worden. Da hatte der Luftverkehr bereits derartig zugenommen, dass ein Ausbau der bestehenden Flughäfen unausweichlich schien.

Am 11. Oktober 1990 plädiert der sozialdemokratische Wirtschaftssenator Peter Mitzscherling nicht nur für den Neubau eines Flughafens und den Ausbau der bestehenden, sondern fordert auch, für den Geschäftsverkehr die Flughäfen Gatow und Tempelhof wieder zu öffnen.

Am 30. Dezember 1990 sagt Flughafendirektor Robert Grosch im Tagesspiegel, Tempelhof müsse stärker genutzt, und Schönefeld und Tegel sollten im Abfertigungsbereich deutlich ausgebaut werden. Alle Turboprop-Maschinen sollten künftig den alten Zentralflughafen ansteuern. Grosch empfiehlt, für den neuen Flughafen müssten Experten mehrere Standorte parallel prüfen und sich nicht vorzeitig nur auf einen Ort festlegen.

Am 6. Januar 1991 teilt die Lufthansa mit, sie würde ihre Flüge nach New York (kein Lesefehler!) nicht mehr von Schönefeld, sondern künftig von Tegel aus abfertigen. Die primitiven Verhältnisse in Schönefeld seien unzumutbar.

Am 22. April stellt Brandenburgs Wirtschaftsminister Hirche ein Vierpunkteprogramm vor, das eine Arbeitsgruppe Luftverkehr beider Bundesländer erarbeitet hatte. In die Abfertigungsanlagen in Schönefeld sollen 300 Millionen DM investiert werden, für den Bau eines neuen Großflughafens werden 20 bis 25 Jahre veranschlagt. Als mögliche Standorte werden die Gemeinden Sommerfeld, Groß Behnitz, Altes Lager und Sperenberg erwähnt. Durch den Bau zusätzlicher Startbahnen im Süden von Schönefeld könnten die Kapazitäten des vorhandenen Flughafens deutlich gesteigert werden.

Am 2. Mai 1991 unterzeichnen Bund, Berlin und Brandenburg einen Vertrag über die Gründung einer gemeinsamen Flughafenholding für Tegel, Tempelhof und Schönefeld.

Am 9. Mai verkündet der brandenburgische Umweltminister Matthias Platzeck, man sei sich mit Berlin über den Bau eines neuen Flughafens im Süden der Stadt einig geworden. Drei Standorte seien im Gespräch: Sperenberg, Genshagener Heide und Schönefeld-Süd. Gegen eine Erweiterung des bisherigen Schönefelder Flughafens sprächen nicht nur Umweltprobleme, der Standort sei auch verkehrsmäßig nicht vernünftig anzubinden.

Am 3. Juni 1991 sprechen sich Brandenburger Landräte und Bürgermeister der möglichen Standortregionen für Sperenberg aus. Bürgermeister Donath verweist auf eine Umfrage, wonach 76 Prozent der Einwohner seiner Gemeinde dem Bau eines neuen Flughafens zustimmen. Die Sperenberger wüssten genau, was auf sie zukommt. Sperenberg sei seit 120 Jahren Militärstandort und seit 40 Jahren Militärflughafen. Brandenburgs Verkehrsminister Wolf will Sperenberg durch den Bau eines Transrapid an Berlin anbinden. Wenige Tage später sind Berlins Umweltsenator Volker Hassemer und sein Brandenburger Kollege Matthias Platzeck in Schönefeld bei einem Bürgergespräch mit hitzigem Widerspruch gegen den Standort Schönefeld-Süd konfrontiert. Darüber freut sich der Zossener Landrat Giesecke, denn der will den Flughafen nach Sperenberg holen: „Wir brauchen den Flughafen, weil unsere Region sonst wirtschaftlich tot ist“, sagt er.

Am 13. Juni 1991 verwirrt Bundesverkehrsminister Günther Krause, immerhin der Vertreter des Bundesanteils in der Holding, die Berliner und Brandenburger mit einer neuen Idee. Krause will die Abfertigung vom eigentlichen Flugbetrieb abkoppeln. Gepäck könne in Berlin aufgegeben und dann nebst Passagieren mit einer Magnetschwebebahn oder dem Transrapid schnell zum weit außerhalb liegenden Flughafen gebracht werden. Auch einen Standort dafür hat Krause: Parchim in Mecklenburg.

Am 24. August 1991 tritt ein neuer Bewerber um den künftigen Großflughafen an: Die Kreisstadt Jüterbog bringt sich als Standort ins Gespräch. Auf dem 8200 Hektar große ehemaligen Panzerschießplatz der roten Armee sei, so Bürgermeister Rüdiger, sowieso nur verbrannte Erde und Karnickelsand, man mache also ökologisch nichts kaputt. Und wie in Sperenberg gilt auch in Jüterbog: Die Gemeinde erhofft sich durch den neuen Flughafen wirtschaftlichen Aufschwung für eine benachteiligte Region.

Auch in der Berliner CDU schreitet der Meinungsbildungsprozess voran. Noch im Oktober hatte Umweltsenator Hassemer dementiert, dass sich der Regierende Bürgermeister Eberhard Diepgen skeptisch über den Bau eines neuen Großflughafens geäußert habe und stattdessen den Ausbau von Schönefeld favorisiere. Am 27. Dezember 1991 sprechen sich der Vizepräsident des Umweltbundesamtes Andreas Troge (er wird später dessen Präsident), ein CDU-Mann, sowie der CDU-Staatssekretär Lutz Wicke für den Standort Schönefeld-Süd aus. Ein weit von der Stadt entfernter Airport, so argumentieren beide, verursache zusätzlichen Straßen- und Schienenverkehr und gefährde die angestrebte Schließung der innerstädtischen Flughäfen.

Das lässt den brandenburgischen Umweltminister Platzeck nicht ruhen, passen doch die Berliner Äußerungen zusammen mit anderen Überlegungen in der Hauptstadt-CDU, Tegel und Tempelhof nicht zu schließen, wenn der neue Großflughafen zu weit vor der Stadt liegt. Platzeck warnt, die gemeinsame Linie der beiden Länder – ein neuer Großflughafen statt der drei bisherigen – zu verlassen. Die Genshagener Heide, also Großbeeren, ist zwischenzeitlich als Standort aus der Diskussion, weil die Ungewissheit die Einrichtung eines Güterverkehrszentrums in der Region behindert, wegen der Unsicherheit springen bereits Investoren ab. Sperenberg, Jüterbog und Schönefeld-Süd bleiben im Rennen.

In ganz großen Dimensionen denkt inzwischen der frühere Lufthansachef Heinz Ruhnau. Er engagiert sich für den Standort Sperenberg, hat die Vision von drei bis vier Startbahnen und jährlich 60 bis 80 Millionen Passagieren, berichtet der Tagesspiegel am 30. März 1992. Einen Tag zuvor zitiert die Zeitung den brandenburgischen Ministerpräsidenten Manfred Stolpe mit der Prognose, die endgültige Standortfestlegung könne vermutlich Ende 1993 erfolgen.

Am 17. Juni 1992 spricht sich Bundesverkehrsminister Günther Krause für Schönefeld-Süd aus. Den Befürwortern von Sperenberg und Jüterbog wirft der CDU-Mann vor, sie hätten die Einreichung der nötigen Planungsunterlagen „verpennt“.

Am 21. August des Jahres scheint die Entscheidung gefallen. Ein von der brandenburgischen Landesregierung in Auftrag gegebenes Gutachten des Beratungsunternehmens Lahmeyer zur Standortprüfung gibt Schönefeld-Süd und Sperenberg kaum eine Chance und favorisiert Jüterbog-Ost und Jüterbog-West, zwei ehemalige Truppenübungsplätze sowie Borgheide mit dem Truppenübungsplatz Lehnin und Michelsdorf westlich davon. Sofort zeichnet sich ab, dass Berlin mit dieser Standortauswahl nicht einverstanden ist.

Am 7. Oktober 1992 beklagt der Tagesspiegel, dass ein Raumordnungsverfahren, die unabdingbare Voraussetzung für eine Flughafenplanung, mit Sicherheit nicht, wie geplant, zum Ende des Jahres abgeschlossen sein wird – das Verfahren wurde überhaupt noch nicht beantragt, weil sich Berlin und Brandenburg nicht über den Standort einigen können.

Folgen Sie unserer Berlinredaktion auf Twitter:

Tanja Buntrock:
Karin Christmann:


Robert Ide:


Sigrid Kneist:


Anke Myrrhe:


Hier twittert die Stadtleben-Redaktion des Tagesspiegels. Tipps und Trends, Themen und Termine - alles, was die Stadt bewegt:



Machen Sie mit und verlinken Sie Ihre morgendlichen Fotos mit dem Hashtag #gmberlin. Oder schicken Sie Ihre Fotos wie gewohnt an leserbilder@tagesspiegel.de! Wir freuen uns auf Ihre Bilder!


Die ersten Ergebnisse sehen Sie in unserer Fotostrecke.


Tagesspiegel lokal

Kreuzberg Blog

Berlin ist Kreuzberg. Und umgekehrt. Kaum ein anderer Berliner Bezirk wird so stark mit der Hauptstadt in Verbindung gebracht wie Kreuzberg. Was die Kreuzberger bewegt, viele Kiezgeschichten und Meinungen lesen Sie im hyperlokalen Projekt des Tagesspiegels.
Zum Kreuzberg Blog


Wedding Blog

Der Wedding lebt. Nur wie? Finden wir es heraus, gemeinsam. Wir: die Leser und die Journalisten des Tagesspiegels. Wir schreiben: Ein Blog über den Wedding. Den alten. Den neuen. Den guten. Den schlechten. Und den dazwischen. Früher Bezirk, bis heute Ereignis. Machen Sie mit beim Wedding Blog!
Zum Wedding Blog


Zehlendorf Blog

Zehlendorf – fein, langweilig, reich? Denkste! Wir hinterfragen gemeinsam mit Jugendlichen, Erwachsenen, Prominenten Klischees und schreiben spannende Geschichten aus dem Stadtteil: über Menschen, lokale Politik und ein Lebensgefühl mit Wasser und Wald. Schreiben Sie mit am Zehlendorf Blog!
Zum Zehlendorf Blog

Umfrage

Wie stehen Sie zu der Entscheidung Klaus Wowereits, vorzeitig vom Amt des Berliner Bürgermeisters zurückzutreten?

Service

Empfehlungen bei Facebook

Nachrichten aus den Bezirken

Weitere Themen

Der Tagesspiegel im Sozialen Netz

Veranstaltungen im Tagesspiegel

In unserem Verlagsgebäude finden regelmäßig Salons, Vorträge und Debatten statt, zu denen wir Sie herzlich einladen.
Unser HTML/CSS Widget (statisch)

Erleben sie mit tagesspiegel.de die ganz besonderen Veranstaltungen in Berlin und Umgebung. Hier können Sie sich Ihre Tickets zum Aktionspreis sichern.

Weitere Tickets...