Flughafen-Desaster : Tag für Tag werden neue Probleme bekannt

Brennende Probleme überall: Die Fliesen sind kaputt, der Tower soll schief sein, und Ärger gibt es nun auch über die Bäume. Die Computer wurden immerhin gerettet – doch jetzt kommt auch noch heraus: Am BER fehlt eine Krankenstation.

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Eingezäunt. Die Infrastruktur hat gelitten – auch ohne Passagiere. Foto: dpa/Pleul
Eingezäunt. Die Infrastruktur hat gelitten – auch ohne Passagiere. Foto: dpa/PleulFoto: dpa

Man verliert ja schnell den Überblick, was jetzt alles kaputt ist am BER. Oder von welchen Gewerken die Pläne fehlen, welche Kabel wo liegen und an welcher Stelle es gerade reintropft. Und manchmal weiß man gar nicht, ob die neueste Pfuschanekdote vielleicht doch nur eine Legende ist. Eine aktuelle BER–Mängelliste – mit und ohne Gewähr.


Wo ist das Notarzt-Zentrum?

Hier die jüngste Hiobsbotschaft. Jetzt schlagen auch die Rettungsärzte Alarm: Im Gegensatz zu Frankfurt am Main oder anderen Airports ist auf „Europas modernstem Flughafen“ (Eigenwerbung), der mit 60 000 Passagieren pro Tag starten soll, keine eigene Rettungsstelle samt Ärzten geplant.

BER-Eröffnungstermin erneut geplatzt
Die Lage am BER ist ernst. Flughafen-Technikchef Horst Amman fand am Dienstag im bei „hr-iNFO“ deutliche Worte für das Dilemma: „Die Probleme sind leider Gottes nach dem, was wir jetzt wissen und was wir sehr mühevoll in den letzten Monaten aufgedeckt haben, heftig, sehr heftig. Und zwar so gravierend, fast grauenhaft, dass die Maßnahmen, die wir jetzt ergriffen haben, notwendig waren.". Amann hat nach Angaben von Brandenburgs Landesregierung erstmals am vergangenen Freitag darüber informiert, dass der geplante Termin 27. Oktober für den neuen Hauptstadtflughafen „real nicht zu halten“ sei. Medienberichten zufolge hatte Amann sogar schon am 18. Dezember auf eine weitere Verschiebung hingewiesen.Weitere Bilder anzeigen
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08.01.2013 10:29Die Lage am BER ist ernst. Flughafen-Technikchef Horst Amman fand am Dienstag im bei „hr-iNFO“ deutliche Worte für das Dilemma:...

„Ich verstehe nicht, wie man so etwas machen kann. Wer das entscheidet, wird dafür die Verantwortung tragen müssen“, sagte Leo Latasch, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Katastrophenmedizin. Er ist seit 20 Jahren Bereitschaftsarzt auf dem Flughafen Frankfurt am Main. Dort gebe es täglich 80 bis 90 Patienten – nicht nur Passagiere, sondern auch Mitarbeiter, die in der Flughafenklinik versorgt werden. Das bisherige Konzept für den BER sieht dagegen allen Ernstes vor, dass bei einem Notfall etwa im Terminal der 112-Notruf in der Leitstelle Berlin oder Cottbus eingeht, dann zunächst Rettungssanitäter der BER-Flughafenfeuerwehr anrücken – und aus der einige Kilometer entfernten Rettungsstelle in der Gemeinde Schönefeld der parallel alarmierte Notarzt anfahren muss. Zwar versichern der zuständige Landkreis Dahme-Spreewald und die Flughafengesellschaft, dass alle gesetzlichen Pflichten erfüllt werden. Innerhalb der vorgeschriebenen 15-Minuten-Frist sei die Erstversorgung gewährleistet. Doch Rettungsärzte wie Präsident Latasch meinen: „Das reicht nicht aus. Ich halte das für verantwortungslos.“

Eingepackt. Die schicken Polster im Terminal bleiben unbesetzt. Foto: AFP/Sax
Eingepackt. Die schicken Polster im Terminal bleiben unbesetzt. Foto: AFP/SaxFoto: dapd

Sollte es dabei bleiben, prophezeit Latasch juristische Konsequenzen. Da bedarf es nur eines „auf unterlassene Hilfeleistung“ klagenden Patienten, sagte er. Allerdings deutet sich an, dass das letzte Wort in der Angelegenheit doch noch nicht gesprochen ist. Der Flughafen schließt Nachbesserungen nicht aus. Auf die will Brandenburg nun drängen, das mit Ministerpräsident Matthias Platzeck (SPD) künftig den Aufsichtsratschef stellen wird. Der Kreis hat Ende 2012 ein Gutachten in Auftrag gegeben. Silvia Enders, Leiterin des Ordnungsamtes, gibt zu: „Ein Notfallkompetenz-Zentrum am Flughafen wäre die beste Variante.“ Einen ähnlichen Konflikt gibt es ums Konzept zur Brandbekämpfung: Wenn es im Bahnhof unter dem Terminal brennt, sollen nach dem Willen das Flughafens bislang die freiwilligen Feuerwehren aus den Gemeinden der Umgebung anrücken. Gegen eine Auflage des Potsdamer Innenministeriums, dass die Flughafen-Feuerwehr auch dafür zuständig ist, klagt der Flughafen seit Monaten vor dem Cottbuser Verwaltungsgericht. Als ob er keine drängenderen Probleme habe. Aber genügend Zeit, die Probleme zu lösen, ist man ja jetzt wieder da.

Wer schaut hinter den Putz?

Als Technik-Chef Horst Amann im August die Führung übernahm und sich im September für den Eröffnungstermin im Oktober 2013 festlegte, kannte er wohl noch nicht alle Probleme auf der Flughafenbaustelle. Am Ende zog er die Reißleine. Die „fast grauenhaften“ Probleme, wie er sie nennt, haben sich erst nach und nach gezeigt, es wurden immer mehr. Inzwischen schließt Horst Amann einen vollständigen Umbau nicht mehr aus, zumal an mehreren Stellen gegen die behördliche Baugenehmigung verstoßen worden ist. Um alle Mängel überhaupt erfassen zu können, müssen möglicherweise sogar Decken, Schächte, Böden und Wände aufgerissen werden. Die Fehlerliste ist also noch nicht einmal vollständig.

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