Formel E in Berlin-Tempelhof : Rasende Staubsauger und ein Weltrekord

Das erste Autorennen der Elektromobilität lockt Tausende Zuschauer auf den ehemaligen Flughafen Tempelhof. Aber eine stadtweite Wirkung wie bei anderen Großereignissen in Berlin ist nicht auszumachen.

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Schlange unter Strom. Am Rande des Formel-E-Rennens trafen sich die Fahrer von mehr als 500 Elektroautos in Tempelhof.
Schlange unter Strom. Am Rande des Formel-E-Rennens trafen sich die Fahrer von mehr als 500 Elektroautos in Tempelhof.Foto: dpa

Pfingstsonnabend ist also E-Day auf dem Tempelhofer Flugfeld. Wer mit der BVG anreist, bekommt gleich die Richtung gewiesen: Im U-Bahn-TV werden „Flüster-Flitzer“ und „nur Windgeräusche“ statt Rennstreckenradau angekündigt. Wer mit dem Fahrrad kommt, hat – sofern es sich um ein klassisches Herrenrad handelt – einen anderen Vorteil: Er kann aufs Oberrohr steigen und so über die blauen Gewebebahnen schauen, mit denen die Veranstalter den Zaun verhängt haben, der das Wiesenmeer vom betonierten Vorfeld trennt. Auf dem gastiert zum ersten Mal die Formel E – die kleine, aber auspufflose und deshalb zeitgemäßere Verwandte des Formel-1- Wanderzirkus. Der dröhnt zur selben Zeit durch Monaco, wo der Himmel blauer, Carl XVI. Gustaf von Schweden im Publikum sowie Sebastian Vettel am Start sind.

In Tempelhof ist immerhin Nick Heidfeld dabei und Wirtschaftssenatorin Cornelia Yzer bei der Siegerehrung. Beim freien Training am Vormittag ist noch viel Platz auf den Tribünen vorm Monumentalbau THF. Zu Füßen der Zuschauer jagen die bunten Rennwagen mit mittellautem Gejaule durch den Parcours zwischen den Kunststoffplanken – fast so schnell wie ein ICE, der jenseits von Tempo 200 wohl ähnlich klingt und, was man leicht vergisst, seit 25 Jahren die E-Mobilität in Deutschland dominiert.

Für die zahlenden Zuschauer gibt es rund ums Rennen ein elektrophiles Rahmenprogramm, so dass der Tag vorüberfliegt wie die Flundern mit ihren bunten Flossen an der Tribüne. Am Nachmittag ist es rund um Imbissstände und Autogrammtermine richtig voll; die avisierten 20.000 Zuschauer scheinen realistisch, viele Familien sind dabei.

Aber profitiert auch Berlin, das erst spärlich dekorierte „Schaufenster Elektromobilität“, vom Gastspiel dieses Wanderzirkus? Die Suche nach der Antwort führt weiter ums Flughafengebäude. Und sie verläuft ernüchternd: Nicht einmal der übliche Schönwetterwochenendstau auf dem Tempelhofer Damm. Die Zaungäste sind überwiegend Wenn-ich-eh-schon-hier- bin-Passanten. Und das Massenverkehrsmittel Pedelec – mehr als zwei Millionen Stück rollen schon auf deutschen Radwegen – spielt hier gar keine Rolle.

Stattdessen sammeln sich die E-Auto-Aficionados an der Paradestraße zur Parade: Ein Weltrekord soll geknackt werden, die längste Elektroautoschlange seit dem Urknall. 507 sind zu überbieten, die Industrie gibt sich Mühe: Am südlichen Ende des Gebäudes, wo die gefürchtete Verkehrslenkung Berlin residiert, rollen unentwegt Elektrofahrzeuge heran: Nissans, Renaults, BMWs und Citroens, fast alle direkt von den Herstellern oder involvierten Unternehmen herbeigeschafft. Ausnahme sind die Teslas, jene serientauglichen US-Sportlimousinen, mit denen Privatleute vom Typ solider Mittelständler vorfahren – und zwar Dutzende aus ganz Deutschland. Am Ende wird der Weltrekord tatsächlich geknackt: 577 E-Autos kommen in Berlin zusammen.

Während sie stumm zum Sammelplatz rollen, klingt das ferne Pfeifen der Formel E, als würde irgendwo jemand Staub saugen. Und die lautlose Wahnsinnsbeschleunigung selbst der kleinsten E-Mobile lässt ahnen, dass auch die Ära der Elektroautos manches Opfer fordern wird.

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