Berlin : Französische Botschaft: In Augenhöhe mit dem Reichstag

Holger Wild

Wenn es nach Dienstwohnungen ginge, dann dürfte der Job eines Wachmannes der Französischen Botschaft am Pariser Platz in knapp einem Jahr zu den begehrtesten der Stadt gehören. Vom siebenten Stock des Gebäudeteils reicht die Sicht nach Osten über die Kuppeln von Dom und Synagoge; oder nach Westen über den Tiergarten mit Reichstag und Siegessäule bis hin zum - "Eiffelturm". Will sagen: dem Funkturm - aber ein Franzose darf den kleinen Scherz machen, ohne dass es albern klingt. Jean-Daniel Boyé ist Mitarbeiter im Berliner Büro von Christian de Portzamparc, dem Architekten der Botschaft, und er führt uns durch den fertiggestellten Rohbau. Heute Mittag wird dort, wo auch schon die Vorkriegs-Botschaft stand, Richtfest gefeiert. Die Eröffnung ist für den 17. Juni 2002 geplant.

Noch ein wenig spektakulärer ist freilich der Blick aus der Wohnung des Botschafters selbst. Er sieht aus großzügiger Fensterfront aufs Adlon, die Akademie der Künste, die DG-Bank und rechter Hand fast in Augenhöhe auf die Quadriga. Pariser Platz Nummer 5, 4. Stock: 150 Quadratmeter für Seine Exzellenz und Familie, ein eigener Aufzug bringt ihn vom Erdgeschoss direkt in die Residenz oder sein Büro im zweiten Stock. Hinter schmalen, langgestreckten Fensterschlitzen sind im dritten Geschoss die Räume der Militärabteilung untergebracht. Wer aber das Glück hat, beim Botschafter zu einer Feier eingeladen zu sein, der wird den Champagner im ersten Stock trinken: Dorthin leiten einen gleich hinter der großen Glastür des Haupteinganges am Pariser Platz eine Folge von Treppen; die Gäste empfängt der Botschafter gewissermaßen in der "Beletage".

Zum Thema Newsticker: Aktuelle Meldungen aus Berlin und Brandenburg Die Mehrheit der 250 Diplomaten und übrigen Angestellten der französischen Vertretung betreten das Gebäude - besser: den Komplex aus sieben Gebäudeteilen - indes über die "Recouverte". Dies ist ein zwei Stockwerke hoher, überbauter, wie ein Bürgersteig mit Mosaikpflaster gepflasterter, öffentlicher Weg. Sie dient auch als Ausstellungsfläche und führt von der Wilhelmstraße am ersten Innenhof der Botschaft entlang zu einer öffentlichen Caféteria und der Treppe zum zweiten Innenhof - dem "Ehrenhof", der nicht mehr zum öffentlichen Bereich gehört. Hier knickt die "Recouverte" im rechten Winkel ab und führt am Nachbarhaus der Botschaft entlang auf den Pariser Platz.

Der Ehrenhof im Zentrum des Ensembles ist aufs erste Geschoss angehoben und wird bepflanzt. Rechts erhebt sich das "Zentralgebäude" mit Konferenzräumen und Gästewohnungen, links schließt ihn das "Chiffre", die Informationszentrale der Botschaft, ab. Nach hinten liegen Diplomatenbüros im "Viadukt", auf diesem aber: sind Birken gepflanzt: Eine über 100 Meter lange, durch Spiegelwände an beiden Enden optisch ins Unendliche verlängerte Hochpromenade, wo der Botschafter mit seinen Gästen wandeln kann, zwischen Birken zur einen und Kletterpflanzen an der Rückwand des anschließenden Hauses zur anderen Seite.

Die Fassade am Pariser Platz wird im unteren Bereich mit "Beton eclaté" verkleidet: In unregelmäßigen Querrippen aufgebrochener, mit größeren Steinen durchsetzter Beton. "Die Steine, sehen Sie, haben gelbliche Farbe", sagt Jean-Daniel Boyé "Wegen der Vorschriften des Senats für diesen Platz." Reverenz oder ironische Brechung? Boyé lächelt nur.