Berlin : Friedenau soll keine Flut mehr fürchten

Die Senke am Südwestkorso, von starkem Regen stets besonders betroffen, erhält besseres Kanalsystem

Christian van Lessen

Bei starkem Regen bekommen Anwohner schwache Nerven. Die „Friedenauer Senke“ ist berüchtigt. Zwischen Varziner Straße, Südwestkorso, Görres-, Taunus- und Handjerystraße sind die Fahrbahnen schnell überflutet, Keller und Tiefgaragen laufen voll, Häuser und Heizungsanlagen werden beschädigt. Das Kanalsystem ist völlig überfordert. Für private Schutzvorrichtungen haben Anwohner schon rund 500 000 Euro ausgegeben. Die Senatswirtschaftsverwaltung kündigt jetzt Abhilfe an: Für rund acht Millionen Euro soll in den kommenden Jahren ein 1,3 Kilometer langer leistungsfähiger Entlastungskanal unter der Stubenrauchstraße, dem Südwestkorso und der Varziner Straße gebaut werden, um künftige Wassermassen besser zu verkraften.

Nach starken Regengüssen im August 2002 hatte sich bereits eine Bürgerinitiative „Überflutung Friedenau“ mit mehr als 900 Betroffenen gegründet. Sie forderte eine Verstärkung der Abwasser-Regen-Mischkanäle. Am 7. Juli letzten Jahres war die Friedenauer Senke von dem Starkregen wieder besonders getroffen. Der CDU-Abgeordnete Florian Graf fragte kürzlich den Senat, wie er „Flutwellen in Berlin“ künftig vermeiden wolle und welche Priorität die Friedenauer Senke dabei habe. Die Wirtschaftsverwaltung teilte mit, die „unbefriedigende Situation“ in der Friedenauer Senke könne nun gemeinsam mit den Berliner Wasserbetrieben und der Behörde für Stadtentwicklung gelöst werden. Der neue Mischkanal ist nach Auskunft von Eike Krüger von den Wasserbetrieben umfangreicher und ein „Ausnahmefall“. Überhaupt sei die gesamte tiefer gelegene Gegend ein „geografischer Sonderfall“, so dass man wegen der Entwässerungskanäle keine Schuldzuweisungen treffen könne.

Die Bezirksverordnetenfraktionen von SPD und CDU hatten Ende letzten Jahres in einem Antrag zur „Straßenentwässerung ohne Hochwassergefahr“ weniger die Geografie als Ursache gesehen. Beim Bau der U-Bahn und des Straßentunnels in der Bundesallee sei es versäumt worden, die nötige Verbindung zur Hauptentwässerung im Bereich Perelsplatz herzustellen. Darüber hinaus seien bei der Instandsetzung des Südwestkorsos die Entwässerungsanlagen nicht verstärkt worden, hieß es. Durch Starkregen seien allein bei zwei Häusern Schäden von 300 000 Euro entstanden.

Klaus Kramer von der Bürgerinitiative begrüßte gestern den geplanten Bau eines stärkeren Kanals. Man werde dabei vermutlich im Bereich Varziner Straße/Südwestkorso 18 Meter tief in die Erde gehen. Die Anwohner fürchteten aber, sich finanziell beteiligen zu müssen.

Diese Furcht sei wegen der Arbeiten am öffentlichen Kanalnetz unbegründet, hieß es bei den Wasserbetrieben. Sie wollen die Kosten zu 40 Prozent tragen, das Land Berlin zahlt den größeren Rest. Für die Straßen-Regenentwässerung gibt Berlin jährlich rund 15 Millionen Euro aus. Beim Starkregen im letzten Juli waren kurz vorm WM-Finale unter anderem Teile der City-West, die Yorckstraße in Schöneberg, die Sickingenstraße in Moabit, die Nauener Straße in Spandau und der Olympische Platz überflutet. „Höhere Gewalt“, wie der Senat auf die Abgeordnetenanfrage bedauerte.

In der Friedenauer Senke, in der Alteingesessene Gummistiefel immer griffbereit haben, erinnern sich die Älteren noch an die Kindheit in den vierziger Jahren. Auch da waren nach starkem Regen die Straßen stets überflutet, aber die Leute sollen, ohnehin unter den Kriegsfolgen leidend, ein „Volksfest“ aus der „Flut“ gemacht und sogar Kahn gefahren sein.

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