Geschlechtergerechtigkeit in der BVV : Wir brauchen eine Redequote für Frauen

In Lichtenberg wird über eine Frauenquote diskutiert. Die braucht es nicht nur in der Politik, sondern auch in anderen Lebensbereichen. Dass die Quote nervt ist ein Zeichen dafür, dass sie dringend gebraucht wird. Ein Gastbeitrag.

Hannah Neumann
In der BVV Lichtenberg sollten Männer und Frauen abwechselnd reden.
In der BVV Lichtenberg sollten Männer und Frauen abwechselnd reden.Foto: Rainer Jensen, Karl-Josef Hildenbrand/dpa

Ich bin 33 Jahre alt, Mutter von drei Kindern, hab einen Doktor in Friedens- und Konfliktforschung, war trotz der Kinder oft und auch für mehrere Wochen im Ausland, bin seit einigen Wochen Direktkandidatin der Grünen in Lichtenberg und führe vielleicht die gleichberechtigste Ehe, die man sich vorstellen kann. Müssten meine Freunde mich in einem Wort beschreiben, sie würden wahrscheinlich sagen „selbstbewusst“, mit allen guten und schlechten Aspekten, die dazu gehören. So eine wie ich, die braucht doch keine Quote, denken viele. Habe ich auch lange gedacht. Stimmt aber nicht. 

In Lichtenberg haben wir sie gerade wieder, diese Quotendebatte. Unsere Grünen-Fraktion in der Bezirksverordnetenversammlung hat einen Antrag für die weiche Quote eingebracht. Mit der Unterstützung von SPD und Linken ist er verabschiedet worden. Männer und Frauen sollen nun abwechselnd reden. Wenn keine Frau sich mehr zu Wort meldet, dürfen die auf der Redeliste verbleibenden Männer noch weiter sprechen. Eigentlich keine große Sache, würde man denken, es ist 2017 und in Pankow machen sie das schon lange. Und auf einmal geht der Shitstorm los. Vorrangig Männer ereifern sich über Redeverbote (keinem wird hier das Reden verboten, es wird nur umsortiert), über eine Gefahr für die Debattenkultur (welche Kultur, kann man sich schon manchmal fragen) oder die Aufhebung einer uralten Menschheitsregel (zum Glück wurden schon andere uralte Menschheitsregeln aufgehoben). 

Ganz ehrlich, das ist einfach besitzstandswahrender Unsinn; „das haben wir schon immer so gemacht“-Blödsinn. Klar, wer an das Privileg gewohnt ist, für den fühlt sich Gleichstellung an wie eine Degradierung. Und um jetzt mal eine Lanze für das männliche Geschlecht zu brechen: Viele Männer sind für die Quote, oder haben zumindest nichts dagegen. Aber die spielen wahrscheinlich lieber mit ihren Kindern auf dem Spielplatz, als so einen Quatsch zu schreiben. 

Frauen sagen schlaue Dinge, wenn man sie zu Wort kommen lässt

Es gab Zeiten, da fand ich die Quote albern, das Gendern nervig und die Suche nach Referentinnen für Veranstaltungen zeitraubend. Und dann habe ich Frauen kennengelernt, die unglaublich schlaue Dinge sagen, wenn man sie aktiv zu Wort kommen lässt. Ich habe Wege gefunden, selbst in der Sicherheitspolitik, Referentinnen zu finden, die tausendmal spannendere Dinge erzählen, als der vierte General a.D. in Serie. Ich freue mich, jede „es ist schon alles gesagt aber nicht von allen“-Runde mit einem kurzen Fingerzeig unterbrechen zu können. Und ich merke vor allem an meinen Kindern, was es für einen Unterschied macht, ob man von Ärzten oder Ärztinnen, Krankenschwestern oder Krankenpflegern, Feuerwehrmännern oder Feuerwehrfrauen spricht. Sie denken in Bildern und diese Bilder schaffen wir über unsere Sprache. 

Und auch an mir selbst habe ich in den vergangenen Monaten gemerkt, was für einen Unterschied die Quote macht und wie sehr ich selbst sie brauche. Ohne die Quote wäre ich nicht auf die Idee gekommen, Vorsitzende unseres Kreisverbands zu werden. Wäre unsere Landesliste nicht quotiert, ich hätte mich nie getraut, mich zu bewerben. Genug Männer, die sich berufen fühlen, gibt es immer, also warum sollte ich? Bei der Direktkandidatur im Bezirk gibt es keine Quote, da habe ich mich dann auch so getraut. Es war verdammt knapp, aber ich habe gewonnen. Ohne all die Schritte davor, die ich nur wegen der Quote gegangen bin, hätte ich diesen letzten nicht gewagt. Mission erfüllt? Nicht ganz. 

Letzte Woche saß ich in einem Bewerbungsgespräch mit einem Referatsleiter eines Bundesministeriums. „Ich sehe, Sie haben drei schulpflichtige Kinder. Sie haben aber schon gesehen, dass diese Stelle in Vollzeit ausgeschrieben ist?“ Geht’s noch? Hab ich und ich habe immer Vollzeit gearbeitet. „Wir wissen doch beide, dass man Kinder auch mal abholen muss, oder sie krank werden, ist ihr Mann denn künstlerisch oder freiberuflich tätig?“ Sowas Progressives wie Hausmann kam ihm dann wohl nicht über die Lippen.  „Nein, er arbeitet Vollzeit, ist einfachziemlich cool und wir kriegen das gut hin.“ Ich lächle meine Empörung weg und innerlich kotze ich im Strahl. Und da merke ich wieder, selbst ich brauche die Quote noch. Und das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz und all diese Dinge, die mir den Rücken stärken und sagen: so nicht! Die mich und andere Frauen ermutigen, ihren Teil einzufordern und die dieses Land diverser machen. 

Also Mädels, traut Euch! Und Jungs, get over it. Wir alle brauchen die Quote, damit uns die vielen kleinen Benachteiligungen bewusst werden. Als Faustregel: Benachteiligungen gibt es immer dort, wo die Quote nervt. Wenn sie mal nicht mehr nervt, dann brauchen wir sie auch nicht mehr, dann kann sie weg. Dann schreib ich nochmal so einen Artikel – gegen die Quote. Versprochen.

Die Autorin ist Kreisvorsitzende der Grünen in Lichtenberg und Direktkandidatin für ihren Wahlkreis.

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