Gewalt gegen Flüchtlingshelfer in Berlin : Morddrohung per SMS, tote Vögel vor der Haustür

Flüchtlingshelfer werden in Berlin auf vielerlei Weise bedroht. Aber die Attacken sind weniger geworden. Und es gibt große regionale Unterschiede.

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Unterstützer von "Moabit hilft" demonstrieren für Flüchtlingsrechte. Besonders Mitarbeiter dieser Initiative werden häufig bedroht. Foto: REUTERS, Fabrizio Bensch
Unterstützer von "Moabit hilft" demonstrieren für Flüchtlingsrechte. Besonders Mitarbeiter dieser Initiative werden häufig...Foto: REUTERS, Fabrizio Bensch

Die Deutschlandfahne sollte ein höhnischer Gruß sein, eine Botschaft. „Hör auf mit Deinem Engagement“, so lautete die Mitteilung. Deshalb hatte ein Unbekannter die Autotür aufgerissen, deshalb hatte er die Fahne auf den Sitz gelegt. Das Auto gehörte einem Ehrenamtler von „Moabit hilft“, der wohl bekanntesten Hilfsorganisation für Flüchtlinge.

Es war eine Attacke von vielen. Fotos von Angehörigen der Ehrenamtler stehen im Internet, es gibt SMS mit Morddrohungen, tote Vögel liegen vor der Haustür von Engagierten, Bianca Klose kennt die Liste der Angriffe. „Solche Meldungen sind für uns das tägliche Brot.“ Sie leitet die Mobile Beratungsstelle gegen Rechts (MBR). Für Flüchtlingshelfer eine Anlaufstelle, hier erhalten sie Hilfe. Bei der MBR laufen viele der Nachrichten von Angriffen zusammen.

Bei "Moabit hilft" engagieren sich hunderte Menschen

Bundesweit sind seit Januar 245 Straftaten gegen Helfer, Amtsträger und Journalisten verübt worden. In einer internen Studie des Bundeskriminalamts steht diese Zahl. Wie viele Straftaten speziell gegen Flüchtlingshelfer in Berlin verübt wurden, ist nicht bekannt. „Seit die Zahl der Flüchtlinge zurückgegangen ist, hat die Zahl der Meldungen nachgelassen“, sagt Bianca Klose.

Nachgelassen, aber sie haben nicht aufgehört. Gerade im Bereich von „Moabit hilft“ kennt Klose viele Vorfälle. „Dort haben Leute fürchterliche Sachen erlebt.“ Vermutlich auch, weil „Moabit hilft" medial ein großes Thema ist und sich dort Hunderte von Menschen engagieren.

Auch Hellersdorf ist ein Brennpunkt

Aber auch Hellersdorf ist Brennpunkt. „Dort wurde das Auto einer katholischen Seelsorgerin angezündet", sagt Klose. „Sie wurde gefilmt und bei der Arbeit mit Flüchtlingen beobachtet.“ In Hellersdorf lagen fünf scharfe Patronen vor einem Treffpunkt von Helfern. Zuvor hatte ein Neonazi den Engagierten pantomimisch klar gemacht: Ich kille Euch. Die meisten dieser Vorfälle, sagt Bianca Klose, hat es allerdings 2015 gegeben. Es ist etwas ruhiger geworden. Die letzte heftige Attacke hatte „Moabit hilft“ zu Jahresbeginn der Mobilen Beratungsstelle mitgeteilt.

Auffällig ist, dass es bei diesen Attacken erhebliche geographische Unterschiede gibt. Moabit und Hellersdorf sind Brennpunkte, in anderen Gebieten ist die Lage, nach bisherigen Erkenntnissen, ruhig. Hannes Habekost von „Charlottenburg hilft“, teilte mit: „Solche Übergriffe sind uns nicht bekannt." Amei von Hülsen-Poensgen von „Willkommen in Westend“ sagt, dass „uns bisher außer einem anonymen Brief an eine Privatadresse und gelegentlichen Diskussionen mit Bezeichnungen wie ,Gutmensch' oder ,nützlicher Idiot' nichts bekannt ist“. Im Gegenteil, sie werde „von Menschen auf der Straße angesprochen und bestärkt. Man finde es gut, was wir tun.“

In Köpenick und Reinickendorf ist es recht entspannt

Auch Thomas Hermanns, Leiter des Flüchtlingsheims in der Randt-Straße in Köpenick, hat in seinem Bereich nichts festgestellt. Und Hansjörg Behrendt, Koordinator des Netzwerks „Willkommen in Reinickendorf“ erzählt: „Glücklicherweise sind mir in den vergangenen drei Jahren keinerlei Berichte über Anfeindungen oder Übergriffe auf Mitarbeiter unseres Netzwerks eingegangen.“ Nur einmal im halben Jahre erhalte er eine „Schmähmail rassistisch-chauvinistischer Art“. Behrendt ist selber verwundert über die Ruhe in seinem Bereich. „ Warum das so ist, ist mir ein Rätsel." Möglicherweise hänge dies mit der behutsamen Vorgehensweise des Netzwerks zusammen.

"Ehrenamtler müssen Hilfe erfahren"

Aber jenen Helfern, die nicht in Ruhe arbeiten können, hilft die Mobile Beratungsstelle gegen Rechts (MBR) mit Ratschlägen. Einer lautet: „Reden über Vorfälle.“ Viele redeten wegen Zeitmangels nicht drüber. Auf Dauer sei das fatal, „Deshalb ist wichtig, dass die Gruppe einen Raum für solche Gespräche hat“, heißt es.

Und: Genauso wichtig sind Tipps über richtiges Verhalten in einer gefühlten Bedrohungssituation. Zum Beispiel die Frage: Wie geht man mit Störern um, die bei Willkommensfesten auftauchen? Alles notieren, was man erlebt hat, empfiehlt die MBR. „Verbände und Organisationen sind zu uns gekommen, weil bestimmte Situationen bei Ehrenamtlern wahnsinnige Handlungunsicherheiten auslösen." Unterstützung ist für Klose ein Schlüsselwort. „Ehrenamtler müssen Hilfe erfahren.“ Die Angst darf nicht zu groß werden. Sonst passiert, was nicht bloß Bianca Klose vermeiden möchte: „Dann hören viele auf.“

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