Berlin : Gourmet-Koch erstickte an einem Stück Fleisch

Siegfried Stier war Küchenchef im Charlottenburger „Trio“

Bernd Matthies

Siegfried Stier, Küchenchef im Charlottenburger „Trio“ und einer der dienstältesten Berliner Gourmet-Köche, ist tot. Wie sein Partner Christian Thomasow gestern mitteilte, erstickte er am vergangenen Sonntag, wenige Tage vor seinem 44. Geburtstag, an einem Stück Fleisch – eine tragische Parallele zum Tod von Siegfried Rockendorf, der Ende 2000 ebenfalls auf diese Weise ums Leben gekommen war.

Es passierte am Abend gegen 21.30 Uhr. Die Arbeit war abgeschlossen, an zwei Tischen saßen noch Gäste, und Stier, der am Sonntag meist allein in der Küche stand, ging zum Aufräumen nach hinten. „Wir wollten auf unseren Bauernhof im Norden von Berlin“, berichtet Thomasow, „hatten uns schon eine Melone eingepackt zum Frühstück und eine Taube fürs Mittagessen.“ Plötzlich hörte er Würgegeräusche aus der Küche, lief hin, „und da kam Siegfried mit weit aufgerissenem Mund auf mich zu.“ Er gab ihm Wasser, das half nichts, Gäste holten den Notarzt, der nach etwa einer Viertelstunde eintraf, zu spät. Eine Dreiviertelstunde kämpften Arzt und Rettungssanitäter um das Leben des Erstickenden, vergeblich. „Sie holten ein riesiges Stück Schweinefilet heraus“, sagt Thomasow, offensichtlich war dies die Todesursache. Rätselhaft für ihn: „Siegfried hat nie besonders geschlungen“, sagt er, „der schnellere Esser war immer ich.“

Die Parallele zum Tod von Siegfried Rockendorf ist auffällig: Er starb am 13. Dezember 2000, als er in seiner Heimat im Harz den 80. Geburtstag seines Vaters feierte – ebenfalls an einem Stück Fleisch im Hals.

Dies ist vermutlich auch das Ende des Restaurants am Klausenerplatz. Thomasow hat noch einen Mietvertrag mit zwei Jahren Laufzeit, will die Wohnungsgesellschaft aber um sofortige Auflösung bitten – klappt das nicht, will er über ein geändertes Konzept nachdenken. Einen möglichen Nachfolger in der Küche gibt es nicht, weil Stier meist allein gekocht hat. Das Restaurant bleibt nun auf jeden Fall bis zum 15. September geschlossen.

Stier, der aus dem badischen Breisach stammt, hatte eine klassische Ausbildung hinter sich. Nach der Lehre bei Franz Keller in Oberbergen Mitte der 70er Jahre, wo auch Thomasow den Kochberuf lernte, ging er auf Wanderschaft, arbeitete später im Beaujolais, bei Roger Vergé in Cannes und als Küchenchef in der Freiburger „Eichhalde“. 1980 kam er nach Berlin und arbeitete bei Henry Levy im legendären „Maitre“. Das „Trio“ eröffnete er zusammen mit Thomasow im Juni 1985 und machte sich schnell einen Namen. In den letzten Jahren verlagerte sich die Szene stark nach Mitte, und es wurde etwas ruhiger um das kleine Restaurant. Die Beerdigung wird im engsten Familienkreis in Breisach stattfinden.

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