Grabungen in Berlin : Mittelalterliches Berlin entdeckt

Die Breite Straße war mal Berlins wichtigste Magistrale. Nun sind die alten Parzellen freigelegt. Und bringen Sensationelles zutage.

Ralf Schönball
Der Spielstein, der in der Breite Straße entdeckt wurde - kannten die Urberliner Backgammon?
Der Spielstein, der in der Breite Straße entdeckt wurde - kannten die Urberliner Backgammon?Foto: Landesarchäologie Berlin

Auf den sanft ansteigenden Hügeln am Ufer der Spree haben sie gesessen, die ersten Berliner – und „Backgammon“ gespielt. Um 1200 herum war das wohl, als das Brettspiel unter Kreuzrittern beliebt war. Einen Stein aus Horn mit eingeritztem Greifvogel haben Archäologen aus dieser Zeit an der Breite Straße entdeckt. Eine „kleine Sensation“ sagt Landesarchäologe Matthias Wemhoff.
Sensationell ist die Grabungsstelle aber auch deshalb, weil die frei gelegten Felssteinbrunnen, Kellergewölbe und Grundmauern die historischen Parzellen wieder aufleben lassen – und mit ihnen das städtische Leben von Cölln. Hier war einmal der Fischmarkt, Handelsschiffe mussten ihre Waren feilbieten, und Steuern bezahlen. An der Breite Straße war die ersten Bank Preußens, gegründet vom Heereslieferanten. Der Bürgermeister wohnte hier, in dem Haus das Tabakfabrikant Ermeler später erwarb. Das ließ die DDR im Jahr 1968 abreißen, verbreiterte die Straße und löschte Cölln aus Grundriss und Gedächtnis der Stadt.

So könnte es in Berlin ausgesehen haben. Rekonstruktion eines unterkellerten Fachwerkhauses aus dem 13. Jahrhundert auf der Basis der jüngsten Grabungen in Berlins Mitte.
So könnte es in Berlin ausgesehen haben. Rekonstruktion eines unterkellerten Fachwerkhauses aus dem 13. Jahrhundert auf der Basis...Zeichnung: Felicitas Hofmann, Landesdenkmalamt Berlin / 775 Jahre Berlin

Töpfe aus dem 12. Jahrhundert, eine türkisfarbene Spardose aus dem 16. und Flaschen aus dem 18. Jahrhundert wurden hier gefunden. Eine Besichtigung der tiefen Grube lehrt auch viel über die Baugeschichte: Keller aus gestapelten Felssteinen sind zu sehen und aus Kalkstein, weil der vor Wasser schützte. Dann kam der rote Ziegel, große grobe Steine erst, dann kleinere, regelmäßige, industriell gefertigte.

Ausgrabungen an der Breiten Straße in Berlin
Ein altes Opernglas.Weitere Bilder anzeigen
1 von 15Foto: Thilo Rückeis
12.03.2013 16:24Ein altes Opernglas.

Vor allem aber lassen die frei gelegten Gemäuer die bauliche Vielfalt erahnen, die an der Breite Straße einmal herrschte. Die Parzellen der Bürgerhäuser maßen 15 Meter in der Breite. Eine wohltuende Abwechslung zur Monotonie der später üblichen blockumfassenden Großform. Ob der Senat aus diesen Fehlern lernt und Parzellen für die dort geplanten Neubauten nach historischem Vorbild zuschneidet? Der Bebauungsplan wird es zeigen.

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