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Grüner Stadtrat : Jens-Holger Kirchner - der Undiplomat

21.02.2011 13:56 Uhrvon
Glamour, nein danke. Jens-Holger KirchnerBild vergrößern
Glamour, nein danke. Jens-Holger Kirchner - Foto: Mike Wolff

Er setzte die „Ekelliste“ für Restaurants durch, jetzt kämpft er für die Neugestaltung der Kastanienallee. Der grüne Stadtrat Jens-Holger Kirchner gilt als politischer Spätzünder mit viel Talent.

Könnte sein, dass man ihn mal als Innensenator wiedertrifft. Unter einer Regierenden Bürgermeisterin Renate Künast. Klar, dass Jens-Holger Kirchner, grüner Stadtrat aus Pankow, zuständig für öffentliche Ordnung, Sauberkeit und Tiefbau, dazu nichts sagen will. Reizen würde es ihn sicher. Seine politische Reichweite hat mit der berühmten „Ekelliste“ für Schmuddelrestaurants die Stadtgrenzen überwunden. Kirchners Rhetorik hat Potential, erinnert in der Prägnanz an Heinz Buschkowsky und im Tonfall an Kurt Krömer. Kirchner ist ein politisches Talent. Dabei war der 51-Jährige bis 2006 gerademal Vorsteher der BVV.

Kirchners bundesweite Resonanz hat auch mit der Bionade-Upperclass von Prenzlauer Berg zu tun.

Immer wenn ein Lifestyle-Magazin versucht, ein Soziogramm des Aufsteigerviertels zu zeichnen, kommt Kirchner als Analytiker der kreativen Klasse ins Spiel. Seine Pläne zur Neugestaltung der Kastanienallee, auch Castingallee genannt, machten ihn zum Buhmann der trashverliebten Anwohner, die jeden Buckel in den Kleinpflaster-Trottoirs als Ausdruck ihrer Individualität feiern.

Sein Spontan-Kommentar: „Plastinierung von Straßen, Erstarren von Verhältnissen, ooah, da wer’ ick ja…“ Klingt wie Krömer, ist aber Kirchner. Er beginnt Sätze mit „Icke persönlich…“, spricht schludrig, bisweilen stark berlinerisch, fällt fast vom Stuhl, wenn sein raumgreifendes, kaum hörbares Lachen aus dem Zwerchfell nach oben drängt, kann glucksend weitersprechen, bis er sich wieder fängt und trockene Tatbestände aus dem Tiefbauwesen referiert.

Populismus und Inszenierungslust werfen ihm seine politischen Gegner vor, dabei ist nichts an ihm glamourös oder exaltiert. Kirchner empfängt Gäste in einem traurigen Zweckbau in einem Gewerbegebiet, noch hinter Pankow-Heinersdorf, Endstation Buslinie 255. An der Pinnwand hängen Pläne und Karten, gegenüber steht ein großes Blechschild, in dem die Worte „verboten“ und „streng“ hervorgehoben sind. Rund 50 Stück hat er von der Sorte aufstellen lassen, um die Vermüllung der Landschaft anzuprangern. Eigentlich lehne er Schilder ja ab, sagt Kirchner, er will nicht in die Law-and-Order-Ecke gedrängt werden. Aber weil diese Schilder nun mal helfen, wo das Individuum versagt, ist er über seinen grünen Schatten gesprungen. Ein Pragmatiker eben, anders sei Kommunalpolitik gar nicht mehr zu managen.

Im Fall der Kastanienallee kann er nur vermitteln, zwischen der planerischen Vernunft, die Unfallzahlen verringern und dem zunehmenden Radverkehr gerecht werden will, und der empfindlichen Kiezseele. „Ick hab’s ja ernst jenommen. Die ham jesacht, is unsre Straße. Ick hab jesacht, wenn’s eure Straße is, dann kümmert euch ooch.“ Alleebewohner Dr. Motte, der Loveparade-Gründer, habe 14 Bäume pflanzen wollen, aber für die anschließende Pflege sei er nicht zu begeistern gewesen. „In der Oderberger Straße hat es funktioniert. Dort haben wir einen Vertrag mit den Anwohnern gemacht, 13 Seiten lang“. In der Kastanienallee sollen am 1. März die Umbaumaßnahmen beginnen. Am 2. wird noch einmal in der BVV über eine mögliche Bürgerbeteiligung diskutiert. Womöglich sei der Hype um die coole Castingallee schon vorbei, orakelt Kirchner, womöglich ist sie schon im Abstieg begriffen, weil die Hausbesitzer kräftig an der Mietenschraube drehen. Und jetzt noch Bauarbeiten, „da haben alle Gewerbetreibenden Angst, überall ist das so“.

Ein weiteres Konfliktfeld für Kirchner ist der Lärm. Als Anfang des Jahres der Knaack-Club seine Räume in der Greifswalder Straße dichtmachte, war für Partygänger klar: Jetzt verspießt Prenzlauer Berg. Und Kirchner, zuständig für Lärmschutz, habe dazu seinen Segen gegeben. Er sagt nur lapidar: „Bauaufsicht ist nicht meine Abteilung“. Weil ein Neubau neben dem Club genehmigt worden war, konnte sich der Lärmstreit überhaupt erst entwickeln. „Da kann man sagen, das ist spießig, aber die Ordnungsbehörden müssen solchen Beschwerden eben nachgehen.“

Und plötzlich redet Kirchner ganz undiplomatisch über Dinge, die ihn gewaltig stören. „Die wilden 90er Jahre sind vorbei. Prenzlauer Berg ist jetzt anders, da wohnen andere Menschen, man redet nicht mehr miteinander, geht mit dem Rechtsanwalt zum Bäcker, vielleicht braucht man ihn ja. Man versucht, seine Interessen zu 100 Prozent durchzusetzen. Das ist das Ende eines Gemeinwesens. Meine Idee von Gemeinwesen ist eher oldschool: Rücksichtnahme, Toleranz, Gespräche mit den Nachbarn. Ein hohes Maß an Selbstregulierung, mit viel Empathie.“

1979 kam er ins Viertel, von Köpenick nach Prenzlauer Berg, besetzte eine leere Wohnung in der Knaackstraße, arbeitete als Tischler in einer Werkstatt der Humboldt-Uni, Kopenhagener Straße, zweiter Hinterhof. „Dit war’n schönet Leben.“ Nebenher engagierte er sich ehrenamtlich für Kinder, spielte Theater und Zirkus. In der Wendezeit machte er ein Erzieherstudium, arbeitet in seinem neuen Beruf und engagierte sich politisch im Bezirk. 2006 schanzten ihm „die Sozen und die Linken“ das scheinbar biedere Ressort Öffentliche Ordnung zu. „Die dachten, die Grünen, die ärgern wir jetzt mal.“ Er lacht. Macht ihm riesen Spaß, die Ordnung und dazu der Tiefbau, trotz des schlimmen Baustellenchaos in Pankow in den vergangenen Jahren. Ging halt nicht anders, sagt er. War ein „Flaschenhals“ von Baumaßnahmen entstanden, weil jahrelang kein Geld lockerzumachen war, und dann kam das Konjunkturpaket des Bundes. Sollte er da nicht zugreifen?

Nur ein Gremium in seinem politischen Alltag vermiest ihm gelegentlich die Laune. Der Personalrat. Die „Segnungen der 70er Jahre“ mit Mitbestimmung und Arbeitnehmerrechten, da sei doch vieles nicht mehr zeitgemäß, findet Kirchner. Ein Beispiel: Der Personalrat habe gebeten, Dienstberatungen nicht nach 15 Uhr anzusetzen, weil die Kernarbeitszeit dann abgelaufen sei. Dafür fehlt ihm jedes Verständnis. „Ich fremdel mit Verwaltung, obwohl ich ihr vorstehe.“

Vielleicht sollte er doch absagen, wenn ihm Renate das Innenressort anbietet. Dort liegt die Zuständigkeit für das Landespersonal. Thomas Loy

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