Halloween in Berlin : Ist jetzt Schluss mit lustig?

Auch in Berlin gab es Vorfälle mit sogenannten Horror-Clowns. Trübt das die Halloween-Freude? Wir haben Kinder und Eltern gefragt.

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Viele wollen sich von den Grusel-Clowns keine Angst machen lassen. Und begleiten ihre Kinder dann doch.
Viele wollen sich von den Grusel-Clowns keine Angst machen lassen. Und begleiten ihre Kinder dann doch.Foto: imago/blickwinkel

Süßes oder Saures – mit diesem Spruch werden am Montag wieder Scharen von Kindern von Haustür zu Haustür ziehen, um Süßigkeiten zu fordern. Verkleidet als Vampire, Hexen oder Zombies begeistern sich vor allem Mädchen und Jungen für das Halloween-Fest. Doch das Gruselspektakel hat in diesem Jahr einen schlechten Beigeschmack bekommen. Grund dafür sind die sogenannten „Horror-Clowns“, ein Phänomen aus den USA, bei dem sich Personen als Clowns maskieren und Menschen erschrecken oder sogar angreifen und verletzen. Als ästhetische Vorbilder der Grusel-Clowns gelten der Kinder ermordende „Pennywise“ aus Stephan Kings Horrorklassiker „Es“ und die Figur des „Jokers“ aus dem Batman-Film „The Dark Knight“ von Regisseur Christopher Nolan.

Inzwischen ist das Phänomen nach Deutschland geschwappt. Jüngst gab es zwei Nachahmungsfälle in Berlin – in Lichterfelde wurde ein 16-Jähriger niedergestochen, der als Clown Jugendliche bedrohte. Und in Lichtenrade versuchten zwei maskierte Personen einen Mann auszurauben. Zwischenfälle mit Clowns-Masken gab es auch bereits in Nordrhein-Westfalen, Hamburg und Bremen. Einige Eltern fürchten nun, dass es gerade an Halloween weitere Clowns-Angriffe geben könnte. Andere hingegen empfinden das Phänomen um die bösen Clowns als hochgekocht.

Wer von ihnen wird seine Kinder trotzdem rauslassen? Und wie verängstigt sind die Kinder? Wir haben Berliner aus verschiedenen Stadtteilen gefragt.

Avid, 8 Jahre, aus Kreuzberg.
Avid, 8 Jahre, aus Kreuzberg.Foto: Hasan Gökkaya

Avid ist noch zu jung, um sich im Internet zu tummeln, doch was der Achtjährige von Schulkameraden und der Schwester gehört hat, reicht ihm: „Ich habe leider Angst vor den bösen Clowns, deshalb traue ich mich nicht raus. Ich will lieber an Halloween zuhause bleiben", sagt Avid, der in Begleitung seines Vaters den Sonntagmittag im Park am Gleisdreieck genießt. Vater Kawe Toutounian glaubt hingegen nicht an eine reale Gefahr: „Ich hätte meinem Sohn erlaubt, ohne uns loszugehen, solange noch andere Freunde dabei sind. Aber da Avid so eine Angst hat, hat sich das Fest dieses Jahr erledigt", sagt der 48-jährige Kreuzberger.

Valentin, 10 Jahre, zu Besuch in Berlin.
Valentin, 10 Jahre, zu Besuch in Berlin.Foto: Hasan Gökkaya Valentin, 10 Jahre, zu Bes
Samuel, 8 Jahre, zu Besuch in Berlin.
Samuel, 8 Jahre, zu Besuch in Berlin.Foto: Hasan Gökkaya

Ähnlich sieht das im Park am Gleisdreieck auch Moritz U. Der 41-Jährige will heute Abend zwar seine beiden Söhne Samuel (8) und Valentin (10) begleiten, doch Angst vor Clowns-Angriffen hat er nicht. „Ich denke, wenn es überhaupt zu Übergriffen kommt, werden hinter den Masken Jugendliche stecken, die andere nur erschrecken möchten.“

Anders sieht das die Zehlendorferin Ina Schaper: Als die dreifache Mutter von den Clowns-Angriffe in den USA und Berlin hörte, stand ihr Entschluss fest: Den Spaß an Halloween möchte sie sich zwar nicht verderben lassen, aber sie will zur Sicherheit eine Ladung Pfefferspray einpacken. „Die Situation ist für mich gleichzusetzen mit der Gefahr vor terroristischen Anschlägen“, sagt die 48-Jährige. „Ich werde deshalb meine Söhne an Halloween begleiten und darauf achten, dass wir dunkle Ecken vermeiden.“

Thomas, 12 Jahre, aus Zehlendorf.
Thomas, 12 Jahre, aus Zehlendorf.Foto: Hasan Gökkaya
Karl, 9 Jahre, aus Zehlendorf.
Karl, 9 Jahre, aus Zehlendorf.Foto: Hasan Gökkaya

Ihr zwölfjähriger Sohn Thomas hält das allerdings für übertrieben. „Wenn ich in Begleitung meiner Freunde an Halloween unterwegs bin, sehe ich keine Gefahr. Wir sind dann mehrere Personen, das schreckt ab. Aber wenn die Eltern sich solche Sorgen machen, dann finde ich es nicht schlimm, wenn sie ihre Kinder begleiten.“ Ähnlich sieht das auch sein Bruder Karl (9).

Céline, 13 Jahre, aus Schöneberg.
Céline, 13 Jahre, aus Schöneberg.Foto: Hasan Gökkaya

Für die 13-jährige Céline Z. hat sich das Halloween-Fest erledigt. Aus Angst und wegen des Verbots ihrer Mutter, sagt die junge Schönebergerin. „Ich habe Videos von den Horror-Clowns auf Youtube gesehen. Das hat mir Furcht eingejagt. Deshalb kann ich auch die Entscheidung meiner Mutter verstehen.“ Mutter Melanie befürchtet, dass der Hype auch Pädophile am Abend rauslockt, die als Clowns maskiert an Kinder herantreten. „Alles ist möglich. Man sollte die Gefahr nicht unterschätzen“, sagt sie.

Am Alexanderplatz muss Anni Brucker, die in Begleitung ihres vierjährigen Enkels und ihrer 30-jährigen Tochter ist, erst einmal durchatmen. Mit ernstem Blick sagt sie dann: „Trittbrettfahrer.“ Das sei das Stichwort bei dem Phänomen – deshalb müsse die Polizei die Gefahr ernst nehmen. Dann fragt die 65-Jährige: „Wenn es Menschen gibt, die am helllichten Tag eine Maske überziehen und Passanten angreifen, was soll dann erst heute Abend passieren, wenn jeder verkleidet herumläuft?“ Tochter Sandy Brucker sieht das ähnlich: „Am Wochenende wollte ich auf eine Halloween-Party, aber die habe ich wegen der Vorfälle abgesagt.“

Neukölln bis Friedrichshain

Canin A. aus Neukölln will es wegen der erschreckenden Meldungen aus den USA in diesem Jahr gar nicht erst darauf ankommen lassen. „Ich werde mit meiner zweijährigen Tochter Meryem und meinem fünfjährigen Sohn Servet für 20 Minuten ein paar Häuser ablaufen und dann schnell wieder nach Hause gehen“, sagt die 21-Jährige und betont: „Ich bin mir ganz sicher, dass etwas Schlimmes am Montag passieren wird.“ Auch fürchtet sie, dass Kinder den Schock, den ein Grusel-Clown verursacht, wahrscheinlich nie ganz verarbeiten könnten. „Wenn die Verrückten sich so etwas schon auf offener Straße trauen, dann werden sie an Halloween definitiv rauskommen und Menschen attackieren.“

Im Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg scheinen viele Anwohner das Thema etwas lockerer zu nehmen. Katrin A. schaut im Ring-Center an der Frankfurter Allee durch eine Ladenvitrine, ihr Plan für das Halloween-Fest steht bereits: „Ich werde meiner Tochter Elise und ihren Freundinnen unauffällig mit zehn Meter Abstand folgen“, verrät die 41-Jährige. Das Verfolgungsmanöver habe aber mit dem noch sehr jungen Alter ihrer Tochter zu tun, nichts mit der Hysterie um die Horror-Clowns. „Das Thema ist inzwischen doch genügend hochgekocht worden. Ich glaube nicht, dass sich jemand traut, mit einer Clowns-Maske Kinder anzugreifen“, sagt sie. Zudem habe der Stadtteil Friedrichshain doch seine ganz eigenen Schutzzone: „Hier sind so viele Linksaktivisten, dass wir hier ohnehin eine große Polizeipräsenz haben.“

Jesko, 13 Jahre, aus Friedrichshain.
Jesko, 13 Jahre, aus Friedrichshain.Foto: Hasan Gökkaya

Wenige Meter entfernt steht an einem Eingang des Einkaufszentrums auch Jutta Härtel. Die Nachricht von dem verletzten 16-Jährigen, der am vergangenen Montagabend in Lichterfelde niedergestochen wurde, als er versuchte, mit einer Clowns-Maske und einem Hammer in der Hand seinen Nachbarn zu erschrecken, hat sie gehört. Dass jemand ihren 13-jährigen Sohn Jesko während seiner „Süßes oder Saures“-Tour aber verletzten würde, glaubt sie nicht wirklich. Dennoch darf der Jugendliche heute nur in Begleitung seines Vater losziehen.

„Es kann sein, dass sich am Abend Leute als Clowns verkleiden und Ärger machen. Mein Sohn ist in der Pubertät, genauso wie seine Freunde. Die denken ja schnell mal, dass sie sich schlagen können. Dann führt das eine zum anderen. Deshalb geht heute ausnahmsweise der Vater mit“, sagt die 45-Jährige. Und wie findet Jesko das? „Nicht so schön. Wenn ich mit Freunden unterwegs bin, habe ich keine Angst. Gefährlich ist das bestimmt nur, wenn man alleine loszieht“, sagt er.

Kerem Filiz mit Eren, 1, und Ece, 3.
Kerem Filiz mit Eren, 1, und Ece, 3.Foto: Hasan Gökkaya

Kerem Filiz betrachtet das Phänomen um die Horror-Clowns auf seine gelassene Kreuzberger Art, als er seinen Sohn Eren (1) und seine Tochter Ece (3) aus der Kita abholt. „Meine Kinder sind noch sehr klein. Daher ist ja klar, dass ich sie begleiten werde, wenn es an Halloween losgeht.“ Keine Angst vor Horror-Clowns? Der 29-Jährige zuckt mit den Schulter und muss grinsen. „Wir sind hier in Kreuzberg. Hier wird sich niemand trauen, mit einer Maske vor dem Gesicht ein Kind oder irgendwelche Eltern zu überfallen. Hier kennt einfach jeder jeden.“

Zwar sieht es die Polizei nicht ganz so lässig wie der Kreuzberger. Doch von einer großen Gefahr geht auch sie nicht aus. Die Beamten werden an Halloween auch nicht mehr Polizeikräfte einsetzen also sonst. Die Polizei vermutet, dass es sich bei den Nachahmern in Deutschland häufig um unreife Jugendliche oder sogar noch Kinder handle, die nicht zwischen Spaß und Ernst unterscheiden können. Um aber keine unnötigen Risiken einzugehen, rät die Polizei dazu, auf Clownskostüme und Gruselmasken ganz zu verzichten. Kleine Kinder sollten von ihren Eltern oder anderen Erwachsenen begleitet werden.

„Oft sind es auch Menschen, die ein eher geringes Selbstwertgefühl haben,“ sagt die Direktorin der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie an der Charité, Isabella Heuser. „Es bereitet ihnen offenbar Vergnügen, plötzlich so viel Macht zu haben, einen anderen Menschen in Angst und Schrecken zu versetzen.“

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