• Hoher Einsatz in Berlin-Neukölln: Jugendliche retten Sechsjährigen aus brennender Wohnung

Hoher Einsatz in Berlin-Neukölln : Jugendliche retten Sechsjährigen aus brennender Wohnung

Der 16-jährige Jeff Ehling und sein Freund Ahmad Omairat überlegten nicht lange und kletterten über einen Balkon zu dem Jungen - im siebten Stock.

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Jeff Ehling (16, l.) und Ahmad Omairat (17) vor der "Weißen Siedlung" in Neukölln, wo sie einem Sechsjährigen das Leben retteten.
Jeff Ehling (16, l.) und Ahmad Omairat (17) vor der "Weißen Siedlung" in Neukölln, wo sie einem Sechsjährigen das Leben retteten.Foto: Fabiana Zander Repetto

„Ich habe den Rauch und den Kleinen auf dem Fensterbrett gesehen“, erzählt Jeff Ehling: „Ich kannte ihn, er hat vorher bei uns im Haus gewohnt. Ich wollte einfach nur helfen und bin losgerannt.“ Unterwegs traf er seinen Freund Ahmad Omairat – der folgte ihm ins Haus Nummer 61 in der Neuköllner Aronsstraße. Die Haustür war verschlossen, Jeff trat sie ein, eilte die Treppen hoch in die 7. Etage.

Während ein Mann, der am vergangenen Montag ebenfalls helfen wollte, vergeblich versuchte, die Tür zur brennenden Wohnung zu öffnen, betraten Jeff und Ahmad vom Flur aus einen kleinen Balkon. Ein knapper Meter war es von hier aus zum Fensterbrett, auf das der Sechsjährige geflüchtet war. „Er hatte ein Bein drinnen und das andere schon draußen“, erinnert sich Jeff Ehling. „Ich hatte Angst, dass er runterspringt oder fällt und habe deshalb zu Ahmad gesagt, er soll mich festhalten.“

Dann beugte sich Jeff Ehling über die Balkonbrüstung und redete dem verängstigten Jungen Mut zu: „Komm zu mir, vertrau mir, du kennst mich doch.“ Das wirkte. Trotz der schwindelnden Höhe beugte sich der Sechsjährige seinem Retter entgegen, der packte ihn unter den Achseln und zog ihn mithilfe seines Freundes Ahmad auf den Balkon.

Mit dem Sechsjährigen auf dem Arm eilten Jeff, Ahmad und der andere Mann, der inzwischen die Wohnungstür öffnen konnte, aber niemanden mehr antraf, nach unten. Jeffs Mutter nahm den Kleinen an sich – erst später, als Polizisten und Feuerwehrleute die Retter befragten, wurde Jeff klar, was er riskiert hat.

„Wenn mir der Kleine aus den Händen gerutscht wäre, hätte ich mir das nie verziehen“, sagt er am Mittwoch, zwei Tage nach dem Brand, dessen Ursache noch ermittelt wird. Dass er selbst auch hätte abstürzen können, findet Jeff nicht so dramatisch. „Außerdem hat Ahmad mich doch gehalten“, sagt er: „Wir sind die besten Freunde, schon seit vielen Jahren. Wir produzieren gemeinsam kleine Videos. Und halten total zusammen.“

Quartiersmanagerin: "Ihr seid Helden"

Das klingt cool. So wie man wahrscheinlich klingen muss, wenn man wie Jeff 16 oder wie Ahmad 17 Jahre alt ist und in einem der problematischsten Kieze Neuköllns aufwächst: Die „Weiße Siedlung“, die von Sonnenallee, Dammweg, Aronsstraße und Dieselstraße begrenzt wird, ist als Gebiet des sozialen Wohnungsbaus in den 70er Jahren entstanden. Hier wohnen viele Menschen mit geringem Einkommen und vielen Kindern – Jeff Ehling hat sechs, Ahmad Omairat sieben Geschwister. Die Arbeitslosigkeit liegt bei 13 Prozent, mehr als die Hälfte der Bewohner lebt von Transferleistungen.

Renate Böttner vom Quartiersmanagement gratuliert den beiden Jugendlichen: "Ihr seid Helden!"
Renate Böttner vom Quartiersmanagement gratuliert den beiden Jugendlichen: "Ihr seid Helden!"Foto: Fabiana Zander Repetto

Renate Böttner ist eine von mehr als hundert ehrenamtlichen Helfern im Quartiersmanagement der Siedlung. Sie organisiert unter anderem Sport und andere Spiele für die Kinder und hat vor Jahren auch Jeff und Ahmad betreut. Am Mittwoch schüttelt sie ihnen die Hände. „Ich gratuliere euch“, sagt sie: „Ihr habt einen Menschen gerettet, ihr seid Helden.“

Die beiden schauen sehr verlegen. „So viel Lob wie in diesen Tagen haben die Jungen noch nie bekommen“, sagt Jeffs Mutter Michaela Ehling: „Ich habe sehr gezittert, weil er sein Leben riskiert hat, aber ich bin auch stolz auf ihn.“ Die 41-Jährige hofft, dass die Anerkennung ihrem Sohn vielleicht Mut und Kraft für die Zukunft gibt. Denn Jeff ist kein strahlender Held. Er hat den Schulabschluss nicht geschafft und ist – obwohl er davon träumt, Polizist zu werden – auch schon mal mit dem Gesetz in Konflikt geraten.

„Da habe ich Mist gebaut“, sagt er: „Aber jetzt habe ich dafür keine Zeit mehr.“ Dann muss er los. Zum Ferienjob bei einem Konditor, bei dem er vielleicht auch bald ein Praktikum machen kann.

Die Mutter des geretteten Sechsjährigen habe sich nur kurz bei Jeff bedankt, sagt Michaela Ehling: „Aber sie hat bestimmt auch Stress, weil sie, als das Feuer ausbrach, nicht zu Hause war.“ Der andere Nachbar, der ebenfalls helfen wollte und die Wohnungstür eintrat, ist überzeugt, dass Jeff Ehling dem kleinen Jungen das Leben rettete. „Sein Mut verdient Hochachtung“, sagt er: „Es war ja schon alles verraucht in der Wohnung. Und es dauerte schon noch einige Minuten, bis die Feuerwehr kam.“

Als Jeff Ehling nach der Rettung des Sechsjährigen bei Polizei und Feuerwehr seine Aussage machte, hatte er erst Angst, man würde ihm vorwerfen, dass er die Haustür eingetreten hat. „Aber das war nicht so“, sagt er. Und strahlt über das noch jungenhafte Gesicht: „Die haben gesagt, ich hätte alles richtig gemacht.“

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