Holocaust-Denkmal : Geheimsache Stelenriss

Seit 38 Monaten ist klar, dass das Denkmal für die ermordeten Juden Europas Schäden hat. Unklar ist, wie lange Senat, Träger-Stiftung, Baufirma, Landgericht und Gutachter noch streiten wollen.

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Vorsicht, rissig. Kaum standen die Stelen, bröckelten sie auch schon. Foto: Thilo Rückeis
Vorsicht, rissig. Kaum standen die Stelen, bröckelten sie auch schon. Foto: Thilo Rückeis

Die einen sagen so – die anderen nichts. Von 2711 Betonstelen, aus denen das Denkmal für die ermordeten Juden Europas besteht, müsse man rund 380 als „potentiell gefährlich“ einstufen. Das behauptet ein Berliner Ingenieurbüro – ein anderer, vom Landgericht bestellter Gutachter aus Aachen, findet es übertrieben. Im Februar 2010 hatte die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung in Vertretung der das Denkmal betreuenden Stiftung ein „selbstständiges Beweisverfahren“ beantragt: gegen die seinerzeit bauausführende Firma Geithner. Von dieser ist eine Äußerung zu dem nunmehr gut drei Jahre laufenden Prozedere schon gar nicht zu erhalten. Eine Bemerkung über die mögliche Dauer wäre ja schon eine Auskunft, sagt man dem Tagesspiegel in der Wilhelmshavener Firmenzentrale.

Die Sprecherin der Senatsverwaltung plaudert ebenfalls nicht. Der Sprecher des Landgerichts weigert sich sogar, Namen der (auf der Homepage der Denkmal-Stiftung aufgeführten) Beteiligten in den Mund zu nehmen: „weil dadurch der Zweck des Verfahrens gefährdet werden könnte“. Dieses solle ja einen Rechtsstreit vermeiden: „Ob das bei öffentlicher Diskussion der Sache mit Namen der Beteiligten noch gelingen kann, scheint mir sehr fraglich.“ Selbst Denkmalsarchitekt Peter Eisenman möchte seine vor Jahren an den Bauherren geäußerte Empfehlung, die Stelen aus Stein oder wenigstens mit Stahl zu bauen, nicht mehr kommentieren. Er verschanzt sich im New Yorker Büro, loyal zur Denkmalstiftung, hinter seiner Diskretionsverpflichtung. Er kann allerdings kaum verstehen, warum man sich in Berlin den Medien gegenüber so bedeckt hält. Für ihn selbst sei es gleichwohl „keine gute Idee zu reden, bevor ein Prozess begonnen hat“.

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Leo Rosh über den Erfolg der Stiftung Denkmal.

Für das Holocaust-Denkmal wurde der beste Beton Berlins genutzt

„Beton reißt“, hat Eisenman von Anfang an gewusst. Insofern scheint der Materialbefund banal, doch das Objekt ist politisch, Brisanzverdacht entsteht durch die Geheimniskrämerei. Die Chronik beginnt 2003, als der Architekt sich freut, den „besten Beton in Berlin“, genannt ST 400, bei der Firma Geithner gefunden zu haben. Im April 2005, kurz vor der Einweihung, berichten Betontechnologen von ihrer Expertise für diese Baufirma in der Zeitschrift „Tiefbau“. Entgegen der Ausschreibung, die eine innere Bewehrung der Stelen durch Stahl gesehen hatte, begründen die Ingenieure ihren „betontechnischen Sondervorschlag“. Gerade die „höchsten, am Querschnittsrand auftretenden Zug-Eigenspannungen“ der Hohlkörper könnten durch „Bewehrung nicht bzw. nur unwesentlich abgemindert werden“. Der Zementgehalt des Betons solle zugunsten „reaktiver Zusatzstoffe“ reduziert werden, die „unerwünschte Transportvorgänge im Beton minimieren und seine Dichtheit und Festigkeit maximieren“. Gewählt werde ein selbstverdichtender, sehr fließfähiger Beton, Bewehrung durch Stahlstäbe gebe es nur zur Sicherung der Über-zwei-Meter-Riesen. Kosteneinsparung sei nur ein Nebenaspekt des Stahlverzichts. Vor allem erreiche man so „Verbesserung der Betonqualität in der Randzone und eine Erhöhung der Dauerhaftigkeit“.

Bereits nach acht Monaten gab es die ersten Risse an den Stelen

Ein weiteres Ingenieurbüro, beauftragt durch die Senatsverwaltung, berichtet in „Tiefbau“ über Simulationstests zum thermischen Stress des Betons: Bei einer „rein zyklischen“ ( = jahreszeitlichen) Belastung könnten sich an der Innenseite der Stelen Risse einstellen, bei plötzlichem Temperatursturz wären Spannungen auf der Außenseite möglich, „die die Zugfestigkeit des Betons im Extremfall überschreiten“. In beiden Fällen handele es sich um oberflächennahe Risse mit einer Tiefe von wenigen Millimetern. Gravierende „Trennrissbildung“ sei unwahrscheinlich.

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Acht Monate nach der Einweihung am 8. Mai 2005 sind dann bereits Risse an 20 Stelen zu sehen, 2006 findet man 393 Angeknackste. 2007 wird der Baustoffkundeprofessor Bernd Hillemeier zu Rat gezogen, weiß keine Erklärung. Die Schönheitsfehler, wie man sie bislang einstuft, werden mit Kunstharz verfüllt, übermalt. Thermische Spannungen an den südwestlich orientierten Stelen habe man erwartet, sagt 2008 der ebenfalls eingesetzte Sachverständige Joachim Schulz dem „Cicero“. Für die neue Bauform, Hohlkörper ohne Stahlbewehrung, sei der neue Stoff SVB gewählt worden, inklusive „Restrisiko“: Weil dafür noch keine Langzeiterfahrung vorlag. Nur Planungsakten könnten zeigen, ob es sich um „einmalige Ausführungsfehler“ handele; dann reiche es, Risse zu schließen. Oder der Baustoff war falsch gewählt: Dann müsse man Stelen austauschen. Schulz entdeckt 1361 Mängel-Exemplare, andere 1900. Der damalige Kulturstaatsminister Neumann sagt: Das fällt noch unter die Baufirmen-Gewährleistung. 2010 scheitert eine außergerichtliche Einigung. 2011 werden 2200 Stelen mit (teils kleinen) Rissen gezählt. 2012 geht es nicht mehr um nur kosmetische Probleme: 23 Stelen erhalten Stahlmanschetten, jede siebte sei ein Sicherungskandidat, teilt die „Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas“ der Presse mit.

Wurde das Denkmal für die ermordeten Juden Europas kaputtgespart?

Ob die Gewährleistung bald erlischt? „Kann ich ihnen nicht sagen“, so äußert sich Stiftungssprecherin Felicitas Borzym. Man komme der „Verkehrssicherungspflicht“ nach. Das gerichtliche Mängelgutachten liege noch nicht vor. Ein „vorläufiges Sachverständigengutachten“ hatte bei einer Anhörung im Januar 2012 nicht alle Beteiligten befriedigt, es wird nun durch weitere Analysen vervollständigt. Die dafür erforderliche Zeit? „Kann ich nicht sagen.“ Besser gelaunt als die Sprecherin ist der Aachener Gutachter Wolfgang Brameshuber: Er möchte den Risiko-Alarm für 380 Stelen nicht bestätigen, habe nur zwei für „kritisch“ befunden, „ich fühle mich da wohl“. Eine werde in seinem Labor weiteren Messungen unterworfen; das könne noch ein, zwei Jahre dauern. Ein ungewöhnlich langes Beweisverfahren: Bei der Anhörung seien Fragen aufgetaucht, „an mir liegt es nicht“. Man prüfe, ob die Baufirma geliefert habe, was bestellt wurde.

Darauf weiß zumindest Joachim Schulz, der nach eigener Aussage wegen seiner kritischen Fragen nicht mehr konsultiert wird, eine Antwort: Die Firma Geithner sei eine der besten, der Beton hervorragend, jede Stele wurde vor der Aufstellung untersucht. Lag es demnach an der Planung? An der Baustoffwahl? Das Denkmal für Deutschlands Menschheitsverbrechen – kaputtgespart? „Die Beweisaufnahme müsste längst fertig sein“, sagt Schulz. „Legt die Karten auf den Tisch!“

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