Berlin : Hunderte Davidsterne gesprüht – kein Täter gefasst

Seit vier Wochen beschmieren Rechtsradikale Wände und Denkmäler. Und jede Meldung scheint Nachahmer auf die Idee zu bringen

Jörn Hasselmann

17 waren es allein in der Nacht zu Sonnabend, insgesamt hat die Polizei hunderte gezählt: Davidsterne, an Grabstätten, Denkmäler und Fassaden geschmiert. Vermutlich sind es Rechtsradikale, die seit einigen Wochen durch die Straßen ziehen, um mit ihren Schmierereien auf sich aufmerksam zu machen. Doch bisher konnte die Polizei keinen Schmierer dingfest machen. Kein Wunder: Die Täter schlagen im Schutze der Nacht zu, die Aktion geht lautlos vonstatten und dauert Sekunden. Von den Anwohnern bekommt auch am nächsten Tag kaum jemand etwas mit, denn sobald eine Schmiererei entdeckt wird, übertüncht sie die Polizei mit frischer Farbe. Zu denken gibt den Ermittlern allerdings, dass die Meldungen in den Zeitungen offenbar mehrere Nachahmungstäter auf den Plan gerufen haben. Denn während der oder die Unbekannten zu Beginn der Serie Mitte Oktober politisch relevante Gebäude, Denkmäler oder Grabstätten aussuchten und ausschließlich weiße Farbe benutzten, wird mittlerweile wahllos geschmiert.

So befanden sich die 17 Davidsterne vom Sonnabend überwiegend an Bauzäunen rund um die Museumsinsel, teilweise auch an Mauern, Pfeilern und Parkscheinautomaten – in neongrüner Sprühfarbe. Betroffen war auch ein Nachbarhaus der designierten Kanzlerin Angela Merkel am Kupfergraben. Die Polizei zieht daraus ihre eigenen Schlüsse. Hätten die Täter einen gefestigten politischen Hintergrund, hätten sie das Haus Merkels gekannt und dort geschmiert, argumentieren die Ermittler. Die Davidsterne in unmittelbarer Nachbarschaft würden aber darauf hinweisen, dass die jetzt aktiven Nachahmer „nur noch so“ sprayen.

Die Polizei hat bislang die Schmierereien als „politisch wichtig“ in ihren täglichen Bericht aufgenommen. Jetzt steht sie vor einem Dilemma, denn jede neue Meldung scheint neue Nachahmer zu inspirieren. Andererseits will sich die Polizeiführung aber nicht auch nur dem leisesten Verdacht aussetzen, politisch relevante Straftaten „zu verschweigen“. Eine Entscheidung, wie künftig mit den Schmierereien in der Öffentlichkeit umgegangen werden soll, ist im Polizeipräsidium noch nicht gefallen. Der Tagesspiegel hatte in den vergangenen Tagen darauf verzichtet, die offenkundigen Nachahmungstaten zu melden.

Der sechszackige Davidstern, der heute als das Symbol des Judentums und des Volkes Israel gilt, wurde von den Nationalsozialisten zur Stigmatisierung von Juden missbraucht. Neonazis benutzen das Symbol heutzutage, um damit die Juden zu verhöhnen. Zu Beginn der Serie seien die Tatorte sehr bewusst gewählt gewesen, heißt es beim – für politische Delikte zuständigen – Staatsschutz der Polizei: Jüdische Grabstätten waren betroffen, Museen und Denkmäler, die mit dem Widerstand im Dritten Reich in Verbindung stehen.

Die Diskussion in der Öffentlichkeit ist inzwischen abgeebbt. Anfang des Monats hatte die Jüdische Gemeinde eine Ausweitung der Videoüberwachung gefordert, diese war von Innensenator Ehrhart Körting (SPD) als „nicht machbar“ zurückgewiesen worden. Die CDU hatte die Schmierereien damals zum Anlass genommen, um Personalkürzungen bei der Polizei zu kritisieren.

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