Berlin : Hut ab, Cowboys

Für „Boss Hoss“ war 2006 erfolgreich wie nie. Jetzt spielen sie in Berlin – und planen eine kleine Sensation

André Görke

Szene eins spielt kurz nach Mitternacht in Nijmegen, und sie endet in einem zünftigen Polizeieinsatz auf der Konzertbühne. Die Countryrocker von „Boss Hoss“ hatten beim Festival in Holland die Lärmschutzgesetze etwas ausgedehnt, weil die Fans unten vor der Bühne ihren Spaß hatten und pausenlos „Yeeehaw!“ jauchzten. Als die Veranstalter abrupt den Strom abstellten und die Berliner einfach trotzig weiterspielten (ohne Verstärker), musste die Polizei rasch die Ordnung in Holland wiederherstellen und die Cowboys von der Bühne treiben. So viel Rebellion kam gar nicht gut an – außer bei der Jugend. Ein Holländer fragte hinterher voller Ehrfurcht: „Seid ihr in Berlin immer so?“

Nun, Szene zwei spielte gestern früh in einem Kinderzimmer in Prenzlauer Berg, nahe Kastanienallee. Es ist kurz nach 7 Uhr, als Alec Völkel – Sänger und einer der beiden Chefs von „Boss Hoss“ – seinen Sohn Finley weckt, die Müslischüssel füllt und den Siebenjährigen brav in die Grundschule bringt. „Natürlich ohne Cowboyhut“, sagt Völkel. So viel zum Klischee vom ewigen Partyalltag.

In ihren Altbauwohnungen in Prenzlauer Berg führen die Männer der Countrycombo ein normales Leben. „Erstens: Weil unsere Familien hier leben“, sagt Völkel, 34, „und zweitens: Weil Berlin eine wunderbare Eigenschaft hat: die Anonymität. Die Leute sind entspannt und lassen dich in Ruhe, auch wenn sie dich kennen. Wenn ich in Berlin in der Apotheke einen Hustensaft kaufe, wiehert mich kein Verkäufer mit einem ’Yeehaw’ an.“

Zweimal noch werden sie die Cowboyhüte aufschnallen und in die engen, weißen Feinripp-Unterhemden schlüpfen, am Donnerstag und Freitag. Dann spielen sie nach einem aufregenden und durchaus erfolgreichen Jahr 2006 in der Columbiahalle. Und weil sich auch Völkels Eltern das Konzert nicht nehmen lassen wollen, „läuft mir trotz 200 Konzerten im Jahr nirgendwo so sehr Muffe wie vor dem Auftritt hier in Berlin“, sagt Völkel.

Erfolgreich war das ablaufende Jahr nicht nur, weil die Band aus der Geheimtippecke rausgekommen ist und auch ihr Album „Rodeo Road“ soeben Goldstatus errang, also mehr als 100 000-mal verkauft wurde. Erfolgreich war das ablaufende Jahr auch, weil auf der zweiten Platte viele selbst komponierte Songs zu hören waren und nicht nur trashige Country-Coverversionen von Künstlern wie Eminem oder Britney Spears, auf die „Boss Hoss“ oft reduziert werden.

Die Idee mit den Coverliedern (sie entstand übrigens nach einigen Gläsern Whisky) hat funktioniert. In Zukunft wollen sich die Männer aus Prenzlauer Berg aber anders positionieren – eigenständiger. Im Herbst kommt die dritte Platte auf den Markt. „Wir wollen drei Viertel der Lieder selber schreiben“, sagt Völkel. „Allerdings bleiben wir beim Country. In die Schrammel- oder Schmusepopecke wollen wir nicht.“ Natürlich werde man aber auch weiter Lieder covern, die Kritik daran versteht er sowieso nicht. Klassik werde seit 300 Jahren gecovert.

Die sieben Musiker von „Boss Hoss“ haben schon früher Rockmusik gemacht; bei Völkel, eigentlich gelernter Grafiker, waren es 16 Jahre. Im März 2007 tourt die Band nun drei Wochen durch Kanada, dort, sagt Völkel, „spielen sie seit Monaten unsere Lieder in den College-Radios“. Für die Berliner wird es der erste Trip auf einen anderen Kontinent. „Ein Riesenkompliment“, sagt Völkel, „dass die deutsche Countrymusiker einladen“.

In Deutschland, wie neulich in Kassel, schnallen die Fans Heuballen auf ihre Autos, wenn sie zu den Konzerten fahren, um etwas mehr Cowboyflair zu haben. Doch von einer Sache können sich die Fans vielleicht bald verabschieden. Völkel kündigt nämlich fast schon eine kleine Sensation an: „Ich kann mir echt vorstellen, dass wir in zwei Jahren keine Cowboyhüte mehr tragen.“ Das wäre der nächste Schritt hin zur Rockband.

„Boss Hoss“ spielen Donnerstag und Freitag, 20 Uhr, in der Columbiahalle in Kreuzberg (Columbiadamm); Eintritt; 28 Euro. Tickets: www.kartenhaus.de

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