John F. Kennedys Fahrt durch West-Berlin : Straße des 26. Juni

Wer heute auf der Kennedy-Route entlangfährt, stößt auf viele wache Erinnerungen – und sucht vergeblich nach Wegen, die verschwunden sind. Eine Rundfahrt.

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Eine Runde Berlin. Diese Karte mit der Fahrtroute Kennedys veröffentlichte der Tagesspiegel im Juni 1963. Den Abstecher zum Europa-Center hatte sich Willy Brandt ausdrücklich gewünscht. Heute entsteht hier die neue City West. Repro: Tsp; Foto: Rolf Goetze/Stadtmuseum, dpa
Eine Runde Berlin. Diese Karte mit der Fahrtroute Kennedys veröffentlichte der Tagesspiegel im Juni 1963. Den Abstecher zum...

Die dunkelgrünen Kerosinlaster für die „Air Force One“ stehen zum Abtransport bereit, zurück nach Ramstein, auf die US Air Base. Die Fahrer der Tieflader, die sie huckepack genommen haben, machen sich lustig über den Sicherheitswahn der Amerikaner. „Sie glauben doch nicht, dass die irgendetwas an die Präsidentenmaschine heranlassen, das nicht von ihnen ist.“ Die sechs Tankwagen haben keine Kennzeichen, sehen aus wie aus Pappmaschee für ein Filmset aus den 50er Jahren. Aber das hier ist echt, das hier ist heute.

Der Besuch von Barack Obama fand unter Sicherheitsvorkehrungen statt, die viele als absurd empfanden. Keine Chance, ihm die Hand zu schütteln, ihm Blumen zu schenken oder einfach nur ein „Good luck!“. Nicht mal von Ferne erblicken ließ er sich. War er überhaupt da?

Vor 50 Jahren kam John F. Kennedy nach Berlin, JFK, und das können heute noch hunderttausende Berliner bezeugen. Die säumten jubelnd die Straßen, als er vorbeifuhr, stehend im offenen Lincoln. Schon damals wurden Präsidentenkarossen extra eingeflogen, aber der Präsident verschwand nicht hinter getöntem Panzerglas.

JFKs Fahrt durch West-Berlin, vom Flughafen Tegel bis hinunter nach Dahlem, wurde zu einem Triumphzug. Was ist davon übrig? Was hat JFK gesehen? Gibt es diese Route überhaupt noch? Eine Testfahrt auf den Spuren Kennedys.

Die Kerosinlaster der US-Armee stehen unter Bäumen in der Vorortidylle der ehemals französischen Cité Guynemer. Hier müssen alle Staatsgäste durch, wenn sie in Tegel gelandet sind und nicht vom Hubschrauber abgeholt werden. Einfamilienhäuser, Gärten, ein paar Mietshäuser, 1963 war die Cité den französischen Militärangehörigen vorbehalten.

Kennedy in Berlin
50 Jahre ist es her, dass John F. Kennedy den historischen Satz "Ich bin ein Berliner" auf dem Balkon des Rathaus Schönebergs, dem damaligen Sitz des Regierenden Bürgermeisters, sprach.Weitere Bilder anzeigen
1 von 13Foto: Rolf Goetze/Stadtmuseum Berlin
26.06.2013 08:5750 Jahre ist es her, dass John F. Kennedy den historischen Satz "Ich bin ein Berliner" auf dem Balkon des Rathaus Schönebergs, dem...

Der Triumphzug begann erst außerhalb der Cité, als die Wagenkolonne mit der großen Motorradstaffel vorneweg in die Seidelstraße einbog. Von den Schrebergärten rechts und links dürfte der Präsident vor lauter Menschen nichts gesehen haben. Die Berliner Traufhöhe beginnt erst in der Scharnweberstraße. Hier war 1963 vieles neu gebaut. Berlins Regierender Willy Brandt saß neben JFK und erklärte die Aussicht. Die Route sollte ja auch zeigen, wohin die Gelder aus der Marshall-Hilfe geflossen waren.

„Damals gab es hier noch zwei Kinos“, erinnert sich die 82-jährige Ingelore Lustig, „hübsche kleine Kneipen, einen Laden, wo man offene Milch kaufen konnte, und einen Bauernhof.“ Heute sind hier Video World, ein Textildiscounter und eine Spielhalle ansässig. Für Kennedy ist Ingelore Lustig damals nicht rausgegangen. „Wir sind immer zu Ernst Reuter gefahren, an den Reichstag.“ Der konnte auch gut reden.

Weiter südlich geht es durch die Müllerstraße nach Wedding. Der JFK-Tross aus 14 Wagen plus Polizeieskorte fuhr sehr langsam, damit jeder Fotos machen konnte. „Mein Mann hatte mir seine Kamera gegeben, eine Pilotenkamera, mit der man viele Fotos nacheinander schießen konnte“, erinnert sich Ursula Klintzsch, die gerade aus der Reha nach Hause kommt, Afrikanische Straße, Friedrich-Ebert-Siedlung. „Ich hatte eine kleine Leiter dabei.“ Wo die Fotos geblieben sind, weiß sie nicht, „wahrscheinlich verkauft“.

Gerda Wurl, gelernte Schneiderin, hat von ihrem „Logenplatz“ am Fenster die Kreuzung Müllerstraße, Ecke Afrikanische Straße im Blick. „Hier standen auch die deutschen Soldaten im Krieg und warteten auf die Russen.“ 1963 wartete sie mit ihrer Tante auf Kennedy, 2013 auf Obama, aber der „ist ja hintenrum gefahren, Tegeler Weg“. Schade. Sonst fahren alle Staatsgäste an ihrem Fenster vorbei, erzählt Frau Wurl mit zufriedenem Lächeln, „ist ja der kürzeste Weg“. So wie bei Kennedy, so „euphorisch“, alle wie aus dem Häuschen, sei es nie wieder gewesen.

An der Afrikanischen Straße hat Kennedy vor allem das grüne Berlin gesehen, den Volkspark Rehberge, dann ging es weiter in die Seestraße Richtung Stadtautobahn, aber die gab es damals noch nicht.

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