Jüdischer Friedhof : Der Unvergessene

Berlins erster jüdischer Friedhof an der Sophienkirche war lange verwildert. Nun ist die Erinnerungsstätte in Mitte instand gesetzt - nach vielen Querelen.

Christina Kohl
jüdischer friedhof
Einziger Stein. Bislang steht lediglich das Grabmal des Aufklärers Moses Mendelssohn auf dem Jüdischen Friedhof an der Großen...Foto: Kai-Uwe Heinrich

Wie ein verwilderter Park hat es lange ausgesehen, das fast 6000 Quadratmeter große Gelände unweit der Sophienkirche an der Großen Hamburger Straße in Mitte. Der unscheinbare Ort beherbergt den ersten Friedhof der Jüdischen Gemeinde Berlins aus dem 17. Jahrhundert. Nach zweijährigen Bauarbeiten wurde der Friedhof gestern wiedereröffnet. Kulturstaatssekretär André Schmitz sprach von einer „schönen Stunde für Berlin“.

Nun ist der Friedhof nach jüdischen Traditionen instand gesetzt: Es wurden etwa ein Wasserbecken für rituelle Waschungen und eine Gebetstafel angebracht, das Gelände ist mit Efeu bepflanzt. Doch der Sanierung ging ein langer Abstimmungsprozess zwischen den beteiligten Verbänden und Hinterbliebenen voraus. Denn außer den Gebeinen von mehr als 10 000 Berliner Juden lagern dort auch die Überreste ziviler und militärischer Opfer des Zweiten Weltkrieges. In Sammelgräbern befinden sich fast 2500 Tote aus den letzten Kriegswochen. Eine genaue Abgrenzung der Gräber ist nicht möglich.

Reinhard Führer, Präsident des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge, der sich gemeinsam mit dem Berliner Senat und der Jüdischen Gemeinde für die Instandsetzung des Friedhofs einsetzte, erläutert das Dilemma: „Die Toten zu exhumieren widerspricht den jüdischen Gesetzen, Juden und einige ihrer Verfolger am gleichen Ort zu bestatten, widerstrebt vielen Angehörigen.“ Nun wurde alles so belassen wie es ist.

1672 wurde der jüdische Friedhof in der damaligen Spandauer Vorstadt errichtet. Als Grabstätte wurde er allerdings nur 50 Jahre genutzt. Eine Bestimmung des Preußischen Allgemeinen Landrechts, wonach keine Leichen in bewohnten Stadtgegenden beerdigt werden sollten, führte zur Schließung 1827. Im Jahr 1943 wurde der Friedhof auf Befehl der Gestapo zerstört. Das benachbarte Altenheim nutzten die Nazis als Massenlager für mehr als 50 000 Juden, die sie später in Konzentrationslager deportierten.

Als „Symbol der besten als auch der schlimmsten Zeiten der Berliner Juden“ bezeichnete Benno Bleiberg, Kultusdezernent und stellvertretender Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde, den Friedhof. Die Grundmauern des früheren Altenheims sind als rote Ziegelbänder im Eingangsbereich des Friedhofs sichtbar. Die Zwischenräume sind mit Bauschutt gefüllt – als Erinnerung an das zerstörte Gebäude.

Einzig das Grab von Moses Mendelssohn, dem jüdischen Philosophen und Vorkämpfer der Aufklärung, ist derzeit auf dem alten Friedhof erhalten. 20 weitere Grabsteine lagern auf dem Jüdischen Friedhof in Weißensee.

Kulturstaatssekretär André Schmitz kündigte deshalb schon einmal die nächste Aufgabe an: Die Steine sollen restauriert und an ihren ursprünglichen Ort transportiert werden. Christina Kohl

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