Was das Netz aus uns macht : Leute, wir müssen reden

Unser Autor ist 19 – und fühlt sich alt. Weil er schon jetzt nicht mehr mitkommt. Ein Weckruf.

Simon Grothe
Ein Selfie geht immer. Aber wo führt das alles hin?
Ein Selfie geht immer. Aber wo führt das alles hin?Foto: dpa

Mit der Technik ist es wie mit der Musik: Sie wird immer schneller. Klassik, Jazz, Rock, Pop, Electro, Techno, auf Goa-Partys donnert der Beat zwischen 130 und 150 Bpm. Es werden viele Drogen genommen, gesprochen wird wenig. Das ist entspannt, das ist cool, aber irgendwann fragt man sich: Was mache ich hier eigentlich?

Wir sitzen auf Partys und schauen in unsere Handys

Die Technik entwickelt sich schneller als der Mensch, wir kommen nicht mehr mit. Zunächst hört sich doch alles so toll an: immer erreichbar sein, alles nachschlagen können, dank Chats kein peinlicher Analog-Smalltalk mehr. So vermeiden wir den sozialen Fehltritt – und werden asozial. Irgendwann sitzt man bei einer Geburtstagsfeier über sein Handy gebeugt und fragt sich: Was mache ich hier eigentlich?

Ich bin 19 - und habe keine Ahnung, was Snapchat soll

Ich komme mir vor wie ein Rentner, der gegen die Modernisierung wettert. Dabei bin ich 19 Jahre alt und war immer der Hoffnung, nicht irgendwann alt und doof zu werden. Aber ich verstehe jetzt schon nicht mehr, was die 14-Jährigen zu Instagram und Snapchat treibt. Da zieht man sich aufreizend für die Party an, schickt ein Bild an alle Kontakte und legt sich schlafen. Dazu kommen Youtube-Sternchen und Lets-Play-Trash, Candy Crush und heftig.co. Mir gefällt das nicht!

Wir sammeln Likes und Follower ohne Ende. Warum eigentlich?

Meine Freunde in Argentinien kleiden sich wie meine Freunde in Berlin – und die genauso wie der Rest der Welt. Wie kommt’s? Die Konkurrenz im Netz suggeriert uns: Du musst besser werden, mehr Likes, mehr Follower sammeln, mehr Wissen. Am Ende führt das zu Burn-Out, sozialer Verdummung, Depression, Überwachung und irgendwann auf den Operationstisch plastischer Chirurgen.

Wir akzeptieren Überwachung - schließlich haben wir nichts zu verbergen

Aber Digitalisierung ist doch so bequem. Algorithmen empfehlen uns unsere Interessen, Drohnen liefern uns Päckchen, und mit Datenbrillen müssen wir nicht mehr nach unten gucken. Ein Nicken reicht, um den Videomodus zu starten. Gut für den Rücken! Am Ende dieser ganzen praktischen neuen Dinge steht aber ein Mensch, der nichts mehr verbergen kann. Darauf läuft alles hinaus. Das müssen wir bewusst akzeptieren und unterstützen – oder dagegen vorgehen. Viele sagen ja: Ich habe nichts zu verbergen. Das ist schön. Nur geht man dann davon aus, dass man den Überwachenden mag. Wenn der böse ist oder eine andere Meinung vertritt, dann wird es unschön.

Wir geben eine riesige Macht ab: unsere Privatsphäre – und damit indirekt auch die Möglichkeit zum Widerstand. Wie soll man gegen ein Herrschaftssystem aufbegehren, wenn dieses System jederzeit weiß, wie du denkst, wo du dich aufhältst, mit wem du dich triffst?

Wir nutzen das kostenlose Angebot, ohne es zu hinterfragen

Noch bilden diejenigen von uns, die sich an Handys mit Tasten erinnern, eine kritische Masse. Aber stellt sich jemand die „Was-mache-ich-hier-eigentlich?“- Frage, der eine Tastensperre lösen konnte, bevor er schreiben gelernt hat? Kinder erklären Erwachsenen die Funktionen von Smartphone, Facebook und Online-Shopping, bevor sie sie überhaupt selbst richtig verstanden oder gar hinterfragt haben. Zum Beispiel, warum soziale Netzwerke und E-Mail-Konten in der Regel kostenlos sind, oder warum man Boni von der Krankenkasse bekommen kann, wenn man sich digital überwachen lässt.

Das Ergebnis: Überwaschung und soziale Verdummung

Die Zukunft, ein Mix aus „1984“ und „Surrogates“. Überwachung plus soziale Verdummung. Diese Zukunft ist zum Implodieren bestimmt. Menschen verhalten sich nun mal nicht, wie Algorithmen es gerne hätten. Retro, alte Handys, Ich-komme-ohne-Facebook-aus, Vinyl, akustische Musik, Bücher lesen, Theater, Arthouse-Filme – das alles wird bei jungen Menschen mehr und mehr zum Statussymbol. Niemand feiert sich ernsthaft für Facebook-Likes, sondern eher für sein Auslandsjahr auf den Philippinen.

Ich glaube, es wird eine Bewegung gegen die umfassende Digitalisierung geben, die aussteigt und sich auf die Menschlichkeit besinnt. Wahrscheinlich wird sie sich auf Facebook versammeln.

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