Kandidaten für Wowereits Nachfolge : Warum Raed Saleh der Richtige für Berlin ist

Nach der Wowereit-Ära hat Berlin die Wahl: Weltstadt oder Posemuckel? Und damit ist klar, wer der nächste Regierende Bürgermeister sein muss. Ein Gastkommentar.

Michael Wolffsohn
Raed Saleh, 37, ist Fraktionschef der SPD. Im Westjordanland geboren, wuchs er in Spandau auf und machte schnell Parteikarriere. Seit drei Jahren ist er Fraktionschef im Abgeordnetenhaus. Nach dem Rücktritt von Klaus Wowereit bewirbt er sich gemeinsam mit SPD-Chef Jan Stöß und Stadtentwicklungssenator Michael Müller um die Nachfolge als Regierender Bürgermeister. Foto: Doris Spiekermann-Klaas
Raed Saleh, 37, ist Fraktionschef der SPD. Im Westjordanland geboren, wuchs er in Spandau auf und machte schnell Parteikarriere....

Berlin, „watt haste dir vaändert“. Einst galt unser Berlin – zurecht oder nicht – als der Ort und Hort des Preußentums. Das Wort „Preußentum“ hatte dabei (zu Unrecht) einen negativen Klang. Wie auch immer. Jedenfalls galt Berlin lange als „Deutschland im Quadrat“, wobei mit Deutschland vor allem dies verbunden wurde: Hochleistung, Effizienz, Tüchtigkeit, Pünktlichkeit, Zuverlässigkeit, Zack-Zack und Ähnliches. Auch im Negativen. Berlin war die Zentrale des Holocaust, die Stadt des Schreckens. Nach 1945 waren wir sozusagen Hauptstadt des Kalten Krieges. „Ihr Völker der Welt, schaut auf diese Stadt“, hatte unser legendärer Bürgermeister Ernst Reuter im September 1948 in die Welt gerufen. Sie schaute auf uns, und die Freie Welt, allen voran die USA, schützten uns. Zugleich waren wir als ideologische Frontstadt das Symbol der Freien Welt gegen die DDR und alle anderen kommunistischen Diktaturen. Es war daher folgerichtig, dass US-Präsident John J. Kennedy im Juni 1963 der jubelnden Menge am Schöneberger Rathaus zurief: „Ich bin ein Berliner“. Mit dem Fall der Mauer endete auch diese welthistorische Rolle.

Die Summe der Kieze

Viele in der Welt bekamen nach Mauerfall und Wiedervereinigung erneut Angst vor diesem größeren Deutschland und erst recht vor dessen Hauptstadt. Das Angstbild über Deutschland wurde auf die alt-neue Hauptstadt, Berlin, übertragen. So weltbildlich gesehen, war gerade die „arm, aber sexy“, leistungsferne, Larifari-, kommste-heut-nich-kommste-morgen-Ära unter Klaus Wowereit geradezu ein Glückfall für Berlin. Nun versinnbildlichte unsere Stadt die (vermeintliche) „Leichtigkeit des Seins“. Wir wurden Party-Welthauptstadt, und dennoch blieb unsere Stadt auch als Metropole weitgehend die Summe unserer Kieze. Einem der Kieze entstammte Wowi. Den „Duft der großen weiten Welt“ überlagerte auch zu Wowis Zeit der Kiez-Mief. Für weltkulturelle Frischluft hatte Kultur-Staatssekretär André Schmitz gesorgt.

Doch nicht erst seit dem BER- und auch Tempelhofdebakel ist uns und aller Welt klar: Die Party ist vorbei. Jetzt ham wa den Salat. Katerstimmung herrscht.

Im In- und Ausland macht man sich über uns lustig. Das ist bisweilen sogar liebenswert und ganz charmant. Wenn aber eher über kurz als über lang nichts mehr im Alltag klappt, ist Schluss mit lustig.

Jetzt steht Berlin am Scheideweg. Will es als Mega-Kiez Posemuckel werden oder sich weiter zu einer echten Weltstadt entwickeln?

Was braucht Berlin jetzt?

Das künftige Berlin braucht weiterhin die Verbindung von Welltluft plus Kiez.

Das künftige Berlin braucht auch weiterhin die neu-Berliner Leichtigkeit des Seins - jedoch ergänzt um Ernsthaftigkeit, Zuverlässigkeit, Dynamik und Leistung in allen Lebensbereichen, allen voran Wirtschaft, Wissenschaft und Kultur.

Das künftige Berlin braucht einen Regierenden, der trotz Partys Ordnung und damit auch Polizisten schätzt und nicht geringschätzig Bullen nennt.

Das künftige Berlin braucht einen Regierenden, der zwar oben sitzt, aber genau weiß, wie es unten zugeht und der weiß, wo und wen „der Schuh drückt“.

Das künftige Berlin braucht Wirtschaftsfreundlichkeit plus ein Herz für Soziales.

Das künftige Berlin braucht einen Regierenden, der, wie einst Willy Brandt und Gerhard Schröder, den Weg von unten nach ganz oben geschafft hat und damit unausgesprochen sagt: „Ja, ihr könnt's auch.“ Dieser Zuruf muss nicht zuletzt für Berliner mit Migrationshintergrund glaubwürdig, also gelebt worden sein. Sonst verkümmert das Gerede von Integration zur Phrasendrescherei.

Das künftige Berlin braucht einen unideologischen, pragmatischen Regierenden Bürgermeister, der durch Herkunft und Werdegang Tradition, Innovation sowie Integration personifiziert.

Das künftige Berlin braucht einen Brückenbauer. Es braucht eine Persönlichkeit, die über Parteigrenzen hinweg ganz viele Berliner miteinander verbindet und somit an unsere Stadt bindet: die Berliner verschiedenster Generationen, Nationen, Religionen, Konfessionen und Schichten.

Raed Saleh steht für all das. Er ist der Richtige für Berlin.

Michael Wolffsohn lehrte von 1981 bis 2012 an der Universität der Bundeswehr München Neuere Geschichte.

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