Berlin : Kokain in Berlin (Teil 5): Schnee für Germania

Stephan Wiehler

"Auf deutschem Boden darf nie wieder ein Joint ausgehen", rief Wolfgang Neuss, als er schon mächtig einen im Tee hatte. Auf seinem Kreuzberger Matratzenlager kümmerte sich der kiffende Kabarettist bis zu seinem Lebensende persönlich um die Einhaltung seines Credos. Ging es hingegen um harte Drogen, empfahl der selbsternannte "Frühstücksdiktator" des Haschischs "freiwillige Selbstkontrolle".

Zur Zurückhaltung, so meinte Wolfgang Neuss, gemahne die Deutschen die historische Verführung durch das tödliche Rauschgift des Nationalsozialismus: "Wir Deutsches Volk - wie wir das nennen - wie wir in den zwanziger Jahren hingerissen waren von den Häuptlingen des Ersten Weltkriegs, die jetzt Drogen nahmen, Kokain und Opium, löffelweise, umgeben von Kokain-Jüngern! Sozusagen angemacht von denen. Hitler, angemacht von Dr. Morell (Pervertin), Goebbels, täglich zweimal Heroin - oder keine Rede! Die UFA blühte nur durch Koks, wo der Mann von der Mutter da war, Göring, dezenter Opium-Raucher. Ich weiß doch, dass Baldur von Schirach gefixt hat, sogar unser einst verjagter Kaiser Wilhelm hat sage und schreibe in Holland Haschisch geraucht."

Der Faschismus, sagte Neuss, der als Frührentner mit seiner Satire besonders Ernst machte, komme "nur von den Drogen-Nehmern. Und zwar meist von denen, die mit Drogen nicht umgehen können, mit denen geht es dann um".

Doch so sehr sich rauscherfahrenen Gefühlshistorikern die Vermutung aufdrängen mag, dass die mörderische Mischung aus völkischem Größenwahn und wahnhaft übersteigerter Paranoia vor dem Phantom einer "jüdisch-bolschewistischen" Weltverschwörung nur der Kopfgeburt einer heillos verkoksten Existenz entspringen konnte: Die gesicherten Fakten über den Konsum psychoaktiver Substanzen in Kreisen der NS-Elite reichen kaum hin, um daraus verminderte Schuldfähigkeit ableiten zu können.

Das schillernd-flirrende Kulturleben im Berlin der zwanziger Jahre, die Extravaganzen und Eskapaden einer sensationsgierigen Gesellschaft, die sich zum fieberhaften Tanz auf dem Vulkan mit Kokain auf Trab hielt - all das ging mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 zu Ende. Das Gift der Diktatur, die ihren Terror gegen politische Gegner, aber auch gegen Künstler, Intellektuelle und andere Freigeister der großstädtischen Avantgarde richtete, lähmte den Lebensnerv einer liberalen, weltoffenen Metropole. Der Exodus des Geistes verdarb der verbliebenen Kulturschickeria die Laune auf die "Champagnerdroge" Kokain. Das Schneegestöber in den Salons und Kaffeehäusern erstarrte in einer Eiszeit der Ernüchterung.

Mit dem Leitbild des arischen Übermenschen, dem "morgen die ganze Welt" gehören sollte, propagierte das Regime jetzt Körperkult, Wehrertüchtigung und Erbgesundheit zur "Reinerhaltung der Rasse". "Kraft durch Freude" statt Kicks durch Koks. Subversive Zwischentöne wie von Staatsschauspieler Gustaf Gründgens, der mit Klaus Mann manche Nase durchgezogen hatte und noch 1938 im Film "Tanz auf dem Vulkan" trällern durfte: "Die Nacht, die man in einem Rausch verbracht, bedeutet Seligkeit und Glück", duldete Goebbels allenfalls auf der Kinoleinwand: Unterhaltung als Ausgleich für den Triebverzicht. Es darf gelacht werden. Und draußen wird pariert. Schnaps ist Schnaps, und Dienst ist Dienst.

Doch die drogenfreie Gesellschaft blieb auch in der braunen "Volksgemeinschaft" eine Schimäre. Unzählige ehemalige Landser des Ersten Weltkrieges, die sich in die Kolonnen der marodierenden Freikorps einreihten und später in den Truppen der SA und SS mitmarschierten, hatten durchaus schon die kalte Pranke eines Drogenentzugs im Nacken gespürt. Viele der Veteranen, die auf den Schlachtfeldern verwundet worden waren, kehrten 1918 als Süchtige aus den Lazaretten zurück, wo ihre Schmerzen mit Morphium betäubt worden waren.

Prominentester Junkie der NS-Führung war Reichsmarschall Hermann Göring, der sich seine Morphiumsucht erst während des Nürnberger Kriegsverbrechertribunals 1946 abgewöhnte. Schon als Jagdflieger im Ersten Weltkrieg hatte Göring die aufputschende Wirkung des Kokains schätzen gelernt. Mit mehr als 40 Feindabschüssen war der Draufgänger zum Kriegshelden geworden, dekoriert mit dem höchsten Orden "Pour le Mérite".

Ausgerechnet die Bekanntschaft mit dem Nikotin- und Alkoholverächter Adolf Hitler führte ihn im November 1923 beim "Marsch auf die Feldherrnhalle" geradewegs in die Opiatabhängigkeit. Während des Putschversuchs an der Seite des NSDAP-Führers traf den späteren Reichsluftwaffenminister im Schusswechsel mit der bayerischen Polizei eine Kugel in den Unterleib. Der anschließenden Schmerzbehandlung mit Morphium folgte 1925 die zwangsweise Einweisung in eine schwedische Nervenheilanstalt, wo der süchtige Haudegen, begleitet von Entzugspsychosen und mehreren Selbstmordversuchen, von der Droge entwöhnt wurde - allerdings nur vorübergehend.

Schon in der so genannten Kampfzeit vor 1933 bediente sich auch der Hypochonder Hitler, der immer wieder über körperliche Zipperlein unterschiedlichster Art klagte, neben Verdauungs- und Abführmitteln verschiedener Wachmacher. Bei anstrengenden Wahlreisen hielt sein Fahrer stets ein Köfferchen voller Medikamente bereit. In großen Mengen schluckte Hitler täglich rezeptfreie Cola-Pastillen, die Koffein und andere anregende Substanzen enthielten. Allein bei einem Empfang des Reichspräsidenten Hindenburg 1932 soll er sich 16 solcher Pastillen einverleibt haben.

Ab Kriegsbeginn sorgte der Berliner Arzt und Pharmaunternehmer Theodor Morell, den Hitler durch seinen Fotografen Heinrich Hoffmann kennengelernt hatte, für den Leibpatienten. Mit 88 verschiedenen Medikamenten - von harmlosen Vitaminpräparaten über Schmerz-, Beruhigungs- und Schlafmittel bis hin zum Metaamphetamin Pervitin, das auch Kampffliegern als Durchhaltedroge verabreicht wurde - verwandelte Morell den "Führer und Reichskanzler" in eine lebende Apotheke.

Bis heute ist unter Medizinern umstritten, inwieweit die Pharmacocktails des Dr. Morell den Gesundheitszustand Hitlers beeinflussten, der sich mit den schwindenden Allmachtsträumen vom "Weltreich Germania" während des Krieges zunehmend verschlechterte. Den körperlichen und psychischen Verfall Hitlers, der vermutlich an altersbedingter Arteriosklerose und der Parkinsonschen Krankheit litt, konnte auch Morell nicht aufhalten.

Nach dem gescheiterten Bombenattentat vom 20. Juli 1944 im Führerhauptquartier "Wolfsschanze" in Ostpreußen kam Hitler offenbar auch in den Genuss von Kokain. Der Facharzt für Hals-, Nasen-, Ohrenkrankheiten, Erwin Giesing, der aus dem nahegelegenden Kriegslazarett Lötzen zur Behandlung der durch die Explosion verursachten Trommelfell-Verletzung herbeigerufen worden war, pinselte Hitler nach eigenen Angaben in der Zeit vom 22. Juli bis zum 7. Oktober in 50 bis 60 Sitzungen Nase und Rachen mit einer Kokainlösung aus, eine Therapie, die als lokale Anästhesierung damals durchaus verbreitet, aber nicht ungefährlich war. Der angeschlagene Diktator habe die Behandlung zunehmend als anregend und wohltuend empfunden, berichtete Giesing später. Hitler habe ihn daraufhin direkt zu weiteren Pinselungen aufgefordert, wobei es dann mehrmals zu leichteren, am 1. Oktober aber sogar zu einem schweren Kollaps mit zeitweiliger Bewusstlosigkeit gekommen sei. In seinen Memoiren behauptet der Arzt, er habe in jenen Augenblicken gehofft, der Diktator werde die Anfälle nicht überleben. Doch Adolf Hitler enttäuschte wieder einmal eine Erwartung: Auch mit Kokain war der "Führer" nicht totzukriegen.

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