Berlin : Konrad Adenauer: Im Nachtzug durch die "asiatische Steppe"

Amory Burchard

"Ich bin hier als Flüchtling. Ich wohne z. Zt. Wilhelmstraße 64. Im Kaiserhof möchte ich Sie nicht gerne aufsuchen, ich bin dort zu bekannt." Diese Zeilen schrieb Konrad Adenauer am 12. April in Berlin an seinen Freund und Berater Dannie Heineman. Der Politiker war in arger politischer und finanzieller Bedrängnis. Einen Monat zuvor hatte ihn die SA aus seinem Amt als Oberbürgermeister von Köln gejagt. Adenauer reiste überstürzt in die Reichshauptstadt ab. In der Wilhelmstraße hatte er seit 1931 eine Dienstwohnung - als Präsident des Preußischen Staatsrates. Zum ersten Mal gewählt wurde er 1921. Danach stieg Adenauer dann zehn Jahre lang im Hotel Kaiserhof ab.

Gute Zeiten, schlechte Zeiten für Adenauer in Berlin, immer wieder wechselseitige Enttäuschungen: ein "spannungsreiches Verhältnis", wie der Historiker Rudolf Morsey schrieb. Einmal im Monat musste Adenauer zwischen 1921 und 1932 für ein paar Tage nach Berlin. Er sei immer mit dem Nachtzug gekommen, betont Michael Krekel, Geschäftsführer der Stiftung Bundeskanzler-Adenauer-Haus in Rhöndorf. Damit sei der auch von Willy Brandt zitierte Berlin-Ausspruch Adenauers widerlegt: Auf der Fahrt nach Berlin habe er immer hinter der Elbe die Vorhänge zugezogen, damit er "die asiatische Steppe" nicht sehen müsse. Nachts brauchte Adenauer die Vorhänge nicht zuzuziehen, bemerkt Krekel trocken. Da war es dunkel. Aber dass Adenauer nur nach Berlin kam, wenn er musste, kann wohl niemand bestreiten. Auch nicht, dass er einmal nicht kam, als er gemusst hätte: unmittelbar nach dem Bau der Mauer am 13. August 1961. Bundeskanzler Adenauer besuchte die geteilte Stadt erst am 22. August. Berlin fühlte sich allein gelassen.

Als Adenauer 1933 in Berlin strandete, war er es, der sich alleine gelassen fühlte. Einer seiner ersten Gänge hatte ihn zum preußischen Innenminister Hermann Göring geführt. Adenauer wollte sich über seine Vertreibung aus Köln beschweren, wurde aber abgewiesen und mit Vorwürfen überzogen: Er sollte 5 Millionen Reichsmark aus der Stadtkasse "mitgenommen" haben. Gegen Adenauer lief ein Dienststrafverfahren, das 1935 eingestellt wurde.

Schon Adenauers erster Besuch in der Hauptstadt Preußens 1901 war ein Debakel. Wie alle jungen Juristen musste der Kölner sein Assessorexamen, das zweite Staatsexamen, in Berlin ablegen. Das erste hatte er mit "Gut" bestanden, jetzt bekam er nur ein "Ausreichend". Vielleicht wurde dem jungen Rheinländer in der Militärstadt Berlin der fehlende Militärdienst schlecht angerechnet, vielleicht war er durch schlimme Bronchialkatarrhe in der Referendarszeit nicht recht zum Lernen gekommen, vermuten Adenauer-Biographen.

Seinen Freund Dannie Heineman, einen jüdisch-amerikanischen Geschäftsmann, konnte Adenauer 1933 noch in seiner alten Dienstwohnung in der Wilhelmstraße empfangen. Großzügig überließ er dem Freund, dem wegen des schwebenden Verfahrens alle Konten gesperrt wurden, 10 000 Reichsmark aus seiner Schatulle. Die Dienstwohnung musste Adenauer am Ende April 1933 aufgeben. Für neun Monate fand er Zuflucht im Benediktinerkloster Maria Laach in der Eifel - getrennt von seiner Frau Gussie und den sieben Kindern. 1934 ging die Familie geschlossen nach Berlin. Die Adenauers mieteten ein Jahr ein Haus in Neubabelsberg. Adenauers Berlin-Mission in jenen Monaten und bei späteren Besuchen von Rhöndorf aus: eine Arbeit zu finden. Aber der verfemte Politiker war nicht der Mann, den Wirtschaftsbosse in der Nazizeit eingestellt hätten. Selbst sein "bester Freund" in Berlin, AEG-Vorstandsmitglied Friedrich Spennrath, konnte nur einem Adenauer-Sohn eine Ausbildungsstelle geben. Aber auch Konrad Adenauer hat sich in den Annalen des Konzerns verewigt: Im AEG-Archiv gibt es ein von ihm erfundenes von innen beleuchtetes Stopfei. Vermarkten ließ es sich nicht - die Erfindung war schon von einem anderen Tüftler angemeldet worden.

Nach dem Krieg mied Adenauer Berlin. Zum ersten Nachkriegsbesuch wurde der Unionspolitiker gemeinsam mit dem SPD-Vorsitzenden Kurt Schumacher von der britischen Besatzungsmacht eingeflogen. Es ging um die Gründung des neuen Landes Nordrhein-Westfalen. Kühl äußerte sich Adenauer über das, was er in der zerstörten Stadt sah: Die Bombenschäden zwischen Brandenburger Tor und Gedächtniskirche hätten ihn "tief beeindruckt", notierte er in einem Brief. Wenn die CDU in Berlin tagte, entschuldigte sich Adenauer mit Krankheiten. An den Vorsitzenden Jakob Kaiser schrieb er allerdings, er lehne "Reichsparteitage" ab. Selbst die Berlin-Blockade ließ ihn nicht nach Berlin eilen. An seine Zeit als Flüchtling in Berlin mag Adenauer gedacht haben, als er 1958 ein Lager für Interzonenflüchtlinge in Berlin-Lichterfelde besuchte.

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