Kopftuch in Berlin : IS, gib mir meinen Style zurück!

Schwarzer Mantel, schwarze Schuhe, schwarzes Kopftuch – ein elegantes Outfit für einen kühlen Herbsttag. Oder? Unsere Autorin wird ständig wegen ihrer Kleidung als Terrorbraut angefeindet. Das ist nicht nur ein Stilproblem. Ein Kommentar.

Nemi El-Hassan
War hat Angst vorm schwarzen Tuch? Unsere Autorin Nemi El-Hassan hat keine Lust mehr auf Anfeindungen im Alltag.
War hat Angst vorm schwarzen Tuch? Unsere Autorin Nemi El-Hassan hat keine Lust mehr auf Anfeindungen im Alltag.Foto: Doris Spiekermann-Klaas

Draußen hängt der Nebel in der Luft, graue Wolken bedecken den Berliner Himmel. Ein letzter Blick in den Spiegel: sitzt. Der perfekte Tag für Schwarz. Schwarzer Mantel, schwarze Lederboots, schwarzes Kopftuch. Ich fühle mich gut gestylt, um dem kalten Tag zu trotzen. Schwarz ist perfekt für die verschiedensten Anlässe. Beerdigung, Hochzeit, schickes Event oder kühler Herbsttag. Schwarz kann man tragen, um den Blick auf eine besonders hübsche Brosche zu lenken, um ein paar Pfunde zu verstecken oder um zu zeigen, dass man sich nicht viele Gedanken um sein Outfit machen wollte, ganz lässig eben.

Nur, wenn ich Schwarz trage, dann bläst mir der Wind schon seit einiger Zeit auf dem Weg zur Bahn die ersten Zweifel um die kopftuchbedeckten Ohren. Ich steige ein, und dann geschieht es, wie so oft: Ich werde angestarrt, als sei ich der Terrorfürst Al-Baghdadi höchstpersönlich. Direkt aus der IS-Hauptstadt Rakka in die Berliner Ringbahn gestiegen. Dabei habe ich keinen langen Fusselbart und wedle auch nicht mit einer Kalaschnikow herum. Nein, ich trage einfach nur ein schwarzes Stofftuch auf dem Kopf.

Und genau das ist das Problem. Ohne dieses Tuch würde ich vielleicht anerkennende Kommentare für mein gelungenes Outfit ernten, oder gefragt, wo ich denn den schönen Mantel gefunden hätte. So aber streifen mich nur mitleidige Blicke – wenn es gut läuft. „Sieh sich doch einer mal die arme, zur Bedeckung gezwungene junge Frau an, wie sie da sitzt und verschüchtert auf ihr Smartphone starrt ...“ Im schlimmsten Fall haben die Leute Angst vor mir. Sie wechseln den Sitzplatz, rümpfen abfällig das gehobene Näschen oder knallen mir Kommentare wie „Schleiereule“ und „Burkaträgerin“ an den Kopf. Alles schon so in der Öffentlichkeit passiert.

Ich wedle ja nicht mit einer Kalaschnikow. Ich trage einfach nur ein schwarzes Tuch auf dem Kopf

Meine Cousine arbeitet als Krankenschwester auf einer gefäßchirurgischen Station. Sie trägt die blaue Schwesternkleidung, dazu ein schwarzes Kopftuch. Und was passiert? Der Chefarzt mustert sie lange kritisch und brummt schließlich im Vorbeigehen: „So vermummt? Nächstes Mal tragen Sie aber kein Schwarz mehr.“ Ende der Diskussion – und der Emanzipation offensichtlich schon längst. Vorbei die Zeiten, in denen frau sich selbstbestimmt für oder gegen bestimmte Kleidungsstücke entscheiden durfte.

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Ich frage in meinem Freundeskreis herum, auch da bestätigt sich: Sobald sich Frauen mit Kopftuch in Schwarz kleiden, werden sie behandelt, als seien sie die Terrorbräute des IS, herausgekrochen aus den Höhlen des Bösen, um hier bei uns ihre menschenverachtende und gottlose Ideologie unter schwarzen Flaggen, äh Stoffen, zu verbreiten. Jedes noch so ausgeklügelte Detail an der schwarzen Bluse, jede wunderschön fallende Falte im Tuch und auch der edelste Lederschuh verschwinden bei vielen Leuten unter einer dunklen Masse aus Angst und Vorurteilen: alles ein einheitlicher Unterdrückungsbrei, importiert direkt aus Nahost in unsere schöne Farbdemokratie hinein!

Ganz im Ernst, IS: Gib mir meinen Style zurück! Ich will endlich wieder Schwarz tragen und mich dabei seriös fühlen, elegant – oder einfach nur in der Montagmorgenmenschenmasse untertauchen, weil mir nicht danach ist, aufzufallen. Warum nötigst du mich immer wieder, meine Kleidung mit einem gemusterten Kopftuch zu ergänzen, einen knallbunten Schal hinzuzufügen oder an diesen Tagen besonders häufig zu lächeln, zu grüßen oder auf Deutsch zu telefonieren? Nur damit alle checken, dass ich nicht zu dir gehöre, noch nie gehört habe und wirklich, wirklich niemals gehören werde?

Ich weiß, die Menschen in Syrien und im Irak haben ganz andere Probleme mit dir. Schlimmere, tödlichere. Eigentlich müsste ich mein Anliegen unter der Kategorie First World Problems abbuchen. Aber hier geht es um mehr als nur um Mode. Es geht um Offenheit und Freiheit und Selbstbestimmtheit. Es geht um die Fähigkeit der Menschen hier, sich unter dem Tuch mehr als Unterdrückung und Fanatismus vorzustellen. Also, IS: Verabschiede dich auf den Scheiterhaufen der Geschichte! Damit ich in einer bunten Welt in Frieden Schwarz tragen kann.

Dieser Text erschien zunächst gedruckt als Rant in unserer Samstagsbeilage Mehr Berlin.

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