Lastenräder in Berlin : Lust auf Last

Transportfahrräder werden immer wichtiger für die Mobilität in der Großstadt. Als Auto-Ersatz für junge Eltern, für Kleinunternehmer und große Logistikfirmen. Die Verkehrspolitik eiert hinterher.

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Anton im roten Mercedes mit seinem Vater Felix Willems
Anton im roten Mercedes mit seinem Vater Felix WillemsFoto: Thilo Rückeis

Das Kiosk-Café Eule im Gleisdreieckpark liegt etwas versteckt zwischen den Schrebergärten. Der einstmalige Geheimtipp im Schöneberger Parkteil hat sich aber inzwischen herumgesprochen, an schönen Tagen kann der kleine Platz vor dem Kiosk ganz schön voll werden. Die Gäste kommen zu Fuß, mit Fahrrad, mit Fahrrad und Anhänger – und immer öfter halten auch Lastenräder dort an. Die gesellen sich zu dem dreirädrigen Transportrad, mit dem die Betreiber Nachschub für die hungrigen und durstigen Gäste in das Parkcafé bringen. „Ich wüsste gar nicht, wie wir das sonst machen sollten. Es sollen ja keine Autos im Park fahren“, sagt Wirtin Kristina Elig.

Die Lastenräder der Gäste sind ganz verschieden – und unterschiedlich sind auch die Nutzungen. Da ist das Modell Marke Eigenbau, das ein junger Vater selbst gebastelt hat, um seine Tochter herumzukutschieren. Er trifft auf die Flohmarkt-Kinderbuchhändlerin, die sich immer ein Lastenrad von den Nachbarn ausleiht, wenn sie Bücher zu Märkten transportiert. Und manchmal kommt ein Familienvater, der statt seines Kleinkinds seine gehbehinderte Mutter ins Lastenrad lädt, wenn sie zu Besuch kommt, damit sie den Karottenkuchen in der Eule nicht verpasst. Sie alle kommen schnell miteinander ins Gespräch – das Thema sind immer wieder auch die Räder selbst. Nur die Kuriere, die auf den schnellen Transport-Zweirädern der Marke Bullitt vorbeisausen, haben keine Zeit für ein Stück Kuchen.

Cargobikes sind keine Nischenprodukte mehr

Das Rad der Wirtin stammt von der Firma Christiania aus Kopenhagen und ist besonders häufig in Berlin zu sehen. Aber auch die niederländischen Bakfiets-Modelle fahren immer öfter über die Berliner Straßen (siehe Text unten links). Das Lastenrad, das in Amsterdam und Kopenhagen traditionell das Stadtbild beherrscht, ist dabei, auch Berlin zu erobern. Oder besser: wieder zu erobern. Schließlich war es zu Beginn des 20. Jahrhunderts ein weit verbreitetes Transportmittel – bis es von der Innovation Auto verdrängt wurde. In Wilmersdorf, Steglitz oder Marzahn kann es zwar noch passieren, dass alte Damen neugierig fragen, was das denn für ein merkwürdiges Gefährt sei. In Schöneberg, Friedrichshain und Kreuzberg aber sind die Räder aus dem Stadtbild nicht mehr wegzudenken. Vor allem Familien und kleine Firmen nutzen das Fortbewegungsmittel zunehmend als Auto-Ersatz.

„Seit etwa drei Jahren geht es steil nach oben mit den Lastenrädern. Und die Entwicklung wird weitergehen“, sagt Michael Schönstedt von der Firma Pedalpower in Lichtenberg, die die Strampeltransporter seit 15 Jahren herstellt. „Die ersten Lastenräder haben wir für Bioläden und Kitas angefertigt. Vor zehn Jahren war das noch ein Nischenprodukt. Das ist es längst nicht mehr.“ Mehrere hundert pro Jahr werden in Lichtenberg geschweißt und montiert, nicht alle werden innerhalb Berlins verkauft. Gerade sind Schönstedts Mitarbeiter dabei, eine Bestellung für den Logistikkonzern UPS fertigzubauen – auch dort setzt man offensichtlich nicht mehr nur auf große braune Lieferwagen mit Motor.

Berlin fährt Rad
Diesen Tretroller hat die Fahrradstaffel der Berliner Polizei in Mitte aus dem Verkehr gezogen. Begründung: Das sportliche Gefährt fährt mit Elektromotor - und zwar autonom mit einem Gaspedal. Dafür hätte der Fahrer eine Zulassung gebraucht.Weitere Bilder anzeigen
1 von 411Foto: Polizei Berlin
28.07.2017 10:51Diesen Tretroller hat die Fahrradstaffel der Berliner Polizei in Mitte aus dem Verkehr gezogen. Begründung: Das sportliche Gefährt...

Schönstedt läuft von seinem Laden, in dem einige seiner Mitarbeiter mit Endmontage beschäftigt sind, zur großen Werkstatt in einem Hinterhof schräg gegenüber. Er zeigt auf eine Bäckerei neben seinem Geschäft: „Die haben jetzt auch ein Lastenrad. Und der Eisladen da hinten hat eins mit Kühlung bestellt.“ Viele der Pedal-Power-Lastenräder haben inzwischen einen Elektromotor, vor allem die für die Kurierdienste. „Der Energieverbrauch ist im Vergleich mit einem Auto minimal. Das kostet etwa 20 Cent auf 100 Kilometer.“ Schönstedt hat die Idee, auch dafür zu sorgen, dass überall in der Stadt Solarstationen zum Nachladen aufgestellt werden. Etwa 15 Kurierfirmen seien mit Lastenrädern in Berlin schon unterwegs, schätzt Schönstedt. Da würde sich das lohnen.

Ein weiterer Vorteil, diesmal gegenüber normalen Fahrrädern: Lastenräder sind sichtbarer im Straßenverkehr. „Auf meinem Transportrad bekomme ich von den Autofahrern mehr Respekt entgegengebracht“, sagt Joachim Mull, ein Tischler, dessen Rad ebenfalls aus der Lichtenberger Werkstatt stammt (siehe auch Porträts links). Andererseits würden Lastenradfahrer durch die Tücken der viel zu wenig auf Räder ausgelegten Verkehrsstruktur Berlins stärker behindert als die wendigeren Fahrradfahrer. „Wenn da plötzlich ein Bordstein in die Quere kommt, ist das schon ein größeres Hindernis für mein schwer beladenes, langes Rad“, sagt Mull.

Wenn nun aber immer mehr Lastenräder auf die Berliner Straßen drängen, können sie dann dafür sorgen, dass eine bessere Infrastruktur für alle Radfahrer entsteht? „Das passiert definitiv“, sagt Michael Schönstedt, „In 20 Jahren wird unsere Stadt ganz anders aussehen. Kopenhagen und Amsterdam müssen die Vorbilder sein. Die Radwege werden neu erfunden werden. Sie müssen breiter werden. Wir müssen den Autos eine Fahrspur wegnehmen.“

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Berliner Lastenradnetzwerk - Bau dir ein Fahrrad!
Berliner Lastenradnetzwerk - Bau dir ein Fahrrad!

Berlin wird Fahrradstadt

Eine mutige Vision. Was das Neuerfinden des Fahrradverkehrs angeht, ist Berlin nämlich alles andere als kreativ. Anfang März 2013 beschloss der Senat die Neuauflage der „Radverkehrsstrategie“, die eine Maßnahmenliste von 80 Punkten und viele Versprechen enthielt. Im Februar musste der Senat nun, auf Anfrage der Piratenfraktion, zugeben: Fast nichts davon wurde umgesetzt. Fast kein zusätzliches Personal für die Radverkehrsplanung, keine Strategie gegen Falschparker auf Radwegen. Dazu passt, dass Berlin beim aktuellen „Fahrradklimatest“ des Allgemeinen Fahrradclub Deutschlands und des Bundesverkehrsministeriums unter den Großstädten auf Platz 30 gelandet ist – von 39. Lastenräder sind hier zwar nicht explizit Thema – aber die Schulnoten 4,7 für die Oberfläche der Radwege sowie 4,8 für deren Breite zeigen: Da liegt noch einiges im Argen.

Diese Zahlen erscheinen umso problematischer, weil Berlin sich offenbar immer stärker zur Fahrradstadt entwickelt – und das eben nicht nur auf dem Segment der schlanken Normalmodelle. „Seit etwa fünf Jahren haben wir konstant hohe Verkaufszahlen bei Lastenrädern“, sagt Rosanna Hopp, Geschäftsführerin des Fahrradladens Mehringhof. „Es gibt keinen kurzfristigen Boom, sondern ein richtiges Umdenken. Wenn Leute Eltern werden, kaufen sie sich nicht mehr automatisch ein Auto, sondern oft stattdessen ein Lastenrad.“ Wie zum Beweis schiebt gerade eine junge Mutter ihr Rad in den Verkaufsraum. Sie bringt es zur Reparatur, ihr Kleinkind zieht in den Buggy um – der passt locker mit in die Lastenkiste.

Es gibt kein Umdenken in der Politik

Was die weitere Entwicklung des Geschäfts mit den großen Rädern angeht, ist Rosanna Hopp optimistisch: „Je sichtbarer die Lastenräder werden, desto mehr Leute kommen auf den Gedanken, eins anzuschaffen.“ In Bezug auf die Berliner Fahrradinfrastruktur ist sie trotzdem nicht besonders zuversichtlich. „Es gibt ein Umdenken in der Bevölkerung, was das Verhältnis zum Fahrrad angeht – aber nicht in der Politik. Wir brauchen bestimmt noch zehn Jahre, bis sich etwas bewegt.“

Die Jahreszahl 2025 kommt mehrmals als Zielsetzung in der Berliner „Radverkehrsstrategie“ vor. Verkehrsstaatssekretär Christian Gaebler (SPD) ist der Meinung, dass die Politik durchaus schon etwas bewegt: „Wir bauen das Radroutennetz aus und haben ein paar große Projekte schon umgesetzt, etwa in der Turmstraße und der Müllerstraße. Die Warschauer Straße folgt jetzt. Dass manches lange dauert, will ich nicht bestreiten. Aber da arbeiten wir dran.“ Fast vier Millionen Euro sollten 2015 in den Radwegebau investiert werden. „Was die Kritik an der Breite der Fahrradwege betrifft, muss ich sagen, dass wir ja eben keine solchen mehr bauen, sondern Radfahrstreifen auf der Fahrbahn.“

Fahrradstraßen wären auch für Kinderanhänger wichtig

Viele Betroffene teilen Gaeblers Optimismus nicht. „Der Radverkehr hat einfach keine Priorität für die Verantwortlichen in der Stadt“, sagt etwa Hans Bichel. Bichel, ein großer Mann mit grauen Wuschelhaaren, sammelt Oldtimer-Lastenräder. Er informiert auf der Facebookseite „Bakfiets Lastenfahrrad“ über alles, was in der Berliner Szene so vor sich geht. Man trifft ihn an Samstagen auf dem Markt am Südstern in Kreuzberg. Bichel lehnt an seinem übergroßen roten Gefährt mit drei Rädern. Daran klebt ein Plakat, auf dem ein Lastenradrennen auf der Messe Velo angekündigt wird. Bichel wird mitfahren. „Breitere Radwege und Fahrradstraßen wären nicht nur für Lastenräder, sondern auch für Fahrräder mit Kinderanhängern wichtig – davon gibt es noch mehr als Lastenräder.“

Dann begrüßt er Arne Behrensen, der seine eineinhalbjährige Tochter auf dem Arm trägt. Die beiden sind ebenfalls mit dem Lastenrad gekommen. Behrensen hat das Rennen mitorganisiert, beim Verkehrsclub Deutschland ist er dafür zuständig, das Lastenrad als professionelle Transportmöglichkeit populärer zu machen: „Mehr als die Hälfte aller Transporte in der Stadt könnten mit Lastenrädern gemacht werden. Dazu gehören alle Privateinkäufe“, sagt Behrensen. „Das würde mehr Lebensqualität für alle Berliner bringen. Zum Beispiel die Schadstoffemissionen eindämmen. Dann könnten Kinder wieder auf der Straße spielen – bei uns auf der Sonnenallee in Neukölln ist die Luft furchtbar.“

In Berlin gehört das Lastenrad zum Straßenbild

Auch beim Logistikunternehmen der Post, DHL, ist man schon aufs Lastenrad gestoßen. Drei Monate lang wurden im vergangenen Jahr zwei unterschiedliche Fahrradmodelle in Berlin getestet, um kleinere Paketsendungen im Expressversand auszuliefern: ein zweirädriges Lastenrad mit verschließbarer Transportbox, die 140 Liter fasst. Und ein normales Fahrrad – die Sendungen werden in diesem Fall im Kurier-Rucksack transportiert. Elias Gansel von DHL hatte die Idee zu dem Projekt und koordiniert es von Bonn aus. Auch in Frankfurt gab es eine Testphase: „Dort war unser ,Parcycle‘ gefühlt das erste Lastenrad in der Stadt – in Berlin gehört das ja schon zum Straßenbild.“

Und was haben die Tests ergeben? „Unser Favorit ist das normale Fahrrad mit Rucksack“, sagt Gansel. „Das ,Parcycle‘ kann mehr mitnehmen, braucht aber eine bessere Infrastruktur.“ Und die gibt es eben nicht in Berlin. Gansel hat zudem festgestellt, dass es auch für das Unternehmen selbst viel Aufwand bedeutet, Lastenräder als Kurierfahrzeuge einzuführen. Spezielle Depots zur Paketverwahrung müssten eingerichtet werden. Und Rad und Box müssten gut vor Diebstahl gesichert werden. Andererseits sei die Zustellqualität besser als bei Autos. Gansels Fazit: „Man kann Lastenfahrräder nicht überall einsetzen. Je kürzer die Wege, desto besser funktioniert es.“ Ab dem Sommer will DHL deshalb sowoh Lastenräder als auch normale Fahrräder regulär in Berlin einsetzen. Erstere aber nur dort, wo es gute Wege gibt. „Es wird noch das eine oder andere Jahr dauern, bis die Potenziale richtig genutzt werden.“

Sich mit wenig Kapital selbstständig machen

Auch ein anderes Potenzial wird wohl noch eine Weile nicht so intensiv genutzt werden: „Lastenräder sind eine tolle Möglichkeit, sich mit wenig Geld selbstständig zu machen. Zum Beispiel, indem man es als Verkaufsstand nutzt“, sagt Stella Denning, die genau das gemacht hat und selbst gebackenen Kuchen verkauft. Weniger begeistert ist man beim Bezirksamt Kreuzberg: Wenn man Standgenehmigungen erteile, etwa für Parks, sei es schwer, Grenzen zu setzen. Auf einmal stünden dann 15 mobile Läden da und die Spaziergänger hätten keine Ruhe mehr. Und kontrollieren könne man Lastenrad-Stände auch schwer, da man sie schlecht verfolgen könne, wenn sie davonführen.

Auch Sophia-Maria Antonulas hat eine Absage vom Bezirksamt bekommen, als sie nach einer Erlaubnis fragte, vom Lastenrad aus Kleidungsstücke mit dem Schriftzug „I bike Berlin“ zu verkaufen. Damit will Antonulas nicht nur Geld verdienen, sondern auch „das Radfahren in Berlin promoten“. Aber ihr wurde keine Erlaubnis erteilt: „Als ich nach Plätzen fragte, hieß es, ich würde dann einem Auto den Parkplatz wegnehmen.“

Der vorliegende Text erschien - ebenso wie die folgenden Porträts - erstmals gedruckt am 21.März 2015 in der Tagesspiegel-Samstagsbeilage Mehr Berlin.

Platz für bis zu acht Kinder: ein Hecklader von Pedalpower.
Platz für bis zu acht (kleine) Kinder: ein Hecklader von Pedalpower.Foto: Pedalpower

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