Lehrermangel in Berlin : Was der Senat versäumt hat - und was jetzt passieren müsste

Berlin fehlen in diesem Jahr 825 Grundschullehrer. Der Mangel war seit langem absehbar. Bildungssenatorin Scheeres findet trotzdem, sie habe nichts falsch gemacht.

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Es fehlen Lehrer in Berlin.
Es fehlen Lehrer in Berlin.Foto: dpa

In Berlin sind vor allem Grundschullehrer Mangelware. Seit Jahren müssen Studienräte einspringen. Dieses Jahr ist die Diskrepanz besonders groß: 1000 neue Grundschullehrer werden gebraucht, nur 175 beenden die Ausbildung.

Warum verschärft sich der Lehrermangel in Berlin erneut?

In Berlin ist fast jeder fünfte Lehrer über 60 Jahre alt. Es gibt somit weit über 5000 Lehrer in dieser Altersgruppe (s. Grafik). Dies bedeutet, dass pro Jahr rund 1000 Lehrer in Pension gehen. Hinzu kommt, dass die Schülerzahl – etwa durch Zuzüge aus anderen Bundesländern – um jährlich rund 5000 wächst. Auch das treibt den Lehrerbedarf hoch. Zusätzlich werden für tausende Flüchtlingskinder Pädagogen gebraucht. In den ersten Monaten sind sie zwar in den Willkommensklassen, wo sie von eigens eingestellten Sprachlehrern unterrichtet werden. Aber anschließend müssen sie in den normalen Unterricht integriert werden und benötigen voll ausgebildete Fachlehrer.

Warum ist die Ausbildung von Grundschullehrern besonders aufwändig?

Lehrer für Gymnasien und Sekundarschulen können Veranstaltungen besuchen, die auch Studenten mit anderen Berufszielen studieren – eine Literaturvorlesung beispielsweise ist eben nicht nur für angehende Deutschlehrer gedacht, sondern auch für künftige Bibliothekare. Auch Physik- oder Biologieangebote müssen nicht ausschließlich für Lehrer vorgehalten werden, sondern gehören zu den so genannten polyvalenten Bachelorstudiengängen. Hingegen müssen für die Grundschullehrer spezielle Seminare konzipiert werden, die ausschließlich der Vorbereitung auf den Unterricht mit kleinen Kindern – etwa ihrer Alphabetisierung – dienen. Diese Studienplätze sind personalintensiv und somit teurer.

Wer entscheidet über die Ausbildungskapazitäten?

Die Senatsverwaltung für Wissenschaft verhandelt mit den Universitäten im Rahmen der Hochschulverträge, welche Angebote sie vorhalten sollen. Dafür bekommen sie vom Land Geld. Solange Berlins Schülerzahlen schrumpften und nicht so viele Pädagogen im Pensionsalter waren, brauchte Berlin nur wenige Kapazitäten für Lehrerstudienplätze. In den Hochschulverträgen, die für 2010 bis 2013 galten, wurde eine „Zielzahl“ von 850 Lehrern festgeschrieben. Wegen der Pensionierungswelle wurde diese Zahl 2014 auf 1000 hochgesetzt. Allerdings legte die Wissenschaftsverwaltung nicht fest, wie sich diese 1000 Lehrer auf die verschiedenen Schulformen verteilen sollten.

Es gab für die Universitäten also keine Veranlassung, besonders viele Studienplätze für Grundschullehrer anzubieten. Steffan Baron, der Leiter der HU-Studienabteilung sagte, dass sein Haus die Ausbildungskapazität im Zuge der Lehrkräftebildungsreform zum Wintersemester 2015/16 durch eine „erhebliche Personalaufstockung“ mehr als verdoppelt habe. Dies sei nur durch umfangreiche Umschichtungen im Haushalt möglich gewesen – und „ohne jegliche Intervention des Landes“ realisiert worden. Erst nachdem dieser Ausbau abgeschlossen war, im Oktober 2015, habe das Land die Universitäten über das „erhebliche Defizit“ bei den Grundschullehrern informiert.

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Wie kann den Grundschulen auf die Schnelle geholfen werden?

Um den Bedarf an 1000 neuen Grundschullehrern bis zum Sommer 2016 überhaupt stillen zu können, wurden schon zum 1.Februar mehr Lehrer eingestellt, als aktuell gebraucht werden. So soll vermieden werden, dass die wenigen frisch ausgebildeten Grundschullehrer abwandern. Das sind neben den nur 175 Absolventen des regulären Grundschulreferendariats auch die Lehrer, die ein berufsbegleitendes Referendariat absolviert haben. Aber auch das wird bei weitem nicht reichen, um die 1000 offenen Stellen zu besetzen. Der Senat wird wieder Quereinsteiger finden müssen. Berufsschulen kommen mit diesen Quereinsteigern mitunter gut zurecht, jedoch tun sich diese nur angelernten Lehrer in Brennpunktschulen und Grundschulen eher schwer, weil sie hier mehr pädagogisches Handwerkszeug bräuchten.

Ist Hilfe aus den anderen Bundesländern zu erwarten?

Ohne Bewerber aus anderen Bundesländern wäre Berlin in den Vorjahren nicht ausgekommen. Dieser Zufluss wird sich aber wahrscheinlich verringern, weil wegen der Flüchtlinge vielerorts zusätzliche Lehrer gebraucht werden. So stellt Bayern ausnahmsweise mitten im Schuljahr Lehrer ein. Dies gilt allerdings vor allem für Grundschullehrer. Studienräte hingegen befinden sich weiterhin massenhaft auf Wartelisten. In den Vorjahren ist es immer wieder gelungen, einige von ihnen auch für die Berliner Grundschulen zu gewinnen. Sie werden vor allem in den Klassen 5 und 6 eingesetzt.

Wann ist in Berlin Entspannung in Sicht?

Erst in fünf bis sieben Jahren werden deutlich mehr Grundschullehrer ins Referendariat kommen. Kurzfristig ist somit keine Besserung in Sicht. Im Gegenteil. Die FU erinnert daran, dass sich – bedingt durch die Umstellung auf das neue Lehrkräftebildungsgesetz – die Regelstudienzeit des Masterstudiums von zwei auf vier Semester erhöht hat. Daher falle 2016 eine ganze „Abschlusskohorte“ bei den Grundschullehrern weg. Das Bachelorstudium werden voraussichtlich nur 78 FU-Studierende abschließen. Somit wird es auf lange Sicht kaum Nachwuchs bei den Grundschullehrern geben. Vielmehr wird es noch jahrelang so weitergehen, dass die geringen Kapazitäten interessierte Abiturienten von diesem Studium fernhalten.

Hat sich der Senat bei der Bedarfsplanung verkalkuliert?

Die aktuellen Hochschulverträge wurden verhandelt, als Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) bereits im Amt war. Zuständig für den Hochschulbereich war damals Wissenschafts-Staatssekretär Knut Nevermann, inzwischen ist es Steffen Krach (SPD). Die Frage, ob es nicht ein Versäumnis war, in den Verträgen keine Zielzahlen für den Grundschulbereich festzulegen, verneint Krach und argumentiert damit, dass die Schülerzuwächse nicht planbar gewesen seien. Im übrigen seien gegenüber den Verträgen von 2010 die generellen Zielzahlen von 850 auf 1000 heraufgesetzt worden. Krach räumt ein, „dass mittlerweile ein darüber hinausgehender Bedarf besteht“. Aber allein die Pensionierungsrate bei den Grundschullehrern hätte es gerechtfertigt, schon vor Jahren höhere Ausbildungskapazitäten zu verhandeln.

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